
rbb PRAXIS-Feature -
Der "Berliner Patient" wird Timothy Ray Brown weltweit genannt. Er ist der einzige Mensch, den Ärzte mittels Blutstammzellspende gleichzeitig von Leukämie und HIV geheilt haben. Der Film erzählt die Geschichte der aufsehenerregenden Behandlung des "Berliner Patienten", Timothy Ray Brown, berichtet von seinen Hoffnungen und seinen Reisen, um seinen Fall als Mutmacher bekannt zu machen. Und wir besuchen die Labore, wo im Augenblick weltweit auf Hochtouren daran gearbeitet wird, den HI-Virus zu bekämpfen, während Betroffene in Berlin und den USA mit AIDS als chronischer Krankheit umzugehen lernen. Das Video zum Beitrag liegt aus rechtlichen Gründen leider nicht vor.

So funktioniert HIV – und darum verhindert eine Genvariante die Ansteckung
Um die menschliche Immunzelle zu infizieren, muss das Virus jedoch an bestimmte Rezeptoren auf der Zelloberfläche andocken. Diese Rezeptoren sind für das Virus die Eintrittspforte in das Innere der Zelle. Bei einigen Menschen fehlt auf Grund eines Gendefekts eine der Andockstellen, der so genannte CCR5-Co-Rezeptor. Die Tür ins Zellinnere bleibt für das Virus verschlossen und die Infektion dadurch aus. Menschen mit der Genvariante sind deshalb vor einer Ansteckung mit dem Virus geschützt.

Die Suche nach dem passenden Spender
Eine Knochenmark-Transplantation ist allerdings ein aggressiver Eingriff, den nur jeder zweite Patient überlebt. Trotz unsicherer Prognosen entscheidet sich Timothy Brown für die Stammzellentherapie. Er will den Krebs unbedingt besiegen. Nachdem die Ärzte mit einer aggressiven Chemotherapie seine kranken Immunzellen zerstört haben, bekommt er die gesunden Stammzellen des Spenders transplantiert. Doch Brown verträgt die Therapie nicht. Gemeinsam mit den Ärzten kämpft er um sein Leben. Und er gewinnt. Endlich wachsen die neuen Zellen an und Brown gesundet. Die Leukämie ist verschwunden und auch das HI-Virus besiegt. Bereits wenige Wochen nach der Therapie finden die Ärzte keinerlei verdächtige Viren mehr in Browns Blut.
Brown hat den Kampf bis heute gewonnen, allerdings ist er schwer gezeichnet von Krankheiten und Therapie und sein Weg war alles andere als eben. Er bezeichnet sich heute als körperlich und geistig behindert. Und noch immer habe er mit den Folgen der Transplantationen zu kämpfen.

Nach der Heilung

Therapieansatz mit Zinkfingerscheren
Zinkfingerscheren sind molekulare Genscheren. Sie sind in der Lage, in der menschlichen DNA das CCR5 Gen zu erkennen und herauszuschneiden. Danach wächst die menschliche DNA wieder zusammen, nun ohne das CCR5 Gen. Die Aufgabe von Paula Cannons Arbeitsgruppe ist es nun, Studien mit den Genscheren an Mäusen durchzuführen. Dafür werden die Jungtiere kurz nach der Geburt mit einem menschlichen Immunsystem ausgestattet. Diese humanisierten Mäuse ermöglichen es den Wissenschaftlern überhaupt erst, Genscheren zu entwickeln und auf mögliche Nebenwirkungen zu testen. Nur was an Mäusen gefahrlos funktioniert, könnte auch den Menschen helfen.

Genscheren kombiniert mit Stammzellen
Allein mit Genscheren glaubt Lalezari deshalb nicht allzu weit zu kommen. Denn die bisherige Gentherapie fokussiert sich auf fertige Blutzellen, also T-Zellen, die bereits im Blut zirkulieren. Diese Zellen sind vollständig ausgebildet, bestimmte Proteine, Antigene oder Mikroben zu binden. Die Wissenschaftler konnten zeigen, dass sie diese Zellen manipulieren und dem Patienten zurückgeben können – und dass die Methode sicher und gut verträglich ist. Sie konnten aber bislang nicht zeigen, dass die Zellen das Virus töten.
Deshalb will Lalezari nun mit Hilfe von Stammzellen Fortschritte machen. Dann, so die Hoffnung des Forschers, müssten die Patienten nur ein einziges Mal behandelt werden: Dem HIV Patienten werden Stammzellen entnommen, die dann im Reagenzglas mit Genscheren behandelt werden. Zurück im Knochenmark nehmen die nun HIV-resistenten Stammzellen wieder ihre Funktion wahr und produzieren neue Immunzellen.
Das sich neu aufbauende Immunsystem wäre somit dauerhaft geschützt. Mit einem möglichen Risiko: Wenn die Forscher ein Gen zerschneiden, und die Zelle die zwei losen Enden zusammenkleben soll, könnte die Zelle durcheinander geraten und die Enden ir-gendwo anders hin kleben. Dies führt zu einer DNA-Umgruppierung, die möglicherweise Krebserkrankungen auslöst.

Gentherapie-Forschung in Deutschland
Doch noch ist es nicht so weit. Die ersten großen Experimentserien sind beendet. Und tatsächlich konnten die Forscher in den humanisierten Mäusen signifikante antivirale Aktivitäten erkennen. Bei vereinzelten Tieren ließ sich auch nach mehreren Wochen kein Virus mehr nachweisen. Um die Therapie weiterzuentwickeln, sind weitere Studien an Mäusen mit humanisiertem Immunsystem notwendig.
Und auch in Hamburg kommen die Forscher offenbar an einer Behandlung von Stammzellen nicht vorbei. Denn nur sie sind in der Lage, ein dauerhaft HIV-resistentes Immunsystem aufzubauen – vorausgesetzt die enzymatische Virusschere hält, was sie verspricht.

Werden heute HIV-positive Patienten mit modernen Medikamenten früh genug behandelt, ist ihre Lebenserwartung vergleichbar mit der eines nicht-Infizierten. Denn die hochaktive antiretrovirale Therapie, kurz HAART genannt, hemmt die Vermehrung der HI-Viren und verhindert dadurch den Ausbruch von AIDS.
HAART dämmt das Virus so stark ein, dass es nicht mehr messbar ist. In dieser Phase kann ein HIV-Infizierter auch keine anderen Menschen anstecken. Mit HAART ist medizinisch vieles möglich geworden: Frauen mit HIV können gesunde Kinder zur Welt bringen, HIV-positive Männer gesunde Kinder zeugen. HAART verhindert den Ausbruch von Aids und bekämpft die HI-Viren bis unter die Nachweisgrenze.
Allerdings werden nicht alle Viren durch die Therapie erfasst. Manche verstecken sich in so genannten Reservoirs und entziehen sich den medikamentösen Wirkstoffen. Setzt der Patient die tägliche Tablette ab, wachen sie sofort auf und beginnen, die nun ungeschützten Immunzellen anzugreifen.
Deshalb gilt als nächster Schritt in der HAART-Forschung die Suche nach einem Medikament, das die versteckten Viren gezielt aufspürt und aufweckt. Ist die Virusglut erst einmal wieder entfacht, könnte die antiretrovirale Therapie sie erfolgreich attackieren und alle Viren vernichten. Dann bräuchte der Patient gar keine Tabletten mehr, HIV wäre besiegt. Doch noch ist kein entsprechender Wirkstoff gefunden.

Impfung gegen HIV
Und es gibt ein weiteres Problem: Das HI-Virus ist ein Meister der Verwandlung. Einmal im menschlichen Körper eingenistet, verändert es sich extrem schnell. Die natürliche Immunabwehr des Menschen ist darauf nicht vorbereitet. Ständig hinkt der Mensch mit seinen Antikörpern hinterher und schießt mit veralteter Munition gegen einen sich kontinuierlich verändernden Eindringling. Doch es gibt eine Achillesverse: Ein einziger Spalt auf den Virus-Stacheln bleibt immer gleich. Ohne ihn kann das Virus nicht auf der Zelloberfläche andocken. Genau auf diesen Spalt haben es die breit wirkenden Antikörper abgesehen.
Könnte Burtons Vision also wahr werden? Ein Impfstoff, der das Virus am Stachel packt? Mit der Entdeckung der Antikörper ist Burton ein wichtiger Schritt gelungen. Jetzt suchen er und sein Team nach einem Impfstoff, der das menschliche Immunsystem dazu anregt, diese breit wirkenden Antikörper selbst zu bilden und als Waffe parat zu haben, falls das HI-Virus in den Körper eindringt. An Affen hat Dennis Burton seinen Impfstoff bereits ausprobiert. Die Wirksamkeit beim Menschen ist allerdings noch nicht bewiesen. Doch Dennis Burton ist optimistisch. Eines Tages sei es möglich, dass Kinder geimpft werden, bevor sie in das Alter kommen, in dem sie sich möglicherweise anstecken.
Film von Mira Thiel und Benjamin Cantu
Infotext: Constanze Löffler




