Ein roter Apfel (Foto: dpa)

rbb PRAXIS Feature - Weniger essen - länger leben

Niemals zuvor gab es so viele Menschen mit Übergewicht und seinen Folgen wie in unserer Zeit: Diabetes, Bluthochdruck, Herzkreislaufleiden liegen in den Krankheitsstatistiken auf den vordersten Plätzen und künden davon, dass noch immer zu viele Menschen lieber zu viel als ausreichend oder gar zu wenig essen.

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Dabei konnten Wissenschaftler in zahlreichen Studien zeigen: Die Chance liegt im Verzicht. Also tatsächlich hungern? Nicht von ungefähr ist der Begriff noch immer negativ besetzt. Doch klar ist auch: Wer überflüssige Pfunde verliert, kann sein Krankheitsrisiko erheblich senken, und wer als Gesunder auf intelligente Weise Kalorien spart, verbessert die Aussicht auf ein längeres Leben. 

Essen, das hat heute nur noch selten mit dem "nackten Überleben" zu tun. Essen ist inzwischen Freizeitbeschäftigung, Ersatzbefriedigung und immer öfter auch Statussymbol. Doch der Überfluss kann unsere Gesundheit zerstören. Beispielsweise erschöpfen das ständige Zuviel an süßen Getränken und Kalorienbomben anderer Art die Bauchspeicheldrüse: Der Zucker kann im Körper nicht mehr richtig in Energie umgewandelt werden. Das führt zu Diabetes. Häufig sind auch eine Entgleisung des Fettstoffwechsels und ein Bluthochdruck; alles in allem mündet das in Herz-Kreislauferkrankungen und anderen Spätfolgen.

Laboruntersuchung (Quelle: rbb)
Die Wissenschaft weiß längst: Wir brauchen ein neues Bewusstsein für die Bedeutung der Ernährung. An der Berliner Charité gehen Forscher der Frage nach, warum fehlende Hungerperioden Zivilisationskrankheiten begünstigen. Die Antwort ist ebenso einfach wie erschreckend: Der Mensch scheint nicht in die moderne, künstliche Zivilisation des Überflusses zu passen.
Neandertaler-Modelle in der Ausstellung "Giganten der Eiszeit" im schleswig-holsteinischen Garding (Quelle: dpa)
In der Steinzeit musste sich der Mensch jede Beute mühsam erjagen. Fette Zeiten folgten auf magere, daraus entwickelte der Mensch ein Überlebensprogramm. Bis heute sind unsere Gene auf dieses ursprüngliche Muster geprägt: körperliche Arbeit, wenig Nahrung und Zeiten, in denen gehungert wurde. Das zeigt: Hungern ist gut, zumindest zeitweise. Das hat nichts zu tun mit Mangelernährung. Sie ist ungesund, kann unter Umständen sogar lebensbedrohlich sein. Kurzzeitige Perioden aber, in denen der Mensch nichts zu sich nimmt, sind gesund. Nicht umsonst haben ja fast alle Religionen Rituale, zu denen Hungern und Verzicht gehören. Bis heute ist es also ein Überlebensvorteil, mit Hungerperioden gut fertig zu werden. Menschen, die Nahrung gut verwerten, haben einen Evolutionsvorteil.
Fluoreszenzmikroskop (Quelle: rbb)
Der Vorteil für den Körper ist auch wissenschaftlich nachweisbar: Studienteilnehmer, die nur 800 Kilokalorien statt 3000 täglich zu sich nehmen, haben deutlich bessere Blutwerte. Schon nach acht Wochen extremen Verzichts verbessern sich die Fett- und Zuckerwerte.

Im Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam prüften Wissenschaftler, wie die Körperzellen auf den Nahrungsentzug reagieren. Dabei machten sie eine überraschende Entdeckung: Mithilfe des Fluoreszenzmikroskops konnten sie erkennen, dass die Zellen offenbar gut auf den Mangel vorbereitet sind. Bleibt die Nahrung aus, holt sich die Zelle zur Versorgung bestimmte Proteine vom Zellrand nach innen. Dabei werden auch Stoffe frei, die die Selbstheilung des Körpers in Gang setzen.
Gesunde Menschen beim Joggen (Quelle: rbb)
Die Zelle baut eingelagertes Fett ab, außerdem schaltet sie Schutzmechanismen an. Der Körper verfügt somit über körpereigene, sehr effektive Mechanismen, um in einer Mangelsituation zu überleben. Forscher wissen, dass diese Schutzmechanismen das Risiko, an Krebs zu erkranken vermindern. Im Umkehrschluss heißt das: Bei dünneren Menschen sind diese Mechanismen stärker ausgeprägt, dünnere Menschen erkranken daher signifikant seltener an Krebs. Übergewicht ist hingegen ein Risikofaktor für viele Krebskrankheiten, ganz besonders Dickdarmkrebs, aber auch Brustkrebs, Leberkrebs und Nierenkrebs.
Fadenwürmer (Quelle: rbb)
Wissenschaftler am Fresenius-Institut für Ernährungsforschung analysieren, wie Tiere reagieren, wenn man ihnen weniger zu fressen gibt. Sie untersuchten Fadenwürmer in der Laborschale. Einige der Würmer erhielten eine üppige Nährlösung, die zweite Gruppe erhielt ein Drittel weniger Nahrung. Ergebnis: Die Würmer, die weniger Nahrung bekamen, lebten bis zu 40 Tage. Diejenigen, die normal viel fraßen, schafften nur 15 bis 20 Tage. Ähnliche Ergebnisse zeigten sich bei Mäusen: Solange sie ein Drittel weniger Futter bekamen, lebten sie bis zu 1000 Tage. Bekamen sie hingegen so viel zu fressen, wie sie wollten, lebten sie höchstens 700 Tage. Und sogar bei Schimpansen zeigten erste Testreihen: Tiere, bei denen die Futterration gekürzt wird, leben länger als ihre normal ernährten Artgenossen. Zudem zeigen die kurz gehaltenen Tiere seltener Herzkreislauf- und Krebserkrankungen.
Kalorienarmes Essen (Quelle: rbb)
Was also sollten wir tun, um dem zunehmendem Wohlstandsproblem entgegenzuwirken? Sanftes Hungern ohne Hungergefühle – das raten Ernährungsberater. Das bedeutet, unter dem Tagesbedarf zu bleiben und trotzdem so zu essen, dass der Hunger ausbleibt. Praktisch umgesetzt könnte das Prinzip lauten: Morgens ordentlich Kohlenhydrate essen, mittags ebenso in Form von Reis, Nudeln, Kartoffeln. Zudem macht es Sinn, mit pflanzlichen Lebensmitteln Volumen zu schaffen und dennoch wenig Kilokalorien zu sich zu nehmen.

In Amerika leben etwa 6000 Menschen ausschließlich nach dem Prinzip der Kalorienreduktion: Die Verfechter der "Calorie Restriction Society" ernähren sich nur vegetarisch und möglichst kalorienarm. Erlaubt ist alles, was wertvolle Nährstoffe und gesunde Fette enthält. Zudem ist Eiweiß wichtig. Wertvolle Eiweiß-Quellen sind zum Beispiel Fisch, aber auch Bohnen und andere Hülsenfrüchte. Die Ernährungsform der Kalorienreduktion ist bereits in mehreren Studien untersucht worden. Die Ergebnisse sind überzeugend: Die Teilnehmer haben niedrigere Blutfettwerte, niedrigeren Blutdruck und eine bessere Insulinsensitivität als Menschen, die sich "normal" ernähren. Ihr Risiko für einen Herzinfarkt, einen Schlaganfall oder Diabetes ist deutlich geringer.