Portrait Prof. Tilo Biedermann (Quelle: Prof. Tilo Biedermann, Universitätsklinik in Tübingen)

Interview - Fleischallergie: Was ist das?

Lange sahen Ärzte keinen Zusammenhang zwischen einer allergischen Reaktion und dem Verzehr von Fleisch, doch mittlerweile ist bekannt, es gibt sie: die Fleischallergie! rbb PRAXIS hat zu den Symptomen, den Auslösern und der Diagnose der Fleischallergie Prof. Tilo Biedermann, Allergologe an der Universitätsklinik in Tübingen befragt:

rbb PRAXIS: Herr Prof. Biedermann, welche Symptome sind typisch für die Fleischallergie?
Viele Patienten, die darunter leiden, berichten, dass sie plötzlich nächtens aufwachen, einen Juckreiz am ganzen Köper verspüren und einen Ausschlag bekommen. Und dann geht das häufig weiter mit Atemnot. Das kann bis zu einem Anaphylaktischen Schock führen, einer bedrohlichen Situation für Herz und Kreislauf.

Welcher Inhaltsstoff ist für die Allergie verantwortlich?
Normalerweise sind das immer Eiweiße, gegen die wir bei Soforttypallergieren reagieren. Hier ist es aber ein Zuckermolekül. Und das ist in seiner Art das Erste, das zu so einer starken Reaktion führen kann. Wir Menschen haben die Fähigkeit verloren, dieses Zuckermolekül mit dem Namen Galaktose-α-1,3-Galaktose (kurz: α-Gal) zu bilden. Und so kann es kommen, dass wir dagegen allergisch reagieren.

Wie kommt es, dass einige wenige eine Allergie entwickeln, andere aber nicht?
Ganz genau wissen wir das nicht. Wir verstehen zwar, wie es dazu kommen kann, dass ein solches Zuckermolekül durch unser Immunsystem erkannt wird. Warum aber ein Mensch auf das Molekül in dieser Form reagiert und ein anderer nicht, das können wir zurzeit noch nicht entschlüsseln.

Welche Vermutungen haben Sie?
Wir vermuten, dass Zeckenbisse dabei eine Rolle spielen könnten. Bei dem Biss wird Speichel in unseren Körper transportiert. Zum Teil kommen dabei auch Zuckermoleküle mit unserem Immunsystem in Kontakt. Das Immunsystem muss sich dann entscheiden: Reagiere ich darauf, oder nicht. Bei den meisten Menschen fällt diese Entscheidung so aus, dass sie α-Gal tolerieren. Bei einigen wird der Schalter allerdings umgelegt, in der Annahme, hier gibt es etwas zu bekämpfen. Und dann kann es zur Allergie kommen.

Wie lange dauert es, bis die ersten Symptome nach einem Essen auftreten?
Normalerweise reagieren Patienten mit dieser Form einer Allergie sehr schnell, sie heißt deshalb auch Sofortallergier. Bei dieser neuen Form der Fleischallergie tritt die Reaktion allerdings nach etwa vier bis sechs Stunden verzögert auf. Vermutlich muss das a-Gal erst durch die Verdauung freigelegt oder freigesetzt werden. Die verspätete Reaktion auf das Allergen sorgt dafür, dass sowohl die Betroffenen selbst als auch der behandelnde Arzt lange keinen Zusammenhang zwischen dem Fleischgenuss und den Symptomen herstellten. Der Klassiker: Jemand wacht nachts um zwei Uhr auf, es geht es ihm nicht gut, er hat juckenden Hautauschlag. Vor ein paar Jahren war das noch eine Black Box für uns. Inzwischen wissen wir, dass wir dann nach dem Abendessen fragen, und siehe da: Der Patient hat einen Schweinebraten oder, ganz typisch, Innereien gegessen.

Wie kann die Allergie eindeutig festgestellt werden?
Die herkömmlichen Allergietests, wie z.B. der Prick-Test, reichen dabei häufig nicht aus. Wir haben jetzt jedoch einen Bluttest zur Verfügung, der sogenannte IgE-Antikörper gegen α-Gal misst und mit dessen Hilfe sich meist ganz einfach sagen lässt, ob jemand betroffen ist, oder nicht. Dieser neue Test ist allerdings noch nicht überall verfügbar.

Was können die Betroffenen tun?
Die Reaktionsbereitschaft ist individuell sehr unterschiedlich. Entsprechend sind auch unsere Diätempfehlungen. Manchen Patienten müssen wir neben Innereien, die offensichtlich voll sind mit α-Gal auch Fleischprodukte, wie Steaks, Wurst und Schinken verbieten. Puten- und Hähnchenfleisch, sowie Fisch machen keine Probleme. Eine Desensibilisierung ist nicht möglich. Die beste Therapie ist Verzicht.

Wann sollte ich zu einem Arzt gehen und zu welchem?
Sollten Sie unter Anfällen von den genannten allergischen Reaktionen leiden, vor allem wenn sie unregelmäßig, evtl. nachts auftreten, dann wäre eine Diagnostik in dieser Richtung sinnvoll. Regelmäßiges Auftreten einer Nesselsucht ist dagegen nicht durch eine Allergie gegenüber α-Gal verursacht. Da eine Unterscheidung oft schwierig ist, sollte ein Allergologe aufgesucht werden, am besten an einem Zentrum für Allergie-Patienten.

Vielen Dank!
Das Gespräch führte Pia Busch

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