rbb PRAXIS - Feature -
Egal, wann es geschieht – mitten bei der Arbeit im Stall, in der Schlosserei, im Büro, beim Abendessen oder im Urlaub – fast immer kommt ein Schlaganfall plötzlich und unerwartet. Viele Betroffene werden schnell und effizient versorgt. Doch mitunter werden die Anzeichen eines Schlaganfalls unterschätzt und falsch gedeutet, so dass den Betroffenen nicht in jenem Zeitfenster geholfen wird, in dem man das bedrohte Hirngewebe noch retten kann. So sind die Krankheits-Verläufe bei gleicher Diagnose oft sehr unterschiedlich. Der Film begleitet Schlaganfall-Patienten aus Berlin und Brandenburg:

Was ist ein Schlaganfall?
In vier von fünf Fällen verschließt sich plötzlich ein Gefäß im Gehirn. Entweder setzt sich ein Gerinnsel fest, das aus dem Herzen oder dem restlichen Blutkreislauf stammt. Oder atherosklerotische Plaque verstopft das Gefäß. Erhöhte Blutfettwerte oder Gefäßerkrankungen begünstigen diese Ablagerungen. Seltener reißt eine angeborene Aussackung eines Hirngefäßes. Hirnchirurgen können eine solche Deformation zwar operativ entfernen, wenn sie diese rechtzeitig entdecken. Eine solche Operation ist jedoch immer mit Risiken verbunden.
Wird das Hirngewebe nicht mehr durchblutet, geht es ums Überleben; mit dem Zusammenbruch zählt jede Minute. Es ist ein Kampf gegen die Zeit, gegen den Untergang von Hirngewebe, von Nervenzellen, von Lebensfunktionen. Und keiner der Betroffenen weiß in den Minuten des Geschehens, welches Leben ihn danach erwartet. Abhängig davon, für welche Aufgaben das Hirnareal mit dem defekten Gefäß zuständig ist, fallen wichtige Funktionen aus: der Arm gelähmt, die Sprache verwaschen, der Blick getrübt – manchmal für den Rest des Lebens.

Versorgung von Schlaganfall-Patienten: Vorteile der Stroke Unit
Das Problem: Während die Schlaganfallzentren in Berlin dicht an dicht liegen, sind sie in Brandenburg weitläufig verteilt. Auf dem Weg bis zur nächsten Stroke Unit vergeht oft wertvolle Zeit. Dann stirbt durch die fehlende Blutzufuhr das Hirngewebe ab. Das Hirnwasser kann nicht mehr abfließen. Schwellungen und Druck zerstören das Hirngewebe unwiederbringlich. Vor diesem Dilemma steht man nicht nur in Brandenburg, sondern in vielen ländlichen Regionen bundesweit.

Eine weitere Möglichkeit der Therapie, wenn der Thrombus sehr hartnäckig ist und sich nicht lösen lässt, ist das neuroradiologische Katheterverfahren. Die Methode wird bislang nur an vier Zentren in Berlin und Brandenburg angeboten. Hierbei schieben die Ärzte über eine dünne Katheter-Hülse ein winziges Fanggitter zum Gerinnsel im Gehirn vor. Der Thrombus wird eingefangen und abtransportiert. Wenn das Gefäß verengt ist, dehnen die Neuroradiologen die Engstelle mitunter mit einem Ballon auf, bis wieder Blut in die bisher unterversorgten Hirngefäße strömt.

Nachsorge
Ist wertvolles Hirngewebe unwiederbringlich zerstört, bleiben Schlaganfall-Patienten auch nach der Therapie in einer Reha-Klinik schwer gezeichnet. Je nach Ausmaß der Zerstörung im Gehirn ist eine Körperseite gelähmt, sie können nicht mehr (deutlich) sprechen oder nur noch auf einem Auge sehen. Sie sollten die Rehabilitation deshalb weiter fortführen. Selbst Jahre nach einem schweren Schlaganfall können noch Besserungen eintreten. Das ist wissenschaftlich belegt.

Doch die Fortführung von Rehabilitationsmaßnahmen und anderen Therapien nach der Entlassung aus stationären Einrichtungen ist häufig ein Problem. Gerade Menschen, die ins ländliche Umfeld zurückkehren, berichten immer wieder, dass längere Zeit vergeht, bis sie Ärzte finden, die ihnen hilfreiche Medikamente und Therapien wie Physiotherapie, Logopädie und Ergotherapie verordnen. Neurologen, die Fachärzte, die ein Schlaganfall-Patient dringend braucht, haben zudem lange Wartezeiten. Ihre Zahl geht auf dem Land immer weiter zurück.

Ambulante Intensiv-Langzeitreha
In der ambulanten Intensiv-Reha trainieren Therapeuten mit den Betroffenen jeden Tag, beispielsweise Orientierung, Konzentration und Gedächtnis. Ziel ist es vor allem, alltägliche Dinge wie anziehen, Essen bereiten und waschen wieder allein zu bewältigen – und sie so wieder zu selbständigen Menschen zu machen. Oft kann erst in einer langfristig geschützten Atmosphäre mit den entsprechenden rehabilitativen Bemühungen über die Jahre eine solche Verbesserung erreicht werden. Durch die intensive medizinische und soziale Betreuung können viele der Schlaganfallpatienten auf ein selbstbestimmtes Leben hoffen – auch wenn sie selbst oft gar keine Ziele mehr formulieren.

Implantierbarer Gehstimulator
Der funktioniert so: Durch einen Fußschalter werden beim Auftreten Signale gesendet. Der Empfänger wurde vorher im betroffenen Bein während einer mehrstündigen Operation am Wadenbeinnerv implantiert. Von dort aus stimuliert dieser den zuständigen Muskel, der Fuß hebt und senkt sich beim Gehen. Der Patient im Beitrag ist der erste Schlaganfall Patient in Berlin/Brandenburg, dessen Gang von solch einem Stimulator optimiert wurde. Der Eingriff liegt zwei Jahre zurück. Sein Gang ist sicherer, und das Laufen fällt ihm zunehmend leichter. Selbst ein längerer Einkauf mit seiner Frau ist heute kein Problem mehr für ihn.

Schlaganfall-Selbsthilfegruppe
Allein unter dem Dach der Deutschen Schlaganfallhilfe sind rund 500 Selbsthilfegruppen versammelt. Diese Gruppen sind größtenteils von Schlaganfall-Betroffenen und/oder ihren Angehörigen gegründet. Fast jede Gruppe wird von Fachärzten und Therapeuten vor Ort unterstützt. Allen gemeinsam ist: Sie treffen sich regelmäßig, meist einmal im Monat.

Verhindern, dass etwas passiert
Auch das zunehmende Alter ist ein Risikofaktor: Je älter man wird, desto größer ist das Risiko, einen Schlaganfall zu erleiden. Männer sind häufiger und früher betroffen als Frauen. Jenseits des 50. Lebensjahres sind deshalb Vorsorgeuntersuchungen sinnvoll, insbesondere dann, wenn bereits Eltern, Großeltern oder Geschwister einen Schlaganfall hatten. Patienten mit ausgeprägten atherosklerotischen Veränderungen der hirnversorgenden Halsschlagadern weisen ein hohes Risiko für Schlaganfälle durch einen Gefäßverschluss auf. Aktuelle Studien beschäftigen sich damit, ob ihnen besser eine Gefäßstütze eingesetzt oder die Engstelle mit einer Operation beseitigt werden sollte.
Der FAST-Test (Face, Arm, Speech, Time – Gesicht, Arme, Sprache, Zeit) ist ein kurzer Check, den amerikanische Ärzte entwickelt haben, damit Laien leichter einen Schlaganfall erkennen. Dabei wird der Patient zu verschiedenen Handlungen aufgefordert:
• Face: Bitten Sie den Patienten zu lächeln. Infolge gelähmter Gesichtsmuskeln verzieht sich sein Gesicht schief.
• Arm: Bitten Sie den Patienten, seine Arme mit den Handflächen nach oben zu heben. Bei einem Schlaganfall wird er einen Arm nicht heben können, oder der Arm senkt sich wieder.
• Speech: Bitten Sie den Patienten einen einfachen Satz zu sprechen. Seine Sprache sollte klar und deutlich sein und nicht verwaschen klingen.
• Time: Ist mindestens ein Ergebnis auffällig, rufen Sie so schnell wie möglich einen Arzt.
Je nachdem, wo sich das verstopfte Gefäß befindet und welche Hirnregionen es versorgt, zeigen sich unterschiedliche Symptome, die jeden stutzig machen sollten. Lähmungen gehören ebenso dazu wie Seh- und Empfindungsstörungen.
Autorin: Cornelia Fischer-Börold
Infotext: Constanze Löffler






