Dr.Dr. Stephan von Haehling, Kardiologie, Charite Berlin, Quelle: rbb

rbb Praxis Interview - Herz und Muskeln

Wissenschaftler der Charité - Universitätsmedizin Berlin können jetzt die ersten Ergebnisse des EU-geförderten Forschungsprojektes SICA-HF vorweisen. Für das Projekt wurden von über 1400 Patienten und 350 gesunden Probanden gesundheitsbezogene Daten erfasst, um die Begleiterkrankungen der Herzinsuffizienz besser zu verstehen. Nach Schätzungen leiden etwa 14 Millionen Europäer an einer Herzmuskelschwäche, viele von ihnen sind über 70 Jahre alt. Die Herzinsuffizienz gilt als eine der Haupttodesursachen in der westlichen Welt. Interview mit Dr. Dr. Stephan von Haehling, wissenschaftlicher Koordinator der Studie an der Charité Berlin.

Patient mit Herzschwäche beim Belastungstest, Quelle: rbb

Sie haben bei Patienten mit Herzschwäche in Ihrer Studie besonders die Skelettmuskulatur untersucht. Was haben Sie dabei herausgefunden?
Wir haben herausgefunden, dass Herzinsuffizienz zu einer allgemeinen Muskelschwäche im Skelettmuskel führen kann, welche sich von altersbedingter Muskelschwäche unterscheidet und daher gezielt behandelt werden sollte. Herzschwache Patienten haben ja häufig viele Begleiterkrankungen, kranke Nieren, Lungenerkrankungen, Diabetes zum Beispiel. Im Rahmen unserer Studie nun fiel uns auf, dass unsere Patienten mit Herzschwäche auch häufiger eine geringere Muskelmasse haben als man erwarten würde. Das betrifft vor allem die Muskeln in Armen und Beinen. Und das führt dazu, dass die Patienten sich schwer körperlich belasten. Das fängt bei ganz einfachen alltäglichen Verrichtungen an. Wenn die Muskeln zu schwach sind, ist schon das Aufstehen aus dem Sessel eine Hürde.

Die Abnahme der Muskelmasse, so könnte man denken, ist eine logische Folge, wenn die Herzleistung abnimmt?
Ja, Menschen mit einer Herzinsuffizienz, der medizinische Fachausdruck für Herzschwäche, haben natürlich eine eingeschränkte Leistungskraft. Es fällt ihnen schwer, Treppen zu steigen oder auf der Straße zu laufen. Wir haben aber gesehen, dass Muskelmasse bei einer Gruppe von herzinsuffizienten Patienten unabhängig von der Herzleistung abnimmt. Und die werden dadurch zusätzlich geschwächt, haben zusätzliche Einschränkungen im Alltag.

Patient und Arzt besprechen Befunde, Quelle: rbb

Wie kann man diesen Patienten helfen, gibt es da spezielle Therapien?
Wir sind bei dieser Studie zum Muskelschwund bei herzschwachen Patienten ganz am Anfang. Wir haben ein Phänomen beschrieben, dass bisher völlig unbekannt war. Wir sind jetzt dabei zu überlegen, was wir tun können. Was wir aber jetzt schon empfehlen können, ist körperliche Aktivität. Das heißt, Patienten mit Herzschwäche sollen nicht zu Hause sitzen und auf keinen Fall im Bett liegen, solange sie nicht massiv eingeschränkt sind. Sondern sie sollen sich bewegen, rausgehen, spazieren gehen, am Ergometer trainieren, körperlich aktiv bleiben. Sogar ein leichtes Hantel-Training kann sinnvoll sein, da muss man im Einzelfall sehen, wie fit der Patient ist. Das heißt, ganz wichtig, die Patienten müssen unter ärztlicher Anleitung und Kontrolle mit dem sportlichen Training beginnen.

Wie wird es mit der Studie weitergehen?
Wir versuchen jetzt erst einmal, die Diagnostik zu vereinfachen. Das heißt herauszufinden, wie kann man diesen speziellen Muskelschwund in der täglichen Praxis feststellen. Möglich ist vielleicht ein Bluttest, dabei sind wir gerade, dies zu entwickeln. Der nächste Schritt wäre dann die Entwicklung einer Therapie – aber da sind wir noch ganz am Anfang.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Cornelia Fischer-Börold