Rollstuhl vor Pflegebett (Bild: dpa)

- Bessere häusliche Pflege von Demenzkranken möglich

In Deutschland sind etwa 1,4 Millionen Menschen an Demenz erkrankt. Die Krankheit entwickelt sich schleichend, Betroffene sind immer weniger in der Lage, ihren Alltag zu managen. Für Angehörige, die ihre an Demenz erkrankten Menschen zuhause pflegen, ist das eine herausfordernde Aufgabe.

Mehr als 70 Prozent aller Demenzkranken werden hierzulande zuhause betreut. Untersuchungen zeigen, dass pflegende Angehörige damit häufig körperlich und seelisch überfordert sind. "Sie denken nicht mehr an das eigene Wohlergehen, obwohl dies die Voraussetzung für die Rund-um-die-Uhr-Pflege ist", sagt Renate Soellner, Institut für Psychologie der Universität Hildesheim.

Die Professorin hat daher mit ihrem Team in einer Studie untersucht, ob Familien mit Demenzkranken beipielsweise durch professionelle Telefongespräche unterstützt werden können. Mehr als 100 Angehörige wurden drei Monate lang in insgesamt sieben Telefongesprächen beraten. Sie berichteten danach über eine höhere Lebensqualität und dass sie sich generell gesünder und weniger depressiv fühlten. 91 Prozent der Teilnehmer sagten, dass sie die telefonische Unterstützung anderen weiterempfehlen, vier von fünf Angehörigen bewerteten die Unterstützung als sehr hilfreich. Die Telefonate beinhalteten keine praktischen Pflegeanleitungen und keinen Crashkurs in der Krankenpflege. "Die Pflegenden selbst sollten gestärkt werden", sagt Soellner aus Hildesheim. Dieser Plan ging auf: Die Teilnehmer sagten aus, sich durch die Hilfe qualifizierter Psychologinnen leichter mit Schwierigkeiten im Pflegealltag umgehen zu können – was sich wiederum positiv auf die Gesundheit auswirkt.

Doch die psychologische Unterstützung ist nicht alles – wenn Demenzkranke so lange wie möglich zuhause betreut werden sollen, kostet das auch Geld. Sonst werden ihre nachlassenden geistigen Fähigkeiten mitunter sogar gefährlich. Das Problem: Die gesetzlichen Kriterien für eine Pflegestufe 1 sind bei vielen noch nicht erfüllt. Denn trotz der geistigen Verwirrung sind die Kranken körperlich oft noch erstaunlich fit, können sich alleine waschen, anziehen, Frühstück machen.

Die Politik hat bereits vor einiger Zeit auf die absurde Situation reagiert und die sogenannte "Pflegestufe Null" ins Leben gerufen. Seit Beginn 2013 können Demenzkranke mit eingeschränkter Alltagskompetenz nun zusätzlich zu den bisherigen Betreuungsleistungen erstmals Pflegegeld beantragen. Zudem können im Rahmen dieses neuen Gesetzes auch andere Leistungen, die normalerweise erst ab Pflegestufe 1 in Betracht kommen, von der Pflegekasse übernommen werden.

Für Angehörige bedeutet das neue Gesetz eine finanzielle Entlastung. Bevor die Pflegekasse die Leistungen erstattet, muss der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) wie bei den anderen Pflegestufen auch während eines Hausbesuches den individuellen Bedarf ermitteln. Der MDK beurteilt laut Katalog, wie hoch die Gefahr ist, dass der Patient wegläuft, unsachgemäß mit gefährlichen Gegenständen umgeht, Gegenstände und Lebensmittel sammelt, die man normalerweise wegwirft und wie gut er noch seinen Alltag strukturieren kann. Treffen mindestens zwei Kriterien dauerhaft zu, wird dem Pflegebedürftigen eine "erheblich eingeschränkte Alltagskompetenz" bescheinigt. Für diese Personen zahlt die Pflegekasse "zusätzliche Betreuungsleistungen". Zu den bisherigen Betreuungsgeldern in Höhe von 100 Euro beziehungsweise 200 Euro erhalten die Familien zusätzlich bis zu 120 Euro pro Monat, wenn sie die Angehörigen selbst pflegen. Wird ein ambulanter Dienst eingeschaltet, gibt es Leistungen von bis zu 225 € im Monat.

Familien, welche die "Pflegestufe Null" beantragen, bekommen jedoch kein Bargeld ausgezahlt. Sie müssen die Hilfe anfordern, indem sie zum Beispiel Rechnungen von offiziellen Betreuungsangeboten bei der Pflegekasse einreichen. Angehörige können sich aber auch selbst von professionellen Pflegediensten anleiten lassen – die Kosten dafür erstattet die Pflegekasse auch. Ein weiterer Vorteil: Hat die Familie die Beiträge in einem Jahr nicht vollständig ausgeschöpft, kann sie die Leistungen ins Folgejahr retten. Und auch Kranke, die bereits eine Pflegestufe haben, können die Leistungen beantragen.

Bisher haben noch nicht viele Menschen von der "Pflegestufe Null" Gebrauch gemacht. Denn viele Menschen wissen nicht, dass sie dazu berechtigt sind. Experten hoffen, dass die Unterstützung zukünftig mehr abgefragt wird.

Die Forscher aus Hildesheim und Jena haben indes kürzlich eine Folgestudie gestartet. Sie soll erstmals das qualifizierte psychologische Unterstützungsangebot in bestehenden Versorgungsstrukturen erproben. Über ein Jahr werden 120 Studienteilnehmer in drei Vergleichsgruppen begleitet. Zwei Gruppen erhalten über sechs Monate psychotherapeutische Beratung – eine davon via Telefon. Die persönliche Beratung findet in Jena, München und Berlin statt, die telefonische bundesweit. Die Inhalte der Gespräche orientieren sich an den jeweiligen Bedürfnissen der pflegenden Angehörigen wie z.B. dem Umgang mit belastenden Gedanken und Sorgen oder auch mit sozialer Isolation. "Wir vergleichen die Wirkungen der telefonischen Unterstützung mit denen einer persönlichen Begegnung", so das Forscherteam.

Das Bundesministerium für Gesundheit fördert das Forschungsprojekt von 2012 bis 2015 mit 480.000 Euro. Kooperationspartner sind die Deutsche Alzheimer Gesellschaft e.V. und die Alzheimer Gesellschaft München e.V.. In Kooperation mit dem Helmholtz Zentrum München erfolgt eine gesundheitsökonomische Bewertung der Studienergebnisse.

Für die gemeinsame Studie der Universitäten Hildesheim und Jena werden bundesweit Angehörige gesucht, die einen demenzerkrankten Menschen zu Hause pflegen und bisher keine therapeutische Unterstützung erhielten. Interessierte wenden sich an die Kooperationspartner in Jena: Dipl.-Psych. Kathi Albrecht (Tel. 03641.945175; Montag 13:00 – 14:00 und Dienstag 9:00 – 10:00) oder Dipl.-Psych. Franziska Meichsner (03641.945178; Mittwoch 10:00 – 11:00 und 16:30 – 17:30) sowie nach Vereinbarung. Per E-Mail: teletandem@uni-jena.de.

Text: Beate Wagner

Infos zur Studie

Für die gemeinsame Studie der Universitäten Hildesheim und Jena werden bundesweit Angehörige gesucht, die einen demenzerkrankten Menschen zu Hause pflegen und bisher keine therapeutische Unterstützung erhielten.

 

Interessierte wenden sich an:
Dipl.-Psych. Kathi Albrecht, Tel: 03641.945175; Montag 13:00 – 14:00 und Dienstag 9:00 – 10:00
oder Dipl.-Psych. Franziska Meichsner, Tel: 03641.945178; Mittwoch 10:00 – 11:00 und 16:30 – 17:30 sowie nach Vereinbarung. Per E-Mail: teletandem@uni-jena.de.

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