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"Das Urban" liegt inmitten des Kreuzberger Kiezes und ist erster Anlaufpunktpunkt in Sachen Gesundheit für die Anwohner. Darunter sind auch viele Migranten, sozial Schwache oder alte Menschen. Besonders gut sichtbar wird diese kontrastreiche Mischung an Patienten in der Rettungsstelle, eine der wichtigsten in Berlin.
Doch hinter den Betonmauern gibt es für die jährlich etwa 65.000 Patienten auch High-Tech-Medizin: Ein hochmodernes Herzkatheterlabor oder eines der größten Brustkrebszentren Deutschlands. Für die rbb Praxis hat die "moderne Kiezklinik" ihre Krankenhaustüren geöffnet. Einen Tag lang haben wir Patienten und Mitarbeiter mit der Kamera begleitet und zwischen oberstem Stockwerk und Keller interessante und bewegende Geschichten entdeckt.
Das Krankenhaus Am Urban (KAU) in Berlin-Kreuzberg war das dritte städtische Krankenhaus und wurde zwischen 1887 und 1890 nach den Plänen des Architekten Hermann Blankenstein in offener Pavillon-Bauweise errichtet. Heute verfügt das Urban über zwölf medizinische Fachabteilungen, eine zentrale Notaufnahme, zwei Intensiv-Stationen und 538 Betten, knapp 200 davon in der Psychiatrie. Zum Urban gehören unter anderem ein Zentrum für Brusterkrankungen, das Tumorzentrum Mitte, eine Stroke Unit, ein Schwerpunkt für Gastrointestinale Onkologie, das Berliner Herzrhythmuszentrum (BHZ) und eine Chest-Pain-Unit.
Das Vivantes Klinikum Am Urban ist Akademisches Lehrkrankenhaus der Charité - Universitätsmedizin Berlin. Pro Jahr werden rund 65.000 Patienten behandelt, davon an die 40.000 ambulant und etwa 25.000 stationär. In die Rettungsstelle kommen Jahr für Jahr etwa 40.000 Patienten, also mehr als 100 Patienten pro Tag. Über 1.200 Babys erblicken jährlich in der Geburtsklinik des Urban das Licht der Welt. In acht OP-Sälen führen Ärzte und Fachpersonal täglich etwa 30 Operationen durch.
155 Ärzte und 475 Pflegekräfte kümmern sich um das Wohl der Patienten. Ein weiteres wichtiges Pfund: die Patientenbegleiter. Im Urban wurden dafür 18 Stellen geschaffen. Die Begleiter sind den ganzen Tag mit den unterschiedlichsten Patienten unterwegs, bringen sie zu Untersuchungen oder begleiten sie in den OP-Saal. Über die Einsatzzentrale erhalten sie ihren Funkruf und können so flexibel in allen Stationen und Funktionsbereichen des Urban eingesetzt werden. Insgesamt arbeiten im Klinikum 869 Mitarbeiter.
Historie
Im Jahr 2010 feierte das Vivantes Klinikum Am Urban sein 120-jähriges Jubiläum. Möglich wurde der Bau der Klinik einst unter anderem durch die großzügige Stiftung von Wilhelmine Eleonore Ottilie Beschort. Als sie 1881 starb, hatten sich 600.000 Mark Stiftungsgelder angesammelt, die etwa ein Fünftel der Bausumme abdeckten. Gemäß Fräulein Beschorts Willen durfte in der zukünftigen Kranken-Anstalt allerdings keine Syphilis-Kranke untergebracht werden. Die Eröffnung des Krankenhauses erfolgte mit der Aufnahme der ersten Patientin am 10. Juni 1890.
Die Klinik verfügte damals über 574 Betten. Über die Jahre gab es einige Berühmtheiten, die mit dem Urban zu tun hatten: Im Jahr 1912 beispielsweise musste der spätere Schriftsteller Alfred Döblin seine Arztstelle im Urban wegen Heirat aufgeben, da Assistenzärzte im Krankenhaus wohnen und unverheiratet bleiben mussten. Erst ein paar Jahre zuvor hatte man begonnen, im Krankenhaus auch weibliche Ärzte einzustellen.
Im Jahr 1933 wird das Urban durch SA-Leute besetzt. Die beiden jüdischen Leiter sowie mehrere jüdische Ober- und Assistenzärzte wurden aus dem Amt getrieben. In den folgenden Jahren wurden Am Urban Zwangssterilisationen und -abtreibungen durchgeführt. Beim Luftangriff auf das Krankenhaus im Jahr 1943 starben 20 Mitarbeiter und 29 Patienten, und etwa ein Drittel der Gebäude wurde zerstört.
Im Jahr 1966 begannen die Bauarbeiten für den ersten Neubau eines städtischen Krankenhauses nach dem Krieg. Den Grundstein legte der damalige Regierende Bürgermeister Willy Brandt. Zehn Jahre später wurde das Krankenhaus Am Urban Akademisches Lehrkrankenhaus. 1987 erfolgten umfassende Um- und Erweiterungsbaumaßnahmen. 1990 wurde die Alfred-Döblin-Patientenbibliothek eröffnet. Seit 1994 ist der Hubschrauberlandeplatz in Betrieb. Im Jahr 2001 wurde das Klinikum Am Urban in das Vivantes – Netzwerk für Gesundheit GmbH eingegliedert und wird seitdem kontinuierlich modernisiert.
Abteilungen
Klinik für Innere Medizin, Kardiologie und konservative Intensivmedizin/Berliner Herz-Rhythmuszentrum, Leitung: Prof. Dr. Andresen
Die Klink für Innere Medizin ist eine hoch spezialisierte Klinik mit einem breiten Spektrum an Untersuchungs- und Therapieverfahren in vier Herzkatheterlaboren und zwei OP-Sälen. Hier erfolgt die moderne Behandlung von Herz- Kreislauf- und Gefäßerkrankungen. Die Klinik bietet unter anderem eine innovative, bislang wenig verbreitete Methode zur Bluthochdrucksenkung an, die sogenannte Nierenablation. Für die Methode kappen die Mediziner ein Nervengeflecht, das die Nierenarterien ummantelt. Dadurch wird der Nervenimpuls ausgeschaltet, der für den Blutdruck mitverantwortlich ist. "Renale Denervation" nennen die Ärzte den minimalinvasiven Eingriff.
Dafür schieben die Herzspezialisten einen Katheter über die Arterien der Leiste bis zur rechten und linken Niere. Wärme, die mittels Radiofrequenz erzeugt wird, gelangt über winzige Kanäle zu den oberflächlich liegenden Nerven. Das Nervengewebe, das dafür sorgt, dass blutdrucksteigernde Hormone ausgeschüttet werden, wird über zwei Minuten auf etwa 50 Grad erwärmt und verödet (abladiert). Der Eingriff dauert etwa eine Stunde. Die Operation wird bislang vor allem bei den Patienten angewandt, bei denen andere Behandlungsmethoden versagt haben oder keine ausreichende Besserung brachten.
Klinik für Innere Medizin, Gastroenterologie, Gastrointestinale Onkologie und Infektiologie, Leitung: Prof. Dr. Scherübl
Im Rahmen eines Modellprojektes in dieser Klinik soll die interkulturelle Versorgung und Kommunikation mit Patienten mit Migrationshintergrund verbessert und wissenschaftlich untersucht werden. Das Projekt "Interkulturelle Versorgung und Kommunikation" erfolgt in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Theda Borde, Rektorin der Alice Salomon Hochschule Berlin.
Brustzentrum, Leitung: Prof. Dr. Faridi
Das Zentrum für Brusterkrankungen ist eines der größten zertifizierten Brustzentren in Deutschland. Das Team besteht aus qualifizierten Gynäkologen, speziell auf Brusterkrankungen geschultem Pflegepersonal, einer Psychoonkologin, einer Study Nurse, Radiologen, Pathologen, Onkologen, Strahlentherapeuten, Physiotherapeuten und einer Kunsttherapeutin. Das Team legt besonderen Wert auf eine enge Kooperation mit den niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen, den Selbsthilfegruppen und anderen Kooperationspartnern.
Wichtig ist den Therapeuten die enge Einbindung der Patientinnen in die einzelnen Therapieschritte. Nur so können die Frauen aktiv an ihrem Heilungsprozess mitwirken. Das Brustzentrum bietet den Patientinnen die Teilnahme an wissenschaftlichen Studien an, die der Verbesserung von Diagnostik und Therapie dienen und unter kontrollierten Bedingungen und mit wissenschaftlicher Begleitung durchgeführt werden. Den teilnehmenden Frauen wird im Rahmen der Studien eine besonders intensive Betreuung und Behandlung nach modernsten wissenschaftlichen Erkenntnissen geboten.
Notaufnahme/Rettungsstelle, Leitung: Dr. Michael de Ridder
Die Notaufnahme des Klinikums Am Urban wurde im September 2008 neu eröffnet. Ob nach einem Herzinfarkt, Schlaganfall oder Unfall: Wenn jede Minute von entscheidender Bedeutung ist, muss schnell und effektiv gehandelt werden. Die Klinik arbeitet eng mit der Berliner Feuerwehr zusammen, die in Berlin für die Rettungswagen zuständig sind. Direkt nach der Einlieferung eines Patienten in die Rettungsstelle wird über die weiteren Maßnahmen entschieden. Rettungsstelle, Röntgenabteilung, Krankenhauslabor, Operationssäle und die Intensivmedizin bilden KAU eine gut auf einander abgestimmte Einheit. Mit viel Erfahrung, hohem Einsatz und einer hervorragenden medizinischen Ausstattung ist das Urban für alle Notfälle gerüstet.
Der Chefarzt der Rettungsstelle, Michael de Ridder, hat schon vielen Menschen das Leben gerettet. Gleichzeitig ist ihm würdevolles Sterben ein großes Anliegen. Seiner Ansicht nach setzen sich Ärzte mitunter über den Willen ihrer Patienten hinweg, tun alles, was medizinisch und technisch möglich ist, und tragen so eher zur qualvollen Sterbeverzögerung als zur sinnvollen Lebensverlängerung bei. Aber Lebensverlängerung, so de Ridder, darf nie zum Selbstzweck werden. Statt Todkranke um jeden Preis am Leben zu erhalten, müssen Mediziner lernen, in aussichtslosen Situationen ein friedliches Sterben zu ermöglichen. De Ridder hat über ein Buch über humanes Sterben geschrieben: "Wie wollen wir sterben", erschienen 2010 bei DVA.
Chirurgie – Visceral- und Gefäßchirurgie, Leitung: Dr. Raakow
In der Klinik für Chirurgie am Urban werden unter der Leitung von Dr. Raakow jegliche Art von bauch- und gefäßchirurgischen Eingriffen durchgeführt. Dazu gehören auch Operationen an Speiseröhre, Leber und Bauchspeicheldrüse. Das Team um Dr. Raakow bietet sowohl minimal-invasive als auch herkömmliche offene Verfahren an. Zu den besonders häufig durchgeführten Eingriffen gehören:
• minimalinvasive Eingriffe in der Brusthöhle (thorakoskopische Eingriffe)
• minimalinvasive Eingriffe in der Bauchhöhle einschließlich Gallenblase, Magen, Blinddarm und Dickdarm (laparoskopische Eingriffe)
• minimalinvasive Eingriffe zur Rekonstruktion von Eingeweidebrüchen
• gefäßchirurgische Eingriffe an Aorta und peripheren Arterien
• Venenchirurgie
Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie, Leitung: Frau Prof. Dr. Büttner-Janz
Seit Juni 2010 ist die Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie am Klinikum Am Urban medizinischer Kooperationspartner der Jugend- und Kinder-Fußballer von Hertha BSC. Die Ärzte der Klinik sowie Orthopäden aus der Friedrichshainer Klinik für Orthopädie und aus der Vivantes Rehabilitation führen die jährliche orthopädische Grunduntersuchung von insgesamt 250 Hertha-Spielern zwischen sechs und 23 Jahren durch. Die Untersuchung dient der Früherkennung eventueller Krankheiten sowie unter Umständen der Festlegung von medizinischen Maßnahmen. Außerdem werden trainingsphysiologische Hinweise gegeben.
Geburtsklinik, Leitung: Dr. Nohe
Im Vivantes Klinikum Am Urban in Kreuzberg wurden im vergangenen Jahr 1.220 Geburten verzeichnet. Bereits 1999 ist hier von Hebammen eine "Elternschule" gegründet worden, seit 2002 wird das Projekt offiziell von der WHO unterstützt.
Ziel der Elternschule ist es, die ambulante Versorgung von werdenden und gewordenen Eltern verschiedener Nationalitäten zu verbessern. Neuer Chefarzt der Klinik für Gynäkologie und Geburtsmedizin ist seit Dezember 2011 Dr. Gerhard Nohe. Der Gynäkologe und Geburtshelfer will neben der Geburtsmedizin auch die Urogynäkologie und die gynäkologische Onkologie am Klinikum Am Urban ausbauen. Die Geburtsklinik des Urban befindet sich zurzeit in der Zertifizierungsphase als "Babyfreundliches Krankenhaus". Verliehen wird diese Auszeichnung von WHO/UNICEF.
Pathologie, Leitung: Prof. Dr. Herbst
Die Zahlen sind gigantisch: Allein im Jahr 2009 wurden im gesamten Fachbereich Pathologie von Vivantes über 130.000 Gewebeproben untersucht und die Diagnosen durch über 50.000 immunhistologische Färbungen erweitert und gesichert. Der Fachbereich erbringt alle üblichen Leistungen der Schnellschnitt- und der Routinediagnostik der Pathologie. Darüber hinaus beteiligt sich der Fachbereich Pathologie an der Durchführung von Studien. Im Urban werden neben den anfallenden Schnellschnittuntersuchungen vor allem Präparate aus dem Brustzentrum untersucht.
Als Schnellschnittuntersuchung, kurz Schnellschnitt, bezeichnet man die pathologische Untersuchung von Gewebeproben während einer noch laufenden Operation. Da von den Ergebnissen die weitere Operationstaktik abhängen kann, werden Schnellschnitte bevorzugt behandelt. Im Gegensatz zu den steigenden Gewebeproben wurden in den vergangenen Jahren zunehmend weniger Obduktionen durchgeführt. Die Abnahme ist in der veränderten gesetzlichen Regelung begründet: Seit etwa zehn Jahren müssen die Angehörigen einer Obduktion zustimmen, sofern der Patient selbst keine Erklärung dazu abgegeben hat. In den meisten Fällen lehnen die Angehörigen diese wegen mangelnder Aufklärung ab.
Infotext: Constanze Löffler
© Rundfunk Berlin-Brandenburg
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