
Interview -
Erich Saling, der "Vater“ der Geburtsmedizin in Deutschland, hat mit seinem Kaiserschnitt-Sparprogramm in den frühen 1980er Jahren versucht, die Zahl der Kaiserschnitte zu reduzieren – vor allem, um das Risiko für die Mütter zu reduzieren. Heute weiß man, dass der Kaiserschnitt auch die Bindung zwischen Mutter und Kind beeinträchtigen kann.
Dennoch ziehen einige Frauen den Kaiserschnitt einer natürlichen Geburt vor. rbb PRAXIS hat mit Ralph Kästner, Oberarzt der Abteilung für Psychosomatische Gynäkologie und Geburtshilfe an der Frauenklinik der Ludwig-Maximilians-Universität München, über das Thema Wunschkaiserschnitt gesprochen.
rbb PRAXIS: Wie reagieren Sie auf Frauen, die sich einen Kaiserschnitt wünschen?
Dr. Kästner: Ich vereinbare mit ihnen einen Extratermin. Die Gründe für einen solchen Wunsch sind meist Ängste und Traumatisierungen, selbst wenn die Frauen glaubhaft über andere Anlässe berichten, beispielsweise, dass der Mann nur an dem Tag im Lande ist und sie unbedingt dann und dann gebären müsse. Diese Abwehrhaltung lässt sich nicht in einem Gespräch zwischen Tür und Angel klären. Dafür braucht es Zeit.
rbb PRAXIS: Welche Traumatisierungen und Ängste sind das?
Dr. Kästner: Einige Frauen haben durch die Schwester oder eine enge Freundin von deren furchtbaren Geburtserlebnissen gehört. Also verzichten sie lieber auf eine natürliche Geburt, als diese Schrecken persönlich zu erleben. Oder sie haben selbst frühere Gewalterfahrungen. Oft geht es um Schmerzen, die ängstigen. Andere Schwangere sind beschämt bei dem Gedanken, durch das Pressen ungewollt Urin und Stuhl zu verlieren oder unkontrolliert zu schreien. Auch der anwesende Partner spielt eine Rolle: Wird er mich nach diesem archaischen Akt noch genauso attraktiv finden wie davor?
rbb PRAXIS: Wie nehmen Sie sich dieser Ängste an?
Zunächst einmal müssen wir miteinander ins Gespräch kommen, die Frau muss Vertrauen zu mir haben. Zusammen gehen wir durch, was passieren muss, damit sie ihre Ängste während der Geburt kontrollieren kann. Das protokolliere ich in der Akte, damit alle Beteiligten später im Kreißsaal Bescheid wissen. Den Frauen hilft es beispielsweise schon zu wissen, dass sie jederzeit eine PDA, also eine Rückenmarkbetäubung, verlangen können.
rbb PRAXIS: Wie gehen Sie mit Frauen um, die bereits eine traumatisierende Geburt hinter sich haben und sich deshalb einen Kaiserschnitt wünschen?
Hier gehe ich mit der Frau noch einmal zu der früheren Geburt zurück und bespreche mit ihr, in welchen Momenten ihr Erleben besonders unangenehm war. Um die Geschehnisse zu rekonstruieren, helfen die Erzählungen der Schwangeren und ihres Partners ebenso wie das Geburtsprotokoll. Die Prognose für eine normale, unauffällige Geburt ist nach einer solchen Aufarbeitung sehr gut.
rbb PRAXIS: Weshalb setzen Sie sich so sehr für eine natürliche Geburt ein?
Dr. Kästner: Die sofortige und andauernde Nähe zwischen Mutter und Kind in der ersten Stunde nach der Geburt ist immens wichtig. Hier verlieben sich die Eltern in ihre Kinder. Aus dem Tierreich weiß man, dass Jungtiere, die in dieser Zeit von ihren Eltern getrennt sind, später verstoßen werden. So schlimm ist es bei den Menschen nicht, aber Eltern und Kinder, die diese erste Stunde nicht miteinander verbringen, scheinen in der weiteren Entwicklung ihrer Bindung eine Hürde mehr nehmen zu müssen. Die erste Lebensstunde ist offenbar eine sehr sensible und biologisch bedeutsame Phase.
rbb PRAXIS: Gibt es dazu auch wissenschaftliche Untersuchungen?
Dr. Kästner: Es gibt tatsächlich verschiedene Untersuchungen zu diesem Aspekt. Hier, bei uns in der Klinik, haben wir beispielsweise bei 60 Mutter-Kind-Paaren beobachtet, wie sich die Interaktion zwischen beiden entwickelt, wenn sie schon nach 15 Minuten oder erst eine Stunde nach der Geburt getrennt werden. Nach sechs Wochen konnten wir klare Unterschiede beim Blickkontakt und in der Art feststellen, wie die Mütter ihre Babys halten und mit ihnen sprechen.
rbb PRAXIS: Was raten Sie Frauen mit Kaiserschnittwunsch?
Dr. Kästner: Oft haben sie keine realistische Vorstellung von dem, was sie erwartet. Gerade im OP-Saal sind die Frauen besonders ungeschützt und ausgeliefert: Sie liegen angeschnallt und teilweise unbedeckt unter grellem Licht, um sie herum lauter Apparate und vermummte Gestalten. Je früher eine Schwangere ihren Wunsch nach einer Sectio ausspricht, umso mehr Möglichkeiten haben wir im Gespräch, eine günstigere Lösung für sie zu finden.
Vielen Dank für das Gespräch.
Vielen Dank für das Gespräch.


