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Morgens die zwei weißen Mini-Pillen, mittags die runde Kapsel und die ovale Tablette, abends die große rosa Pille und die gelbe Kapsel – laut Deutschem Arzneiprüfungsinstitut wurden im Jahr 2009 an die 15 Millionen Bundesbürger mit fünf oder mehr unterschiedlichen Arzneimittel-Wirkstoffen behandelt. Insbesondere ältere Patienten, die häufig an mehreren Erkrankungen leiden, sind durch die Pillencocktails gefährdet.
Es wird geschluckt und geschluckt: Zehn Pillen und mehr jeden Tag sind hierzulande keine Seltenheit. Alle haben Nebenwirkungen und welches Medikament mit welchem unerwünschte Reaktionen hervorruft, darüber haben selbst Ärzte nicht unbedingt den Überblick. Rund 40.000 Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Wirkstoffen sind bekannt. Schätzungsweise sterben jährlich etwa 20.000 Menschen an den Folgen der Arzneimittelneben- und -wechselwirkungen.
Durch neu zugelassene Medikamente kommen täglich neue, unbekannte Wechselwirkungen hinzu. Viele kennt man aber auch wie z.B. bei ASS zur Blutverdünnung in Verbindung mit dem Schmerzmittel Ibuprofen. Darauf weist auch die Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft hin. Der Grund: Ibuprofen hebt die Blutverdünnung, die ASS bewirken soll, teilweise wieder auf. Der Patient riskiert einen Herzinfarkt.
Der Pharmakologe Martin Wehling beschäftigt sich seit Jahren mit diesem Problem. Bisher einmalig in Deutschland betreibt er an der Universitäts-Klinik Mannheim eine "Medikamentensprechstunde“, in der sich Patienten beraten lassen können. Wehling fordert eine Art Medikamenten-Manager, vor allem für chronisch kranke und alte Menschen. Die Universität Mannheim erhebt für die Beratung eine Gebühr von ca. 60 Euro.
Hinweis: Eine telefonische oder schriftliche Überprüfung zugeschickter Medikamentenlisten ist nicht möglich. Prof. Wehling bietet die Beratung ausschließlich in Verbindung mit einer ärztlichen Untersuchung in Mannheim an.
Die Patientensprechstunde in Mannheim ist noch eine Ausnahme. Doch einige Hinweise kann der Patienten im Alltag beherzigen, um sich zu schützen:
• Medikamentenliste mit sich führen
• Medikamentenliste regelmäßig – mindestens einmal im Jahr – überprüfen lassen
• Beipackzettel aufmerksam lesen, Verordnungen des Arztes kritisch hinterfragen
Priscus-Liste
In Patientenakten sind die Arzneilisten oft endlos lang, denn jede Krankheit erfordert eine spezielle Behandlung durch den Facharzt. Vor allem ältere Menschen haben naturgemäß oft verschiedene Krankheiten und sind bei mehreren Fachärzten gleichzeitig in Behandlung. Und bei jedem gibt es wieder neue Medikamente. Viele ältere Menschen haben oft nicht den Überblick über die Medikamente, die sie täglich nehmen oder sie berichten ihrem Hausarzt nicht von allen.
In den USA existiert bereits seit 1990 eine Liste mit Medikamenten, die älteren Menschen gefährlich werden können. Deutschland zieht seit dem Herbst 2010 mit der sogenannten Priscus-Liste nach. Sie führt 83 potentiell gefährliche Arzneimittel für Ältere auf. Die Liste lässt sich im Internet abrufen, doch es ist Vorsicht geboten: Ohne Rücksprache mit dem Arzt sollte kein Medikament eigenmächtig abgesetzt werden.
Ältere Menschen nehmen hierzulande durchschnittlich sechs verschiedene Medikamente pro Tag ein. Einige Wirkstoffe können bei diesen mehrfach kranken Leuten gefährliche Auswirkungen und Nebenwirkungen haben. Typisch sind Nierenschäden, Magenblutungen oder ein erhöhtes Sturzrisiko. Typischerweise können Schmerz- und Blutdruckmedikamente oder Psychopharmaka die beschriebenen Beschwerden auslösen.
Nicht selten entstehen die lebensbedrohlichen Nebenwirkungen auch, wenn die Wirkstoffe in bestimmten Dosierungen genommen oder wenn Arzneimittel miteinander kombiniert werden. Ein weiteres Problem: Patienten über 65 vertragen viele Medikamente nicht mehr, die bei jüngeren ganz unproblematisch sind. Ein Grund: Im Alter verändert sich der Stoffwechsel, beispielsweise arbeiten Leber und Nieren weniger schnell und gut.
Filmbeitrag: Johannes Mayer
Infotext: Constanze Löffler
© Rundfunk Berlin-Brandenburg