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Oft gehört, nie wirklich verstanden – was ist eigentlich Chirotherapie? Klingt irgendwie nach Chirurgie, aber ist das nicht so was wie Einrenken? Eine neue rbb Praxis Serie zu medizinischem Wissen für den Alltagsgebrauch.
Hexenschuss nach dem Kistenschleppen oder chronische Schmerzen im Kopf und Nacken durch Computerarbeit - fast jeder kennt solch lästigen Beschwerden. Grund für die Schmerzen sind meist Verspannungen und Verhärtungen der tiefen Rückenmuskulatur, aber auch Verschleißerscheinungen von Bändern und Gelenken. Sie entstehen durch alltägliche Belastungen und durch dauerhafte Fehlhaltungen. Die Schmerzen führen dazu, dass wir uns verkrampfen und eine Schonhaltung einnehmen. Dadurch nimmt die Fehlbelastung zu, die Muskeln rundherum verspannen noch mehr, die Schmerzen werden stärker und so fort.
Linderung kann in solchen Situationen "sanfte Gewalt" schaffen, nämlich die Behandlung eines Chirotherapeuten oder -praktikers. Die Bezeichnung leitet sich vom griechischen Wort für Hand (Cheir) ab. Somit ist die Chirotherapie bzw. -praxis eine "Therapie mit den Händen". Denn die Hand ist das wichtigste Werkzeug der Therapeuten – für die Diagnostik und die Therapie.
Chirotherapeut oder Chiropraktiker?
Der Behandler muss die Zusammenhänge im Körper im Blick haben. Das macht eine fundierte Ausbildung notwendig. Bei der Bezeichnung gibt es Unterschiede: "Chirotherapeuten" sind ausschließlich Ärzte, die durch eine standardisierte, einheitliche Weiterbildung und Prüfung diese Zusatzbezeichnung erworben haben. „Chiropraktiker“ hingegen können auch Heilpraktiker oder Physiotherapeuten sein, die ein entsprechendes Diplom haben. Die einzelnen Bezeichnungen sind nicht geschützt. Die DGMSM empfiehlt zum ärztlichen Chirotherapeuten zu gehen, da dieser das größte Wissen bei den Kontraindikationen hat. In der Schweiz und den USA heißen die Therapeuten übrigens Chiropraktoren.

Was passiert bei der Chirotherapie?
Chirotherapeuten diagnostizieren und behandeln mechanische Probleme an Gelenken, Muskeln, Sehnen und Bändern sowie die Auswirkungen, die diese Probleme auf die Funktion des Nervensystems haben können. Durch gezielte Handgriffe sollen Verschiebungen und Fehlstellungen, so genannte Blockaden, an der Wirbelsäule oder an anderen Gelenken gelöst werden.
Diese Blockaden erkennt der Experte daran, dass die Gelenke beim vorsichtigen Bewegen "sperren". Um die Blockade zu beheben, wird das betroffene Gelenk zunächst vorsichtig "unter Spannung" gesetzt. Das sollte nicht schmerzhaft sein. Schließlich wird das Gelenk mobilisiert: Der Therapeut dehnt das Gelenk mit einem sanften Ruck, indem er über den Anschlag hinaus einen kleinen schnellen Impuls auf das Gelenk gibt. Auch das ist normalerweise nicht schmerzhaft.
Je nachdem wie stark ausgeprägt eine Blockade ist, reicht manchmal schon ein sanfter Druck auf das Gelenk oder bestimmte Triggerpunkte in den Muskeln aus. Auch rhythmisches Bewegen der betroffenen Stellen kann helfen Blockaden zu lösen. Ohnehin hat sich die Chirotherapie in den letzten Jahren gewandelt: Statt heftiges Knacken zu verursachen, wenden die Therapeuten zunehmend sanfte Methoden der Chirotherapie an, für die sie kurze und geringe Impulse einsetzen.
Bei einer erfolgreichen Behandlung ist der Effekt oft sofort spürbar: So verschwindet beim Hexenschuss die "Schieflage" im Rücken und die Muskelverhärtungen. Ein leichter Muskelkater kann zurückbleiben. Die schnelle Wirkung macht die Chirotherapie bei den Patienten sehr beliebt.

Für wen ist Chirotherapie nicht geeignet?
Schmerzen, die durch starken Verschleiß wie bei Arthrose oder Polyarthritis auftreten, können durch Chirotherapie nicht gebessert werden. Zumindest der Verschleiß selbst wird nicht behoben. Die dadurch entstehenden, schmerzbedingten Fehlhaltungen kann die Chirotherapie zeitweise lindern.
Bei einem Hexenschuss sollte ein Bandscheibenvorfall ausgeschlossen werden. Das geschieht durch die Befragung des Patienten, das Prüfen von Reflexen und ggf. bildgebende Verfahren wie Röntgen, Computertomografie und/oder Kernspintomographie. Deshalb sollte man bei starken Rückenschmerzen besser zuerst einen Arzt aufsuchen. Unbedingt notwendig ist ein Arztbesuch, wenn zu den Schmerzen ein Taubheitsgefühl in einem oder beiden Beinen kommt oder Störungen beim Wasserlassen und Stuhlgang auftreten.
Bei einer starken Osteoporose (Knochenschwund) ist von Chirotherapie ebenfalls abzuraten. Im schlimmsten Fall kann eine Manipulation zu Knochenbrüchen führen. Auch bei chronischen Instabilitäten, also Patienten, die alle 14 Tage neu eingerenkt werden müssen, ist die Chirotherapie kontraindiziert. Hier hilft zu klären, welche Muskelgruppen betroffen sind, eine gezielte Physiotherapie zu machen und so eine Stabilisierung zu erreichen.
Welche Risiken birgt die Chirotherapie?
Vor einigen Jahren berichteten die Medien wiederholt über einen möglichen Zusammenhang zwischen Chirotherapie an der Halswirbelsäule und dem Auftreten von Schlaganfällen. Eine direkte Folge der Chirotherapie auf eine gestörte Durchblutung des Gehirns wurde bisher nicht bestätigt. Möglicherweise war der durch einen Riss in einem Blutgefäß hervorgerufene Schmerz der Grund gewesen, einen Chiropraktiker aufzusuchen. Der Schlaganfall wäre also vermutlich früher oder später auch ohne die chiropraktische Behandlung aufgetreten.
Wie geht es weiter nach der Chirotherapie?
Nach Beseitigung der Blockaden ist eine weitere Behandlung wie zum Beispiel Krankengymnastik sinnvoll, um Rückfälle zu vermeiden. Aktive sportliche Betätigung sollte für weiteren Muskelaufbau genutzt werden, denn nur eine ausreichend kräftige Muskulatur kann die Wirbelsäule halten, stützen und entlasten.
Zusätzlich sollte man einige Verhaltensregeln für den Alltag beachten: Bei Rückenbeschwerden sollte man bei der Arbeit immer wieder bewusst die Körperhaltung ändern, vom Sitzen ins Stehen wechseln und zwischendurch auch mal ein paar Schritte laufen. Wechseln Sie möglichst oft in die Bauchlage, zum Beispiel beim Fernsehen oder Lesen. Tragen Sie nichts, was Sie nicht auch rollen oder schieben können. Beim Hochheben schwerer Gegenstände gehen Sie in die Hocke gehen und halten die Arme dicht am Körper. Das belastet den Rücken weniger.
Chirotherapie bei Kindern
Ein Einsatzgebiet der Chirotherapie bei Kindern ist das so genannte "KISS-Syndrom" (Kopfgelenk-induzierte Symmetriestörung). Dieses soll nach einer schwierigen Geburt auftreten – beispielsweise, wenn das Kind mit Hilfe einer Saugglocke auf die Welt kommt. Die Halswirbelsäule kann dadurch Schaden nehmen, sie wird gestaucht oder leicht "verrenkt", aber auch genetische Ursachen werden vermutet. Mögliche sichtbare Folgen sind eine Schiefhaltung des Kopfes. Die Verspannungen tun den Kindern weh, sie weinen viel, sind oft sogar "Schreikinder" und haben Probleme beim Trinken.
FAZIT: Chirotherapie ist hilfreich, vorausgesetzt sie erfolgt mit der modernen weichen Methode von einem speziell ausgebildeten Chirotherapeuten und man sieht in ihr keine Dauerlösung.
Filmbeitrag: Carola Welt
Infotext: Beate Wagner







