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Weniger ist mehr – diese Weisheit trifft für vieles zu, auch für den Verzehr von Fleisch. Doch bringt der komplette Verzicht auf Fleisch tatsächlich noch mehr gesundheitliche Vorteile? Dazu gibt es mittlerweile viele Studien, mit teilweise unterschiedlichen Ergebnissen – zumindest auf den ersten Blick. rbb Praxis hat darüber mit Prof. Dr. Heiner Boeing vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung gesprochen.
Zuletzt hat die Studie der Medizinischen Universität Graz für viel Wirbel gesorgt. Darin hieß es unter anderem: Vegetarier sind häufiger krank als Fleischesser. Das hat viele, die sich vegetarisch ernähren, verunsichert. Wie schätzen Sie als Wissenschaftler diese Studie ein?
Die Grazer Studie hat einen ganz anderen Ansatz als andere große Vegetarier-Studien. Sie ist eine so genannte Querschnittstudie, bei der Vegetarier nach bestimmten Krankheiten gefragt wurden. Bei den anderen Studien handelt es sich um so genannte prospektive (in die Zukunft gerichtete) Längsstudien. Dabei werden vorab Menschen in verschiedene Ernährungsgruppen eingeteilt, um dann über einen längeren Zeitraum zu beobachten, welche Krankheiten sie entwickeln.
Andere Studien wie die Oxford EPIC Studie oder die Vegetarier-Studie des Krebsforschungszentrums Heidelberg kommen zu dem Schluss, Vegetarier würden vor allem weniger Herz-Kreislauf-Erkrankungen bekommen. Wie ist die Qualität solcher Studien einzuschätzen?
Mit solchen prospektiven Längsstudien, wie ich sie gerade beschrieben habe, lassen sich natürlich ganz andere Aussagen darüber machen, inwieweit Ernährung sich auf die Entstehung von Krankheiten auswirkt. Diese Studien haben große Teilnehmerzahlen und laufen über einen langen Zeitraum. Die Studie der Grazer Wissenschaftler hat im Vergleich relativ wenige Vegetarier erfasst (330) und hat auch nicht gefragt, wie lange sie sich schon vegetarisch ernähren.
Wodurch lassen sich so grundsätzlich verschiedene Studienergebnisse erklären?
Die Vegetarier, die in der Grazer Studie befragt wurden, leiden schon länger unter bestimmten Krankheiten und haben sich deshalb für eine vegetarische Ernährung entschieden. Das heißt, sie sind nicht durch die vegetarische Ernährung krank geworden, sondern sie suchen in der fleischlosen Ernährung eine Möglichkeit, ihren Gesundheitszustand zu verbessern. Daher hat für mich die Grazer Studie auch gar keine negative Botschaft. Die Ergebnisse sind nur falsch interpretiert worden. Meiner Meinung nach zeigt die Studie vielmehr, dass die vegetarische Ernährung in der Gesellschaft angekommen ist.
Was sind Ihrer Meinung nach die gesundheitlichen Vorteile einer vegetarischen Ernährung?
Hier muss man ganz klar unterscheiden, von welcher Form des Vegetarismus man spricht. Um gesünder zu leben, reicht es nicht aus, nur das Fleisch wegzulassen und zum "Pudding-Vegetarier" zu werden. Wer Fleisch in seiner Ernährung weglassen will, sollte sich wie alle anderen auch, an die Regeln einer ausgewogenen Ernährung halten. Also viel Obst und Gemüse und ballaststoffreiche Vollkornprodukte essen. Dann hat auch die vegetarische Ernährung einen klaren gesundheitlichen Vorteil gegenüber dem traditionellen Essverhalten mit einer täglichen Fleischportion. Was wir ehrlicherweise im Moment noch nicht sagen können, ist, ob zusätzlich zu einer ausgewogenen Ernährung mit wenig Fleisch ein völliger Verzicht auf Fleisch noch mehr gesundheitliche Vorteile bringt.
Vielen Dank für das Gespräch.
Das Gespräch führte Ursula Stamm.

