
rbb PRAXIS -
Verschlossene Gefäße an den Beinen müssen nicht immer gleich "Operation" bedeuten. Stattdessen sollten Gefäßmediziner, Diabetologen, Gefäßchirurgen und Trainingszentren miteinander nach Therapiealternativen suchen.
Anfang April startete an der Berliner Charité eine Studie mit Patienten, die unter der so genannten Schaufensterkrankheit leiden. Mediziner nennen die verstopften Gefäße auch periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK). Die Studie vergleicht die Wirkung von konventionellem Gefäßtraining, dem Training mit der Herzhose und Nichtstun. Etwa 300 Patienten sollen in diese Studie eingeschlossen werden; neben Patienten aus der Charité werden auch Kranke aus einem Studienzentrum in Scottsdale, Arizona, getestet. "Wir wollen damit erste, zulassungsrelevante Daten für die Wirksamkeit der Herzhose in der pAVK für die amerikanische Zulassungsbehörde FDA (Food and Drug Administration) sammeln", erklärt Ivo Buschmann, Gefäßmediziner am Virchow Klinikum der Charité Berlin.

Schaufensterkrankheit ist weit verbreitet
Rund 4,5 Millionen Menschen leiden hierzulande unter der Schaufensterkrankheit. Dabei verkalken die Gefäße in den Beinen zunehmend, am Ende fließt gar kein Blut mehr. Das verursacht Schmerzen und Beschwerden bei Bewegung, so dass die Betroffenen gezwungen sind aller paar Meter stehen zu bleiben – um ihre Beschwerden zu verschleiern, vorzugsweise vor einem Schaufenster. "Die Lebenserwartung dieser Patienten ist um bis zu zehn Jahre verkürzt“, warnt Buschmann. "Ihre Gliedmaßen werden nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt. Im schlimmsten Fall muss das Bein amputiert werden." Rund 60.000 solcher Amputationen führen deutsche Ärzte jährlich durch. Zu viele, so die Meinung vieler Gefäßspezialisten. Das Problem: Oft werden die verkalkten Gefäße zu spät erkannt. Doch selbst in frühen Stadien wird aus Sicht von Buschmann zu wenig getan: "In den Köpfen hat sich festgesetzt, dass man bei Gefäßverschlüssen nur einen Bypass legen oder einen Stent setzen kann“, so der Gefäßmediziner. Dabei gebe es zahlreiche weitere Verfahren, die zusammen mit einem operativen Eingriff geplant werden können. Vor allem Bewegung – egal ob aktiv oder passiv – hilft.
Biologische Bypässe wachsen lassen
Für Patienten, die in den letzten Jahren wenig aktiv waren, haben Buschmann und seine Kollegen die Herzhose entwickelt. Dafür legen die Ärzte dem Patienten aufblasbare Manschetten um Unter- und Oberschenkel an. Sie werden im Herzrhythmus aufgeblasen und wieder entlüftet. Das beschleunigt den Blutfluss zum Herzen und zum Bein. Die Folge: Innerhalb weniger Wochen bilden sich unter regelmäßiger Therapie biologische Bypässe aus. Das sind kleine Gefäße, welche die verstopften Arterien umgehen. "Diese Umgehungsstraßen sind von Natur aus angelegt, verkümmern aber ohne Bewegung“, so Buschmann. "Körperliches Training aktiviert sie, so dass sie bei einem Gefäßverschluss die Blutversorgung übernehmen können.“ Auch bei langjährigen Diabetikern soll dieses Prinzip jetzt etabliert werde. "Für eine entsprechende Studie suchen wir noch Diabetiker sowie Patienten, deren Oberschenkel- oder Unterschenkelarterie eingeengt oder verschlossen sind“, sagt Buschmann.

Nach dem Training ist vor dem Training
Untersuchungen zufolge halten die Trainingseffekte mit der Herzhose bis zu einem Jahr an. Für eine dauerhafte Wirkung sollten die Patienten jedoch in einer Gefäßtrainingsgruppe weitertrainieren, so Buschmann. Insbesondere bei Ausdauer-Sportarten wie Walken, Schwimmen oder Langlaufen wachsen durch die gleichmäßige Belastung die neuen Gefäße. Damit Patienten noch gezielter trainieren, haben Buschmann und sein Team das Gefäß-Tachometer entwickelt. „Bislang mussten wir schätzen, wie viel Training welcher Sorte dem einzelnen Patienten besonders gut hilft“, so Buschmann. Mit diesem besonderen Ultraschallverfahren gelingt es Ärzten jetzt erstmals zu messen, wie schnell das Blut in der Arterie maximal be- und entschleunigt wird. Der Messwert gibt genaue Auskunft darüber, wie es um die Durchblutung des Patienten bestellt ist. „Mit dem Gefäßtacho wollen wir zukünftig das Training wie ein Medikament dosieren und das Wachstum der neuen Gefäße maximal stimulieren.“
Text: Constanze Löffler


