Schimmel im Rettungsturm (Quelle: rbb)

Interview - Wenn Sporen die Atemluft verseuchen

Der enge Zusammenhang zwischen Schimmelpilzen und der Entwicklung von Asthma wurde in diversen Studien bewiesen. Doch bis heute fehlt es beispielsweise an verlässlichen allergologischen Tests für die Diagnose des Schimmelpilzbedingten Asthmas. rbb PRAXIS hat mit Dr. Thomas Lob-Corzilius vom Christlichen Kinderhospital Osnabrück über weitere Besonderheiten der Erkrankung gesprochen. Er leitet die Kinder-Pneumologie der Klinik und ist Sprecher der Arbeitsgruppe Umweltmedizin der Gesellschaft für Pädiatrische Allergologie und Umweltmedizin.

Wie häufig lösen Schimmelpilze im Vergleich zu anderen Allergenen Asthma aus?
Die häufigsten Allergene, die Asthma auslösen, sind Pollen, Hausstaubmilben und Tierhaare. Rund fünf Prozent der Kinder entwickeln eine klinisch relevante Sensibilisierung gegen Schimmelpilze. Das gilt gleichermaßen für Innenraumschimmelpilze wie beispielsweise Aspergillus als auch für Schimmelpilze aus dem Außenbereich wie Alternaria. Nicht alle Kinder mit einer Sensibilisierung entwickeln allerdings tatsächlich eine Allergie. Dennoch dürfen wir Schimmelpilze nicht vernachlässigen. Denn zumindest unter Erwachsenen steigt mit zunehmender Asthmaschwere der Anteil von Schimmelpilzallergikern.

Kennt die Fachwelt Risikofaktoren, die zur Auslösung des Schimmelpilzbedingten Asthmas beitragen?
Das ist zum einen die familiäre Veranlagung für Typ-I-Allergien, also Allergien, die direkt nach dem Kontakt mit dem Allergen auftreten. Dieser Typ ist die häufigste Allergieform. Zum anderen sind die Kinder öfter betroffen, die bereits gegen Pollen oder andere Allergene sensibilisiert sind oder bereits unter einer Erkrankung des atopischen Formenkreises wie Heuschnupfen oder Neurodermitis leiden.

Gibt es besonders potente Schimmelpilze, die Asthma auslösen?
Bis heute sind etwa 80 allergene Schimmelpilzantigene genetisch definiert. Die Gruppe der Fungi imperfecti mit den Gattungen Aspergillus, Alternaria, Cladosporium und Penicillium ruft besonders häufig Allergien hervor.

Welcher Anteil der Schimmelpilze ist für das Asthma verantwortlich?
Normalerweise wirken die Sporen allergieauslösend, mit deren Hilfe sich die Pilze ver-mehren. Schimmelpilze können aber auch Giftstoffe freisetzen – sogenannte Mykotoxine –, welche die Atemwege direkt reizen, genau wie flüchtige Stoffwechselprodukte der Schimmelpilze, die den typisch muffigen Geruch im Keller oder im Herbstwald verursachen. Aflatoxin, gebildet von Schimmel auf Lebensmitteln, verursacht sogar Leberkrebs.

Viele glauben, dass vor allem Schimmelpilze in der Wohnung zu einer erhöhten Allergiebereitschaft führen. Ist das tatsächlich so?
Die wichtigsten Allergene in der Wohnung sind Hausstaubmilben und in Haushalten mit Tierhaltung auch Tierhaare. Erst dann folgen mit weitem Abstand die Schimmelpilze. Je feuchter die Wohnung und je mehr Schimmel sichtbar ist, desto höher auch das Risiko für allergisches Asthma. Einer finnischen Studie zufolge erkranken Kinder in feuchten Wohnungen zwei bis drei Mal häufiger als diejenigen, die in trockenen Wohnungen aufwachsen. Die Kinder bekommen übrigens überdurchschnittlich oft Asthma, wenn der Schimmel da wächst, wo sie schlafen und sich vornehmlich aufhalten.

Gibt es – ähnlich wie bei den Pollen – eine jahreszeitliche Häufung des Schimmelpilzindu-zierten Asthmas?
Untersuchungen zufolge ist die größte Sporenbelastung in den Sommermonaten und im Herbst.

Abgesehen von offensichtlich schimmligen Stellen in der Wohnung – wo lauert Schimmel, ohne dass wir ihn vermuten?
Wenn Schimmelpilz hinter der Tapete, unter Wand- und Deckenverkleidungen oder Verschalungen versteckt wächst, lässt er sich nur schwer entdecken. Auch die Erde der Zimmerpflanzen und Hydrokulturen beherbergen gern Schimmelpilze. Wir raten außerdem von Luftbefeuchtern und Zimmerspringbrunnen ab, ebenfalls häufige Schimmelpilzquellen.

Was fördert das Schimmelpilzwachstum?
Oft wachsen Schimmelpilze durch falsche Raumheizung und -durchlüftung. Genauso führen Bauschäden, die zu durchfeuchtender Nässe von außen führen, oder die Folgen eines Wasserrohrbruchs zu Schimmel. Auch unsachgemäße Häuserdämmung, durch die Feuchtigkeit zwischen Dämmung und eigentliche Hauswand gelangt, oder übertrieben dichte Fenster begünstigen die Entstehung von Schimmelpilzen.

Gibt es eine Möglichkeit für den Laien, allergene Schimmelpilze in der Wohnung von nicht-allergenen zu unterscheiden?
Nein, aber Sie können Schimmelpilzbefall durch seinen modrig muffigen Geruch auf die Spur kommen, obwohl Sie nichts sehen. Dieser Geruch sollte immer Anlass sein, nach Quellen zu suchen. Wahrnehmbarer Schimmelpilzbefall, der mindestens handtellergroß ist, muss entfernt werden.

Wie testen die Ärzte, ob tatsächlich Schimmelpilze Auslöser für das Asthma sind?
Das ist nicht immer so einfach. Bislang stehen uns für rund 20 Schimmelpilze Extrakte für die Allergietestung zur Verfügung. Besteht der Verdacht auf eine Schimmelpilzallergie, machen wir einen so genannten Pricktest. Dafür träufle ich eine Testlösung mit Schimmelpilz-Allergen auf den Arm und pieke die Stelle mit einer Nadel an. Entsteht eine Quaddel, spricht das für eine Allergie.

Wie gehen Ärzte heute bei der Therapie des schimmelpilzbedingten Asthmas vor?
Zunächst sollte die Schimmelpilzbelastung gesenkt werden, indem die Bewohner den Schimmel aus der Wohnung entfernen. Das sollte ein Fachmann machen. Reicht das nicht, müssen die Leute gelegentlich sogar die Wohnung wechseln – vor allem wenn es erhebliche Bauschäden gibt, die der Mieter nicht beseitigen kann. Symptome wie Atemnot behandeln wir mit den gleichen Präparaten zum Inhalieren wie bei Asthma, das an-dere Allergene auslösen.

Wie sieht es mit der Hyposensibilisierung aus?
Das Prinzip der Therapie ist folgendes: Durch wiederholte Injektionen des Allergens in zunehmender Dosis unter die Haut wird der Patient gegenüber dem Allergen zunehmend toleranter. Bislang stehen uns allerdings nicht für alle Schimmelpilze Extrakte in gleichbleibend guter Qualität für eine Hyposensibilisierung zur Verfügung. Gerade wenn die Patienten gegen mehrere Schimmelpilze allergisch sind, verbessern sich sie Be-schwerden bei Therapie mit einem einzelnen Extrakt nicht unbedingt.

Vielen Dank für das Gespräch.
Das Gespräch führte Constanze Löffler

Tipps gegen Schimmelpilzbefall

• Senkung der Innenraumluftfeuchtigkeit
• Ausreichende Lüftung (Luftfeuchtigkeit < 65%)
• Fachgerechte Sanierung bei Schimmelpilzbefall
• Vermeidung von Spielen in feuchtem Heu, Rindenmulch, Komposthaufen oder verrottendem Laub
• Pilzsporenflug soweit möglich vermeiden
• Nahrungsmittelreste entsorgen
• Keine Topfpflanzen im Kinderzimmer

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