Mann trägt Kiste (Quelle: rbb)

Live-Diagnose - Schwerer Bandscheibenvorfall – operieren oder nicht?

Vor wenigen Wochen hatte Martin Lehnhoff einen schweren Bandscheibenvorfall. Seitdem ist eines seiner Beine teilweise gelähmt, er hat dauerhaft starke Schmerzen. Helfen soll nun eine riskante Wirbelsäulen-Operation. Doch ist die wirklich nötig? In der Live-Diagnose im Studio wird diese Therapieempfehlung noch einmal überprüft und nach möglichen Alternativen gesucht.

Ein Umzug bei Freunden, der Wochenendeinkauf oder toben mit dem wilden Sohn und schon ist es passiert: Der innere, weiche Teil einer Bandscheibe wölbt sich in den Wirbelkanal und übt Druck auf die Nerven aus. Unsere Bandscheiben liegen zwischen den Wirbelkörpern im Wirbelkanal. Sie bestehen aus einem Gallertkern, der Flüssigkeit enthält und wie ein Wasserkissen zwischen den Wirbelkörpern sitzt. Um diesen Kern befindet sich ein fester Faserring. Mit dem Alter verliert die Bandscheibe an Stabilität und die Pufferfunktion lässt nach, es kann zu einem Bandscheibenvorfall kommen.
Röntgenbild (Quelle: rbb)

Bandscheibenvorfall muss nicht immer schmerzhaft sein

Meist macht sich ein Bandscheibenvorfall durch starke Rückenschmerzen und teilweise Lähmungen in den Beinen bemerkbar. Die Schmerzen entstehen, weil die beschädigte Bandscheibe sich ausdehnt und durch den Druck auf den Nerv im Bereich des Rückenmarks eine Entzündung provoziert. Meist passieren Bandscheibenvorfälle im Bereich der Lendenwirbelsäule, seltener wölbt sich ein Gallertkern aber auch mal an der Halswirbelsäule vor. Ein Bandscheibenvorfall kann auch entstehen, wenn man viel sitzt oder übergewichtig ist, denn auch das belastet den Rücken stark. Und nicht immer sind Schmerzen die Folge: Oft bemerken die Betroffenen auch nichts von dem Ereignis.

Geschätzt erleben etwa zwei Prozent aller Menschen irgendwann einmal in ihrem Leben einen Bandscheibenvorfall. Vor allem Männer, die älter als 30 Jahre sind, sind doppelt so häufig betroffen wie Frauen. Irgendwann werden es aber wieder weniger: Bandscheibenvorfälle gibt es in der Regel nur bei Patienten bis etwa 55 Jahre.
Arzt tastet Rücken ab (Quelle: rbb)

Oft wird umsonst operiert

Nur etwa fünf Prozent der Bandscheibenvorfälle sollten chirurgisch behandelt werden, nur ein Prozent gilt als Notfall. Verursacht der Vorfall beispielsweise akute Muskel-Lähmungen und Blasenfunktionsstörungen, dann ist das ein Alarmzeichen. Taubheitsgefühle und Sensibilitätsstörungen sind jedoch noch keine Indikation für eine Operation. In jedem Fall sollte der Eingriff gut überlegt sein und man sollte sich vorher möglichst eine Zweitmeinung einholen. Denn nicht immer bringt die Operation den gewünschten Erfolg. Zur Auswahl stehen eine Bandscheibenentfernung, der Einsatz einer künstlichen Bandscheibe sowie eine Versteifung.
Rückenübungen (Quelle: rbb)

Der Eingriff ist unwiderruflich und sollte gut überlegt sein

Die Versteifung der Wirbelsäule ist irreversibel, sie sollte daher gut überlegt sein. Wer auf die Versteifung verzichtet, kann mit dem Wirbelgleiten leben, wenn die Muskeln so gut und regelmäßig trainiert werden, dass sie den knöchernen Halteapparat zusammenhalten. Regelmäßige Bewegung und Physiotherapie ist dafür der wichtigste Therapiebaustein. Täglich sind dazu mindestens zehn Minuten Training nötig, darin kommen Übungen zum Einsatz, welche die Wirbelsäulenmuskulatur stabilisieren und gleichzeitig entlasten. Wirbelsäulenfreundliche Sportarten sind zum Beispiel Rückenschwimmen, Radfahren, Tanzen oder Nordic Walking. Auch Rückenschulen bieten Trainingsmethoden an, die die Rücken- und Rumpfmuskulatur kräftigen.

Eine Versteifung von Wirbelsegmenten ist nur bei hochgradigem Wirbelgleiten wichtig und wenn die Wirbelsäule dadurch so instabil ist, dass sie den täglichen Anforderungen nicht standhält. Was genau unter einer Instabilität zu verstehen ist und wann sie beginnt, das interpretiert jeder Experte immer noch unterschiedlich.

Filmbeiträge: A.Wörthmüller u. E. Brettschneider
Infotext: Beate Wagner
Hand greift nachTabletten (Quelle: rbb)
Prinzipiell hilft sich der Körper bei einem Bandscheibenvorfall selbst. Bei 85 bis 90 Prozent der Patienten schrumpft das ausgetretene Gewebe von allein. Dieser Schrumpfungsprozess lässt sich kaum beeinflussen. Nur die Schmerzen, die während dieser Phase entstehen, können mit geeigneten Tabletten gelindert werden.

Ergänzt werden sollte die Schmerzbehandlung mit Physiotherapie und mit psychologischer Behandlung. Vor allem wenn der Muskelapparat im Rücken gravierend geschwächt ist, sollte man zunächst dafür sorgen, dass er wieder aufgebaut wird. Es gibt diverse strukturierte Programme in Rückenzentren, die von der Krankenkasse bezahlt werden.
Wirbelsäule - Grafik (Quelle: rbb)
Die Versteifung wird oft bei dem sogenannten Wirbelgleiten (Spondylolisthese) eingesetzt. Dabei verschieben sich zwei Wirbel gegeneinander, meist gleitet der obere Wirbel nach vorne in Richtung Bauch. Fast immer sind Wirbel der Lendenwirbelsäule betroffen. Es gibt erworbene und angeborene Formen des Wirbelgleitens:
Die degenerative (durch Verschleiß bedingte) Form des Wirbelgleitens tritt vor allem bei Menschen zwischen dem 50. und 60. Lebensjahr auf. Betroffen sind in der Regel der letzte und vorletzte Lendenwirbel (L4/L5).

Die angeborene Form des Wirbelgleitens ist die Folge einer Unterbrechung des Wirbelbogens (Spondylolyse). In den meisten Fällen ist der letzte Lendenwirbel (L5/S1) betroffen, selten der vorletzte (L4) oder andere Wirbel. Jungen haben diesen angeborenen Defekt zwei- bis dreimal häufiger als Mädchen. Ein schweres Wirbelgleiten tritt allerdings bei Mädchen etwa viermal häufiger auf. Weiterhin haben auch Leistungssportler manchmal Wirbelgleiten, vor allem wenn ihre Wirbelsäule stark beansprucht wird – so wie beim Speerwerfen, Kunstturnen, Stabhochsprung und Gewichtheben.
Wirbelsäule - Grafik (Quelle: rbb)
Bei der Operation werden Schrauben aus Titan zusammen mit einem knochengefüllten Titankörperchen in den betroffenen Wirbelsäulenabschnitt eingebracht. Patienten mit großer Instabilität durch ein Wirbelgleiten können von diesem Verfahren profitieren. Auch in manchen Fällen einer Skoliose, bei Morbus Bechterew oder nach Wirbelsäulenverletzungen kann eine Operation sinnvoll sein, um der Wirbelsäule Halt zu geben. Allerdings werden die Abschnitte oberhalb und unterhalb der Versteifung stärker belastet und es kommt zu einer Veränderung des eingespielten Bewegungsmusters. Manchmal können nach einer Versteifungs-OP erneute Probleme auftauchen. Denn die Nachbarabschnitte der verschraubten Wirbelsäule werden stärker belastet als zuvor. Viele Patienten leiden nach einer solchen Operation unter stärkeren Schmerzen als vorher, selbst die Entfernung der Schrauben, Platten und Stäbe ändert nichts daran. Zusätzlich lösen Verwachsungen und Narben im OP-Gebiet weitere Schmerzen aus und begünstigen eine Arthrose in den Wirbelgelenken.

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Röntgenbild eines Rückens, Quelle: rbb

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