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Rundfunk Berlin- Brandenburg

Mi 31.08.11 20:15

Medizin-Dokumentation: Das kranke Herz

Herzinfarkte können dank schneller Erstversorgung und wirksamer Medikamente heute weit besser behandelt werden als vor 10 Jahren. Noch immer aber überleben 35 Prozent aller Betroffenen den Infarkt nicht. Und bei jedem zweiten Patienten folgt auf den ersten ein zweiter Infarkt.

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Die koronare Herzkrankheit (KHK), also eine Erkrankung der Herzkranzgefäße, und der daraus resultierende Herzinfarkt zählen in Deutschland zu den häufigsten Todesursachen im Erwachsenenalter. So war die KHK mit ihren Folgen im Jahr 2003 für jeden fünften Todesfall verantwortlich. Eine Hochrechnung für die 30- bis 79-jährige deutsche Wohnbevölkerung ergab, dass im Jahr 1998 knapp 1,5 Mio. Menschen in Deutschland lebten, die einen Herzinfarkt gehabt hatten. Innerhalb von zwölf Monaten waren 190.000 Herzinfarkt-Fälle neu aufgetreten (erste und erneute Infarkte nicht unterschieden).

Bei der koronaren Herzkrankheit verengen oder verschließen sich eines oder mehrerer Herzkranzgefäße durch Ablagerungen. Dadurch wird der Herzmuskel zu wenig durchblutet. Wichtigste Komplikation der KHK: Der Herzinfarkt, bei dem ein Gefäß sich komplett verschließt und deshalb ein Areal des Herzmuskels nicht mehr mit Sauerstoff versorgt wird und abstirbt. Hauptrisikofaktoren für verkalkte Herzkranzgefäße ist vor allem das Alter: Je älter die Menschen werden, desto größer ist die Gefahr für einen Infarkt. Weitere, vermeidbare Risikofaktoren bei Frauen und Männern sind Rauchen, Übergewicht, Bluthochdruck, sowie Störungen des Fett- und Zuckerstoffwechsels.

In den letzten Jahren ist die Sterblichkeit durch einen Herzinfarkt immer weiter gesunken: vor allem eine intensivierte Akutbehandlung hat das Überleben verbessert. Doch dieser hoch spezialisierten Versorgung steht ein deutliches Defizit in der Nachbehandlung gegenüber. Wie lassen sich zum Beispiel herzkranke Patienten zu einer dauerhaften Änderung ihres Lebensstils motivieren, um einen erneuten Infarkt zu vermeiden? Wie können sie zu gezielten Trainingsprogrammen bewegt werden, die die Bildung neuer Herzkranzgefäße anregen können, wie jüngste sportmedizinische Forschungen belegen?

In der modernen Kardiologie setzt sich mehr und mehr die Erkenntnis durch, dass bei allen technischen Fortschritten die sprechende Medizin wieder an Boden gewinnen muss: eine auf Stressreduktion und Achtsamkeit orientierte ganzheitliche Medizin, die langfristig für die Erholung eines kranken Herzens sorgen kann. War jahrzehntelang der Zusammenhang zwischen Herzkrankheit und Psyche bezweifelt worden, setzt sich nun die Auffassung durch: Herzpatienten brauchen vor allem eines – eine Therapie mit Herz.

Was tun in Notfall-Situationen/Erstmaßnahmen

Die Meldung hat nicht nur die Filmwelt erschüttert: Vergangene Woche starb der deutsche Filmproduzent Bernd Eichinger an einem Herzinfarkt. Keiner konnte helfen. Was würde man selbst tun, wenn man merkt, jemand hat Herzprobleme?

Gehen Sie immer vom Schlimmsten aus: Rufen Sie sofort den Notarzt unter 112. Schnelle Hilfe tut Not, denn "time is muscle": Je schneller Rettungsmaßnahmen eingeleitet werden, desto mehr Herzmuskelgewebe kann vor dem Untergang gerettet werden. Menschen mit einem Herzinfarkt müssen für weiterführende ärztliche Maßnahmen so schnell wie möglich ins nächste Krankenhaus.

Das können Sie tun:
• Notarzt alarmieren (Notrufnummer 112).
• Bei betroffener Person bleiben.
• Oberkörper hoch lagern.
• Beengende der Kleidung öffnen bzw. entfernen.
• Fenster öffnen.

Bei der schwersten Form tritt in vielen Fällen ein Herzstillstand auf. Dann beginnen Sie sofort mit Herzdruckmassagen. Knien Sie sich dafür neben den Patienten. Ihre Schultern verlaufen parallel zu seinem Brustbein. Pressen Sie das Brustbein immer wieder kurz und kräftig zweimal pro Sekunde vier bis fünf Zentimeter in Richtung Wirbelsäule, indem Sie das Gewicht Ihres Oberkörpers nutzen. Ihre Arme sind dabei gestreckt und die Ellenbogen durchgedrückt. Durch die Herzdruckmassage wird eine Art "Not-Kreislauf" in Gang gehalten und der noch im Blut enthaltene Sauerstoff kann lebenswichtige Organe wie das Gehirn erreichen.

Hören Sie mit der Herzdruckmassage erst auf, wenn ein professioneller Helfer Sie ablöst – oder der Patient wieder zu Bewusstsein kommt und selbst atmet!  Tipp: Keine Angst vor zu festem Druck! Auch wenn eine Rippe zu Bruch geht, ist das allemal besser, als gar keine Herzdruckmassage durchzuführen. Und: Ein Rippenbruch ist kein Grund, die Reanimation zu beenden!

Bewegung lässt neue Blutgefäße am Herzen sprießen

Arteriosklerotisch verengte Gefäße bedeuten eine Unterversorgung mit Sauerstoff und Nährstoffen im Körper. Das führt im schlimmsten Fall zu Herzinfarkt oder Schlaganfall. Doch in manchen Fällen kann der Körper sich selbst helfen: Jeder Mensch hat von Geburt an in der Nähe großer Arterien ein Netz an Umgehungskreisläufen (Kollateralen), die immer dann "einspringen", wenn die benachbarte Arterie verstopft ist.

So gibt es Patienten, die komplette Gefäßverschlüsse haben, aber davon nichts wissen, weil sie natürliche Bypässe gebildet haben, die die Engstelle umgehen. Entdeckt wurde die Existenz biologischer Bypässe schon vor mehr als hundert Jahren bei Angiografien (Darstellung der Blutgefäße durch Röntgen) von Arteriosklerose-Patienten. Auf den Aufnahmen konnte man erkennen, dass Kollateralgefäße gewachsen waren. Wie funktionstüchtig die natürlichen Bypässe sind, hängt von erblichen Bedingungen, Risikofaktoren und dem Trainingszustand des Patienten ab. Deshalb gilt Bewegung als eine wichtiger Pfeiler in der Therapie der Arteriosklerose.

Herzhose (Quelle: rbb)

Herzhose 

Doch nicht alle Patienten mit fortgeschrittener Gefäßverstopfung können ein regelmäßiges Gefäßtraining absolvieren. Deshalb haben die Wissenschaftler aus der Berliner Charité die ECP (Externe Gegenpulsation), kurz "Herzhose", weiterentwickelt. Sie besteht aus sechs aufblasbaren Manschetten, die paarweise um Unterschenkel und um zwei Stellen der Oberschenkel gelegt werden. Sie blähen sich auf und entlüften sich im Herzrhythmus. Das beschleunigt den Blutfluss, durch den der Druck auf die Blutgefäße gesteigert wird. Durch dieses passive "Training" wird eine intensive körperliche Bewegung simuliert.

In einer Studie wurden 23 Patienten mit KHK über sieben Wochen getestet: Die Daten waren erfolgversprechend: Der Blutfluss nahm durchschnittlich um das Doppelte zu, die Beschwerden linderten sich und sechs der behandelten Patienten ging es so gut, dass die verstopften Gefäße weder durch eine Ballondilatation noch eine Stentimplantation aufgedehnt werden mussten. Eine Operation konnte also bei ihnen vermieden werden.

Ärzte machen sich mit der Herzhose also ein schon vorhandenes biologisches Prinzip zu Nutze. Eine therapeutische Beschleunigung dieses "biologischen Wachstums" mit Hilfe der Herzhose ist aus medizinischer Sicht sehr attraktiv, da sie nebenwirkungsarm, kostenreduzierend und trotzdem effizient ist. Die neue Behandlung könnte sowohl präventiv als auch nach einem Gefäßverschluss wirksam sein, da sie in kurzer Zeit zu großen Bypässen führt.

Dieser Beitrag gibt den Sachstand vom 31.08.2011 wieder. Neuere Entwicklungen sind in diesem Beitrag nicht berücksichtigt.

Interview

Ärztin am Computer, Quelle: rbb

rbb PRAXIS Interview

Frauenherzen schlagen anders

Prof. Dr. Vera Regitz-Zagrosek, Leiterin des Instituts für Geschlechter- forschung in der Medizin (GiM) an der Charité-Universitätsmedizin Berlin, spricht über Unterschiede zwischen Frauen- und Männerherzen. _mehr

Experte im Studio:

Prof. Dr. med. Franz Xaver Kleber

Klinikum Ernst von Bergmann
Kardiologie, Angiologie und Konservative Intensivmedizin
Charlottenstr. 72
14467 Potsdam
Tel.: 0331 - 2416102
fxkleber@klinikumevb.de

Experten im Film:

Prof. Dr. med. Dietrich Andresen

Klinik für Innere Medizin
Kardiologie und konservative Intensivmedizin
Klinik Am Urban und Klinik im Friedrichshain
Dieffenbachstr. 1
10967 Berlin
Tel.: 030 - 1302 25 100
Email: dietrich.andresen@ vivantes.de

Prof. Dr. med. Gerhard Schuler

Klinik für Innere Medizin/Kardiologie
Herzzentrum Leipzig GmbH
Strümpellstr. 39
04289 Leipzig
Tel: 0341 - 865-0
Email: hzl@herzzentrum-leipzig.de

Prof. Dr. med. Christoph Herrmann-Lingen

FA für Innere Medizin /Psychotherapie
u. Psychotherap. Medizin
Abt. Psychosomatische Medizin und Psychotherapie
Uni-Medizin Göttingen
Von-Siebold-Str. 5
37075 Göttingen
Tel.: 0551 - 39-6707
Email: cherrma@gwdg.de

Dr. Dr. med. Andreas Fried

Internist/Kardiologe
Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe
Herzschule
c/o Sekretariat Kardiologie
Kladower Damm 221
14089 Berlin
Tel: 030 - 365 01 280 281

Dr. Thilo Borchardt, Prof. Wolfgang Schaper

Max-Planck-Institut für Herz- und Lungenforschung
Parkstraße 1
61231 Bad Nauheim
Tel.: 06032 - 7051 [www.mpi-bn.mpg.de]

PD Dr. med. I. Buschmann

Charité - Campus Mitte
Klinik für Innere Medizin mit Kardiologie, Gastroenterologie, Nephrologie
Laboratorien für Arteriogenese
Hessische Straße 3-4
10115 Berlin [www.herzhose.charite.de]

Herzhose Station

Berlin-Lichtenberg
Am Königin Elisabeth Krankenhaus Herzberge
Herzbergstraße 79
10365 Berlin
Tel: 0170 38 45 721
[www.herzhose.de]

Serviceadressen:

Deutsche Herzstiftung

Vogtstr. 50
60322 Frankfurt am Main
Tel.: 069 - 955128 0

Deutsche Gesellschaft für Angiologie

Luisenstr. 58 / 59
10117 Berlin
Tel.: 030 - 531 48 58 20 [www.dga-gefaessmedizin.de]

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