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Patienten, die etwa nach einer erfolglosen Bandscheiben-Operation ständig unter Schmerzen leiden, kann ein "Schmerzschrittmacher" helfen. Er wird implantiert und "überlagert" mit elektrischen Impulsen die Schmerzweiterleitung zum Gehirn. Aber auch alternative Verfahren wie Meditation und Yoga, können bei Schmerzen helfen.

Es vergeht kein Tag ohne Schmerzen. Was für viele nach der reinsten Hölle klingt, ist für Schmerzpatienten oft Realität. Chronische Kopf- oder Rückenbeschwerden rauben den letzten Nerv und zerren an den Kräften. Irgendwann wird der ungebetene Gast zum Lebensinhalt. Chronische Schmerzen können nicht geheilt, sondern von den Betroffenen nur bewältigt werden. Millionen Menschen sind betroffen.
Doch nicht durch im Rücken oder im Kopf entstehen chronische Schmerzen. Auch ein schlecht operiertes Knie oder Sprunggelenk, eine Kalkschulter, rheumatoide Arthritis oder ein Reizdarmsyndrom können jahrelange Schmerzen bescheren. So unterschiedlich ihre Geschichten sind: Allen gemeinsam ist den Patienten die Suche nach alternativen Möglichkeiten, dem Schmerz zu begegnen. Denn dauerhaft Schmerzmedikamente zu nehmen, kann keine Lösung sein.

Bei chronischen Schmerzen ist die biologische Schutzfunktion verloren gegangen. Oft gibt es keinen Auslöser mehr, oder die Beschwerden haben sich davon abgekoppelt. Beispiel Rückenschmerzen nach Hexenschuss: Die akute Nervenreizung der Bandscheibe ist längst überstanden, der Schmerz aber bleibt.
Der Grund: Starke Schmerzen können lange im Gedächtnis bleiben und hinterlassen Spuren in den Nervenbahnen, im Gehirn und im Rückenmark. Je länger der Schmerz dauert, desto eher entwickelt sich daraus ein Teufelskreis. Die Nervenzellen werden empfindlicher, auf ständig wiederkehrende Reize reagieren sie schneller und sensibler. Irgendwann reicht schon die Angst vor dem Schmerz, um ihn auszulösen.
Nicht steroidale Antirheumatika (NSAR)
Sie gehören zu den beliebtesten Schmerzmitteln, sind zum Teil rezeptfrei erhältlich und werden vor allem bei Schmerzen und Entzündungen des Bewegungsapparates eingesetzt. Häufigste Vertreter sind Diclofenac, Ibuprofen oder Naproxen. Dass diese Arzneimittel auf Dauer Magenbeschwerden verursachen, ist vielen bewusst. Doch es kann noch zu weiteren gefährlicheren Nebenwirkungen wie Herzinfarkt, Schlaganfall oder Nierenversagen kommen. Werden die Wirkstoffe Ibuprofen und Diclofenac dauerhaft und hochdosiert eingenommen, erhöhen sie das Risiko von Magenblutungen und Nierenschäden. Die europäische Zulassungsbehörde EMA warnt zudem Patienten mit Herzschwäche, koronarer Herzkrankheit, Bluthochdruck, arterieller Verschlusskrankheit, Gefäßerkrankungen im Gehirn und Diabetes vor Diclofenac. Hoch dosiert (100–150 mg/Tag) drohen nach mindestens vierwöchiger Einnahme Herzinfarkt, Schlaganfall oder der Gefäß-bedingte Tod. Ähnliche Ergebnisse erbrachten das hochdosierte Ibuprofen (2.400 mg/Tag). Besser geeignet für Menschen mit Herzkreislauferkranklungen ist hingegen Naproxen (1.000 mg/Tag). Eine dauerhafte Anwendung von NSAR kann zudem Kopfschmerzen verursachen. Keinesfalls sollten diese wieder mit NSAR behandelt werden, das verschlimmert die Beschwerden. Auch bei Asthma sollte man mit NSRA vorsichtig sein.
Hinzu kommen Wechselwirkungen der nicht steroidalen Antirheumatiker mit anderen Medikamenten wie Acetylsalicylsäure (ASS). ASS hemmt der Plättchenbildung und schützt vor Herz-Kreislauf-Krankheiten. Die Wirkung wird durch NSAR eingeschränkt oder sogar aufgehoben. Wer auf beide Medikamente angewiesen ist, sollte ASS deshalb in großem zeitlichen Abstand vor NSAR einnehmen.
Acetylsalicylsäure (ASS)
Gering dosiert ist das Mittel gerinnungshemmend (ab 30 mg pro Tag) und wird zur Vorbeugung gegen Herzinfarkt oder Schlaganfall eingesetzt. Schmerzlindernd wirkt es ab 500 mg bis 1000 mg, höhere Dosierungen helfen bei chronisch entzündlichen Erkrankungen (zum Beispiel Rheuma). Bei etwa zehn Prozent der Patienten führt ASS zu Magenbeschwerden oder kleinen Magen- Darm-Blutungen. ASS sollte daher immer mit viel Flüssigkeit und nie auf leeren Magen eingenommen werden. Menschen mit Blutungsneigung, Nierenfunktionsstörungen und Magen- Darm Geschwüren sowie Asthmatiker wählen andere Mittel, Schwangere, Kinder und Jugendliche ebenso.
Paracetamol
Der Wirkstoff ist bei leichten bis mittelstarken Schmerzen und Fieber geeignet, hilft aber nicht bei Entzündungen. Paracetamol ist magenverträglicher als ASS. Es hat keine Nebenwirkungen für die Niere und das Herzkreislaufsystem. Allerdings sollte man auch hier auf die Dosierung achten, denn die Leber kann nur eine gewisse Dosis verstoffwechseln. Das Mittel kann relativ schnell überdosiert werden. Es kommt zu Übelkeit, Erbrechen, Bauchschmerzen, Schweißausbrüchen und schweren Leberschäden, bei Dauergebrauch zu Nierenschäden. Paracetamol ständig einzunehmen kann außerdem rasch zum Medikamenten-Kopfschmerz führen.
Metamizol
Metamizol wirkt Fieber entgegen, schmerzlindernd und krampflösend. Es soll nur kurzfristig eingesetzt werden, wenn schwere, mit NSAR nicht beherrschbare Schmerzzustände bestehen. Trotz strengster Einschränkung der Indikationen wird Metamizol hierzulande in den letzten Jahren jedoch wieder häufiger eingesetzt. In den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts wurde es in vielen Ländern vom Markt genommen (z. B. USA, Australien, Japan sowie in den meisten Ländern der Europäischen Union). In Deutschland wurden im Jahr 1987 alle Metamizolhaltigen Kombinationspräparate vom Markt genommen und die Monopräparate der Rezeptpflicht unterstellt. Trotz dieser Einschränkungen verzehnfachte sich die Zahl der Verordnungen in Deutschland im ambulanten Bereich von circa zehn Millionen Tagesdosen im Jahr 1990 auf mehr als 110 Millionen im Jahr 2009.
Experten sprachen von einer "gefährlichen Renaissance eines Schmerzmittels". Denn Metamizol kann eine allergische Schockreaktion auslösen, die tödlich enden kann. Es kann zudem dazu führen, dass keine weißen Blutkörperchen mehr gebildet werden. Ist ihre Zahl stark vermindert, sprechen Ärzte von einer Agranulozytose. Der Körper kann dann Infektionen, selbst eine banale Entzündung des Rachens, nicht mehr abwehren. Das Gefährliche ist, dass der Patient nicht merkt, dass seine körpereigenen Waffen fehlen. Wer Metamizol einnimmt, sollte sein Blutbild regelmäßig kontrollieren lassen und Infektionen nicht auf die leichte Schulter nehmen, sondern den Arzt sofort darüber informieren.

Elektrische Impulse lindern den Schmerz
Neben Medikamenten gehen Schmerzmediziner mit modernen Nervenstimulatoren gegen die chronischen Beschwerden vor. Die sogenannte Neurostimulation (Spinal Cord Stimulation) sorgt dafür, dass Schmerzsignale nicht an die im Rückenmark aufsteigenden und zu den zum Gehirn weiterleitenden Nervenfasern fortgeleitet werden.
Der Schmerz wird somit gedämpft. Bei einer Operation implantieren Ärzte dem Patienten ein Stimulationsgerät in den linken Oberbauch. Es hat etwa die Größe eines Herzschrittmachers. Das Gerät ist mit zwei Elektroden im Wirbelkanal verbunden. Durch feine elektrische Impulse an die Rückenmarksnerven wird die Schmerzweiterleitung in den Nervenbahnen des Rückenmarks gedämpft, der Schmerz so verringert. Der Träger spürt ein leichtes, angenehmes Kribbeln.
Nach der Implantation lernen die Patienten in der Rehabilitation, mit dem Stimulator umzugehen. Per Fernbedienung kann der Patient den Stimulator permanent oder für besonders belastende Aktionen anstellen. Ebenso lässt sich die Intensität des Gerätes regulieren. Die chronische Schmerzempfindung wird quasi "überschrieben". In der Regel ist das ein dauerhafter Effekt, der über viele Jahre stabil bleiben kann. Patienten, bei denen die Neurostimulation erfolgreich eingesetzt wird, geben eine Schmerzreduktion von 50 bis 90 Prozent an. Teilweise kann sogar völlige Schmerzfreiheit ohne das Kribbeln erzielt werden.
In einzelnen Fällen kommt es auch zu einer Gewöhnung, so dass die Wirksamkeit der Stimulation nachlässt und der Schmerz dann wieder mehr in den Vordergrund tritt. In der Schmerztherapie ist die Neurostimulation seit Jahren etabliert. Die Krankenkassen übernehmen die Behandlungskosten. Eingesetzt wird der Neurostimulator beispielsweise bei Herzpatienten oder Menschen mit chronischen Rückenschmerzen. Außerdem profitieren Menschen mit dem sogenannten "Failed-back-surgery-Syndrom" (FBSS). So bezeichnen Mediziner Beschwerden beziehungsweise Schmerzen, die sich auch nach einer Bandscheiben- oder Wirbelsäulenoperation nicht bessern. Wie häufig das FBSS ist, darüber ist man sich nicht einig. Zu den Schmerzen gesellen sich häufig Schlafstörungen, Depressionen, soziale und ökonomische Probleme.

Naturheilkunde gegen chronische Schmerzen
Schmerzpatienten können auch viel selber dazu beitragen, dass sie die Schmerzen weniger als Belastung erleben. Grundsätzlich sollten sie darauf achten, dass sie sich gesund ernähren, ausreichend schlafen und ihr Alltag durch einen Balance zwischen An- und Entspannung geprägt ist. Weiterhin können alternative Angebote aus der Naturheilkunde Linderung bringen. Dazu zählen Yoga, Atem-Meditation und Achtsamkeitsübungen, gymnastische Übungen, autogenes Training und aufsteigende Bäder. Angeboten werden sie zum Beispiel in der Tagesklinik des Immanuel Krankenhauses Berlin. Hier entwickeln die Patienten eigene Strategien, um mit dem Schmerz umzugehen. Sie lernen ihre Gefühle einzuschätzen, bewusster auf Körpersignale zu achten und gute Momente intensiver zu genießen. Ihnen geben sie fortan eine größere Bedeutung als dem Schmerz, er wird weniger beachtet, tritt in den Hintergrund des Bewusstseins. Innere Gelassenheit kann helfen, den Schmerz als zweitrangig zu bewerten, sogar regelrecht zu ignorieren und dadurch auch weniger darunter zu leiden.
Filmbeitrag: Ursula Stamm
Infotext: Beate Wagner











