Gemüsesaft in einem Glas (Quelle: rbb)

- Heilfasten - Gesundheit durch Verzicht?

Ein Leben lang Medikamente nehmen - für Tausende Patienten in Deutschland ist das die Realität. Bei chronischen Erkrankungen wie Rheuma, Bluthochdruck oder Diabetes muss über die Jahre oft die Dosis erhöht werden - eine zunehmende Belastung für den Organismus. Heilfasten kann ein Ausweg sein. Wissenschaftliche Studien belegen: Nach einer Fastenkur lässt sich die Dosis der Medikamente oftmals reduzieren.

Heilfasten ist dieser Tage wieder in aller Munde. Kein Wunder: Der Verzicht auf feste Speisen im Frühling hat in vielen Kulturen und Weltreligionen Tradition. In der katholischen Kirche startet der Brauch jedes Jahr nach Karneval - als Vorbereitung auf das Osterfest.

Immer mehr Menschen verzichten heute aber auch ohne religiösen Hintergrund auf das regelmäßige Essen - sie fasten aus medizinischen Gründen. Wenn der Körper keine oder weniger Nahrungsenergie erhält, als er braucht, stellt er auf den sogenannten Hungerstoffwechsel um: Der Stoffwechsel brennt auf Sparflamme. Der Organismus greift dann seine Energiereserven in Form von Glykogen an. Das sind die körpereigenen Kohlenhydratreserven in Leber und Muskeln, Körpereiweiß und -fett.

Wissenschaftlich ist unstrittig: Eine Fastenkur kann helfen, Blutfette, den Blutzucker oder Entzündungsmarker zu bessern oder den Blutdruck zu senken. Zudem hat Fasten einen modifizierenden Einfluss auf das Immunsystem und kann das Bindegewebe entwässern. Sinnvoll kann eine Fastenkur daher zum Beispiel für Menschen mit Diabetes sein. Wenn Diabetiker zusätzliche Energiequellen minimieren, schaltet ihr Stoffwechsel um auf seine Basis: Blutzuckerwerte sinken ab, die Zellen werden wieder sensibel für Insulin. Bei Patienten mit rheumatoider Arthritis werden weniger der hormonähnlichen Substanzen wie Eicosanoide und Cytokine gebildet, welche die chronische Entzündung anfeuern. Weiter profitieren Menschen mit Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörung, Gicht oder Allergien. All diese Patienten mit chronischen Erkrankungen dürfen aber nur unter ärztlicher Kontrolle fasten. Für Schwangere, Stillende, Kinder und Jugendliche, alte Menschen oder solche mit schweren Allgemeinerkrankungen, bestehender Herzkrankheit oder zu hohem Harnsäurespiegel ist längeres Fasten ungeeignet und kann gesundheitsschädlich sein.

Frau schneidet Erdbeeren auf einem Brettchen (Quelle: rbb)

Fasten hat nichts mit Reinigung zu tun

Die positiven Effekte des Fastens bei Kranken gehen vor allem auf das schwindende Körpergewicht und die hormonellen Anpassungsvorgänge zurück - und nicht, wie häufig behauptet wird, auf eine Entgiftung. Nach den Kriterien der evidenzbasierten Wissenschaft sind Effekte wie "entschlacken" oder "entgiften" wissenschaftlich ohnehin nicht begründbar. Otto Buchinger, Begründer des medizinischen Heilfastens, prägte den Begriff "Entschlackung". Seit etwa 1920 benutzte er ihn als Sinnbild, um die inneren Vorgänge beim Fasten zu beschreiben. Buchinger zufolge sind "Schlacke" Abfallprodukte, die im Körper etwa bei der Verdauung anfallen. Nur wenn der Organismus regelmäßig entschlacke, sei er in der Lage, Selbstheilungskräfte zu aktivieren. Bis heute fehlt der Nachweis für diese Theorie.

Vielmehr sind sich die Experten einig: Im menschlichen Organismus fallen keine Schlacken an. Die bei der Oxidation von Nährstoffen anfallenden Abbauprodukte wie Wasser, Kohlendioxid, Harnsäure und Ammoniak entsorgt der Organismus rückstandslos.

Und doch kann die Fastenzeit nachhaltig sein: Wer nach dem tagelangen Verzicht seine Ernährungsweise generell hinterfragt, hat schon viel gewonnen; wer nach dem Hungern seine Ernährung komplett umstellt und sie langfristig beibehält, erst recht. Zu einer gesunden Lebensweise gehören viel Gemüse und Obst, wenig Alkohol und viel Bewegung.

Aus Großbritannien schwappt derzeit ein neuer Trend nach Deutschland: Bei dem sogenannten Intervallfasten, der sogenannten 5:2-Diät, essen Teilnehmer fünf Tage normal, an zwei Tagen in der Woche fasten sie. Populär machte das Diät-Prinzip der britische Arzt und TV-Journalist Michael Mosley. Sein Abnehm-Buch "The Fast Diet" war im Vereinigten Königreich im vergangenen Jahr Amazon-Bestseller. Schätzungen zufolge probierten vier von zehn abnehmwilligen Briten die 5:2-Diät.

Handgelenkschmerzen (Quelle: rbb)

Studien belegen die positiven Wirkungen

Im Immanuel Krankenhaus entscheiden sich jedes Jahr rund 500 Patienten für eine stationäre Fastenkur. Viele von ihnen haben Gelenkbeschwerden. Im Moment läuft gemeinsam mit der Charité eine Studie zu Fasten bei Diabetes. Patienten, die vorher 100 Einheiten Insulin spritzen mussten, brauchten nach dem Fasten nur noch 20 Einheiten. Auch die Wirkung von Fasten auf den Bluthochdruck und beim Metabolischen Syndrom untersuchen die Ärzte der Naturheilklinik regelmäßig.

Beeindruckend sind beispielsweise auch die Ergebnisse einer anderen aktuellen Studie. Darin wurden 30 Frauen um die 50 Jahre untersucht, durchschnittlich hatten sie einen Body Mass Index (BMI) von 30. Zwölf von ihnen litten bereits unter einem Metabolischen Syndrom, also krankhaftem Übergewicht, 18 noch nicht. Alle Teilnehmerinnen fasteten sieben Tage nach Buchinger (300 kcal / pro Tag).

Vor und nach dem Fasten nahmen die Ärzte verschiedene Laborwerte ab, maßen den Blutdruck und fragten die Patientinnen nach ihrer psychischen Befindlichkeit. Ergebnis: Durchschnittlich verloren die Frauen 5-6 Kilogramm. Ihr systolischer Blutdruck sank im Durchschnitt um 16,2 mm Hg, der diastolische um 6,0 mm Hg. Das Fasten führte bei allen Teilnehmerinnen zu einer Senkung der Blutfette und Hormonwerte. Auch das psychische Befinden (Angst, Depressivität, Erschöpfung, Schlafqualität) hatte sich während des Fastens verbessert.

Gemüsesaft in einem Glas und auf einem Löffel (Quelle: rbb)

Anleitung zum richtigen Fasten

• Wer zum ersten Mal fastet, sollte das in einer Gruppe tun. Das ermöglicht den Austausch und erhöht die Chance, durchzuhalten.

• Eine Darmreinigung gehört zum richtigen Fasten dazu. Medizinisch gesehen muss aber nicht vehement abgeführt werden, zum Beispiel mit Glaubersalz. Ein entleerter Darm reduziert jedoch das Hungergefühl.

• Wer fastet, sollte täglich zwei bis drei Liter trinken. Diese Menge besteht zu je einem Viertel aus Fastenbrühe, Fruchtsaft, Wasser und Kräutertees. Wer mag, kann sich die Trinkmenge morgens sichtbar aufstellen, damit er diese auch bewältigt.

• Während der Fastentage tritt häufig ein Kältegefühl auf. Frischer Ingwer im Tee wärmt von innen.

• Der veränderte Stoffwechsel führt dazu, dass Fastende mehr schwitzen und Mundgeruch entwickeln. Eine verstärkte Hygiene und ab und an ein Zitronenbonbon helfen.

• Gesunde sollten etwa 5 bis 7 Tage fasten. Beim therapeutischen Fasten verzichten die Patienten bis zu 21 Tagen auf feste Nahrung - bitte immer nur in Absprache mit dem Arzt.

Das Immanuel-Krankenhaus und die Charité suchen derzeit nach Teilnehmern für eine Studie zum Thema "Fasten bei Diabetes". Bei Interesse melden Sie sich unter der Telefon-Nummer: 030 80505-614 oder per Mail: naturheilkunde@immanuel.de

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Frau schneidet Erdbeeren auf einem Brettchen (Quelle: rbb)

rbb PRAXIS, 12.03.2014 - Heilfasten kann chronisch Kranken helfen

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