
rbb Praxis - Feature -
Fast eine Milliarde Euro geben die Deutschen pro Jahr für "natürliche Heilmittel" aus. Das Geschäft läuft auf Hochtouren, sogar bei schweren Krankheiten. So bieten auch immer mehr Kliniken zusätzlich alternative Heilmethoden an. Einige Ärzte arbeiten ausschließlich mit "natürlichen" Therapien. Der Film begleitet mehrere Patienten, die nach Krebs-Operationen alternative Kliniken aufsuchen.
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Akupunktur, Biofeedback, Pilze, Mistel und Schlangengift gegen Krebs, Homöopathie, Kolonhydrotherapie, Meditation oder Yoga: Der Markt für alternative Heilmethoden ist riesig und unübersichtlich. Das Angebot reicht von Schmerzmitteln, Beruhigungs-Pillen bis hin zu Mitteln gegen Übelkeit oder Nahrungsergänzungsmittel gegen Krebs.
Die Liste an komplementären, natürlichen, ganzheitlichen Möglichkeiten ist lang. Eine einheitliche Definition für diese traditionellen Verfahren gibt es nicht. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) versteht unter Alternativmedizin Behandlungen, die "nicht Teil der Tradition eines Landes sind und nicht in das vorherrschende Gesundheitssystem integriert sind".

Für Deutschland sind diese Grenzen mittlerweile längst aufgeweicht: Mehrere Krankenkassen kommen für die Kosten beispielsweise für Homöopathie oder Akupunktur auf. Doch was ist anders an all diesen Verfahren – warum steigt die Nachfrage von Jahr zu Jahr? Im Gegensatz zu konventionellen Methoden gibt es bei den meisten Alternativverfahren keine wissenschaftlichen Studien, welche deren Wirkung nachweisen. Dennoch wenden sich immer mehr Menschen von der konventionellen Schulmedizin ab – und den alternativen Methoden zu. Die meisten nutzen die komplementären Methoden als Ergänzung.
Denn die Patienten fühlen sich dort besser aufgehoben. Die Ärzte oder Heilpraktiker beschäftigen sich intensiver mit ihnen, sie fühlen sich nicht als Nummer abgestempelt – sondern ganzheitlich wahrgenommen und behandelt. Es kommt den meisten Patienten auch nicht nur darauf an, dass ihre Krankheit möglichst schnell geheilt wird, sondern dass sie als ganzes Individuum wahrgenommen werden. Vor allem Menschen mit chronischen Erkrankungen haben das Gefühl, dass die Schulmedizin zudem zunehmend an ihre Grenzen stößt. Bei chronischen Verläufen kann die Schulmedizin sie oft nur noch unbefriedigend behandeln.
Viele Patienten haben zudem Angst vor Nebenwirkungen der Medikamente. So fürchten Krebspatientinnen beispielsweise die Folgen der Chemotherapie. Das können Übelkeit, Neuropathien und Haarausfall sein. Die Betroffenen können aber auch dadurch künstlich in die Wechseljahre kommen – und leiden dann zusätzlich zu der Krebserkrankung noch an Hitze-Wallungen, Schlafstörungen und depressiven Verstimmungen. Alternative Heilmethoden hingegen gelten als nebenwirkungsärmer – wenn nicht sogar als nebenwirkungsfrei.

So ist es seit Jahrzehnten Tradition, dass einige Krebspatienten beispielsweise auf die Mistel schwören. Unter Ärzten und Krebsforschern gibt es sowohl Gegner als auch Anhänger der Misteltherapie. In den deutschen Leitlinien zur wissenschaftlich fundierten Krebsbehandlung werden Mistelpräparate nicht empfohlen. Krebsforscher weisen darauf hin, dass bis heute ein zweifelsfrei anerkannter Beweis für den Nutzen von Mistelpräparaten fehlt. In anderen Ländern sieht man Medikamente mit Mistel ebenfalls meist eher kritisch.
Vor allem bei schwer kranken Menschen können alternativen Heilmethoden aber auch sehr gefährlich sein. Denn die Sicherheit traditioneller Methoden ist längst nicht so umfassend geprüft wie bei herkömmlichen Arzneien oder medizintechnischen Methoden. Die Präparate der Alternativmedizin sind offiziell keine Medikamente. Sie müssen kein Zulassungsverfahren durchlaufen. Für sie galten lange Zeit nur Ausnahmeregelungen. Heute müssen die Hersteller aber wenigstens Erfahrungsberichte vorlegen.
Pharmafirmen werden gezwungen, eine große Summe in klinische Forschung und den Zulassungsprozess zu investieren, wollen sie eine Arznei verkaufen. Denn damit ein "richtiges" Medikament auf den Markt kommen kann, muss es offiziell vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) zugelassen werden. Das aufwändige gesetzlich geregelte Zulassungsprozedere prüft, ob ein Arzneimittel wirksam und unbedenklich ist und ob die erforderliche pharmazeutische Qualität vorliegt. Der Unternehmer muss dazu eine Reihe von Unterlagen mit analytischen, pharmakologisch-toxikologischen und klinischen Prüfungen einreichen.
Dann folgen die Zulassungsstudien – ebenfalls eine zeitintensive und teure Angelegenheit. Sie können durchaus fünf oder zehn Jahre dauern. Zunächst benötigt das Unternehmen Studien der Phase I bis III, um überhaupt den Zulassungsantrag beim BfArM stellen zu können. Phase I Studien weisen die Verträglichkeit an Gesunden nach. Phase II Studien analysieren die richtige Dosis. Phase III Studien prüft die Arznei in einer größeren Patientengruppe, meist an mehreren tausend Patienten. Klinische Prüfungen nach der Zulassung werden dann als Phase IV bezeichnet. Bei diesen Prüfungen geht es darum, noch mehr über das Arzneimittel zu erfahren, z.B. wie es im Vergleich zu anderen Medikamenten wirkt.

Als Wirksamkeitstests führen Wissenschaftler sogenannte Doppelblindstudien durch. Eine Doppelblindstudie ist eine klinische Studie zur Prüfung spezifischer Arzneimittelwirkungen. Dabei erhält ein Teil der Patienten eine bestimmte Arznei, ein anderer Teil zur Kontrolle ein Scheinmedikament. Fachleute sprechen von Placebo, sie enthalten nichts als Zucker oder eine Kochsalzlösung. Weder der Arzt noch der Patient wissen, wer den Wirkstoff erhält und wer ein Placebo. Beide Gruppen sollten randomisiert, also hinsichtlich Krankheitsschwere zum Beispiel vergleichbar zusammengestellt sein. Die Doppelblindstudien verhindern, dass die Wirkung allein durch den Placebo-Effekt hervorgerufen wird.
Was dieser Placebo-Effekt genau ist, kann bisher niemand erklären. Wissenschaftler überall auf der Welt forschen dazu. Bisher weiß man nur: Die Placebo-Wirkung ist überraschend groß. Verschiedene Studien haben zum Beispiel gezeigt, dass die Psyche einen massiven Einfluss auf den Heilungserfolg hat. So reicht es schon aus, dass ein Patient eine Wirkung erwartet, um diese Wirkung auch bei ihm auszulösen. Denn das menschliche Gehirn produziert Morphium-ähnliche chemische Substanzen, auch Endorphine genannt. Nehmen die Patienten an, dass die Tabletten gleich die Schmerzen lindern, wirken diese Endorphine im Gehirn auch und der Schmerz wird tatsächlich gelindert.

Da traditionelle Arzneimittel weder kontrolliert oder offiziell zugelassen sind, dürfen deren Hersteller keine Werbung für die heilende Wirkung ihrer Produkte betreiben. Doch das tut dem Geschäft keinen Abbruch, im Gegenteil. Manche Unternehmen haben längst ihre eigenen Wege gefunden, um ihre Präparate bei Heilpraktikern, Ärzten und Patienten bekannt zu machen und zu verkaufen. Die Strategien sind vielfältig, professionelles Marketing und Hochglanzbroschüren gehören längst ebenso zum Portfolio wie bei den PR-Experten der klassischen Pharmaindustrie. Es wird also auch in Sachen sanfte Heilmethoden mit harten Bandagen um Marktanteile gekämpft. So gibt es beispielsweise regelmäßig stattfindende Messen für alternative Produkte, wo Unternehmen ihre Produkte ausstellen und Ärzten wie Patienten kostenlose Proben mitgeben. Am Rande der Informationsstände laufen sogenannte "Fortbildungen" für die Fachleute – finanziert von den Firmen, die dazu passend ihre alternativen Produkte feilbieten.
Für Edzard Ernst, emeritierter Professor für Alternativmedizin, besteht eine gute Medizin aus zwei Elementen. Das eine ist die Wissenschaft, das andere die "Kunst der Medizin". Darunter versteht er die Zuwendung, die zwischenmenschliche Interaktion, die Zeit für den Patienten, die Empathie. Eine Medizin sei laut Ernst immer dann schlecht, wenn ein Element davon unterentwickelt ist. Bei beiden Medizinrichtungen scheint das heute der Fall zu sein. Während die Schulmedizin den Menschen aus den Augen verliere, fehle es der alternativen Medizin eindeutig an der wissenschaftlichen Ebene.
Ein Film von Susanna Dörhage und Sandy Palenzuela
Infotext: Beate Wagner



