
Paten für Kinder von Suchtkranken -
Das Patenschaftsprojekt "Vergiss mich nicht“ sucht und vermittelt Paten für Kinder von Suchtkranken, die mit den Kindern spielen, lachen, weinen, reden – oder ihnen einfach nur zuhören. Paten wie Michael Liedgens aus Berlin-Lankwitz sollen den Heranwachsenden ein Freund sein, damit sie wieder lernen, Kind zu sein. rbb PRAXIS hat mit dem 55-jährigen Frührentner über seine wöchentlichen Einsätze gesprochen.
Herr Liedgens, warum engagieren Sie sich ehrenamtlich? Und warum haben Sie sich gerade für "Vergiss mich nicht“ entschieden?
Michael Liedgens: Ich bin schon seit ein paar Jahren in Frührente, meine Töchter sind aus dem Haus und mir fiel immer mehr die Decke auf den Kopf. Deshalb habe ich nach einer Aufgabe gesucht. Als ich dann die Anzeige in der Zeitung gelesen habe, dass für ein Projekt mit Kindern Paten gesucht werden, war ich sofort begeistert. Ich arbeite auch noch ehrenamtlich in einem Altersheim, da passte das für mich gut als Ausgleich.
Wie ging es für Sie nach dem Lesen der Anzeige weiter?
Michael Liedgens: Ich habe bei "Vergiss mich nicht“ angerufen und mit der Projektleiterin Frau Wegener verabredet. Danach gab es ein zweites Gespräch mit Frau Wegener und einem Psychologen, der mich auf Herz und Nieren geprüft hat, beispielsweise nach meinen Gründen für die Patenschaft fragte. Beim dritten Termin war dann die Heimleiterin vom Kinderheim "Sonnenhof“ dabei. Sie hat mir danach einen Jungen anvertraut, den ich nun seit Sommer 2011 betreue. Seine Eltern sind beide alkoholkrank, er hat kaum Kontakt zu ihnen.
Wie lange hat dieser "Aufnahme-Prozess“ denn bei Ihnen hingezogen?
Michael Liedgens: Etwa drei Monate. Man muss ja auch noch ein polizeiliches Führungszeugnis erbringen, das hat etwas gedauert.

Durften Sie sich das Alter Ihres Patenkindes aussuchen oder wählen, ob Sie einen Mädchen oder Jungen betreuen möchten?
Michael Liedgens: Ja, man hat mich vorher gefragt. Ich wollte gern ein größeres Kind betreuen, weil ich starke Rückenprobleme habe und nicht heben kann. Ob Junge oder Mädchen war mir egal. Der Heimleiterin vom Sonnenhof jedoch nicht – sie wollte für ihren Zögling unbedingt einen männlichen Paten, damit der Junge merkt, dass es nicht nur Männer gibt, die betrunken in Unterhosen vor dem Fernseher hängen.
Wie haben Sie sich Ihrem Patenkind genähert? Wie waren die ersten Begegnungen?
Michael Liedgens: Das war viel unkomplizierter als ich dachte. Es gab von Anfang an keine Berührungsängste. Der Junge freut sich so sehr auf unsere Treffen, es ist sein Highlight der Woche.
Was unternehmen Sie gemeinsam mit Ihrem Patenkind?
Michael Liedgens: Das, wozu der Junge Lust hat. Schwimmen, radeln, Eis essen. Wir besprechen beim Treffen vorher, was wir das nächste Mal tun. Das klappt wunderbar.
Wie sehr tauchen Sie in das Leben Ihres Patenkindes ein?
Michael Liedgens: Möglichst wenig. Das haben Frau Wegener, der Psychologe und ich vor Beginn der Patenschaft ausführlich besprochen. Ich kann die Eltern des Jungen nicht ersetzen, und das will ich auch nicht. Ich möchte, dass wir zusammen eine gute Zeit haben, in der er sich wohl und angenommen fühlt. Mit mir kann er die Dinge machen, die er sich wünscht und für die es im Heim nicht genug Zeit gibt. Für seine Erziehung sind andere Menschen zuständig.
Wie wichtig ist für Sie Ihre Betreuung durch die Projektleiter?
Michael Liedgens: Einmal monatlich gibt es ein Patentreffen. Das finde ich gut und wichtig, um sich auszutauschen und voneinander zu lernen.
Was wäre ein Grund für Sie, aufzuhören?
Michael Liedgens: Es gibt für mich keinen Grund. Ich wusste von Anfang an, dass das kein kurzfristiges Projekt ist. Sollte der Junge mal keine Lust mehr auf unsere gemeinsamen Ausflüge haben, würde ich auch ein neues Patenkind annehmen. Ohnehin betreue ich seit einiger Zeit noch einen zweiten Jungen, dessen Mutter heroinabhängig war und nun seit einigen Jahren in einem Methadon-Programm ist.



