
rbb Praxis Interview -
Süße Verführungen lauern überall, egal ob Kuchen, Eiscreme oder Softdrinks. Da fällt es einem manchmal schwer, nicht zuzugreifen. Ganz zu verzichten, ist auch nicht notwendig. "Die Dosis und die Qualität der gesamten Ernährung entscheiden, ob wir Süßes ungestraft genießen können oder unser Körper Schaden dadurch nimmt.", sagt die Ernährungsmedizinerin Dr. Ute Gola. rbb Praxis sprach mit ihr darüber, inwiefern zu viel Zucker krank machen kann.
Frau Dr. Gola, Sie sagen, dass Essen sehr viel mit Ritualisierung und Gewohnheiten zu tun hat. Welche Rolle darf Zucker hierbei einnehmen, damit die Gewohnheiten sich in einem gesunden Rahmen bewegen?
Der Geschmack "süß" gehört zu unserem Leben. Auch unsere erste Nahrung Muttermilch ist süß. Wir verknüpfen auch später im Leben angenehme Erinnerungen wie Belohnungen und Familienleben an die Geschmacksqualität süß. Süßes gehört in vielen Kulturen nicht umsonst zur Nachspeise. Nach einem guten Essen, darf es ruhig ein kleiner süßer Abschluss sein. Das hat einen großen Vorteil: Wir haben uns schon an der Hauptmahlzeit satt gegessen, so dass das Süße wirklich nur für den Genuss ist. Denn die Nährstoffe, die für unseren Körper wichtig sind, sind ja vor allem im "richtigen Essen" enthalten.
Was passiert im Körper, wenn wir zu viel Zucker essen?
Wenn wir Zucker essen, geht dieser relativ schnell vom Darm ins Blut über, so dass es z.B. bei Traubenzucker zu einem rasanten Blutzuckeranstieg kommen kann. Um den Zucker an die richtigen Zellen liefern zu können, braucht der Körper Insulin. Ein schneller Blutzuckeranstieg erfordert eine schnelle und hohe Insulinantwort.
Inwiefern kann zu viel Zucker krank machen?
Der Zusammenhang zwischen Zucker und Karies ist gut belegt. Wir essen in der Regel keinen reinen Zucker, sondern Süßigkeiten und z.B. Kuchen. Zuviel davon führt dem Körper zu viele Kalorien zu und macht uns schnell übergewichtig, zuviel Körperfett im Bauch verstärkt die Insulinresistenz und kann die Bauchspeicheldrüse überfordern. Denn die Leistung unserer Bauchspeicheldrüse, die den Zucker im Blut durch das Insulin ausgleichen muss, ist nicht unbegrenzt. Wenn man schon zu viel Körperfett hat, begünstigt eine sehr zuckerlastige Ernährungsweise einen dauerhaft hohen Insulinbedarf. Kommt noch Bewegungsmangel hinzu, besteht die Gefahr, dass Diabetes Typ II entsteht.
Grundsätzlich bedeuten viel Zucker, aber auch Weißmehlprodukte in der Ernährung "leere Kalorien". Unser Bedarf an lebensnotwendigen Vitaminen, Mineralien und sekundären Pflanzenstoffen kann dadurch nicht gut gedeckt werden, wir fühlen uns dann schlapp.
Warum können süße Getränke so problematisch sein?
Süße Getränke haben zwar viele Kalorien, führen aber kaum zu einer Sättigung. Auch wenn man Limonade zum Essen trinkt, isst man nicht weniger, sondern eher mehr zur Mahlzeit. Süße Getränke liefern also ohnehin schon "leere Kalorien" und machen dann nicht mal satt. Im Gegenteil kann die notwendige schnelle Insulinantwort nach einiger Zeit zu einer leichten Unterzuckerung führen, auf die unser Körper mit Hungergefühl reagiert. Viel Süßes zu essen oder zu trinken, kann also den Appetit auf noch mehr Süßes steigern. Bei Kindern sind süße Getränke eine Hauptursache für Übergewicht.
Was ist von Zuckerersatzstoffen wie Stevia zu halten?
Zuckerersatzstoffe oder Süßstoffe, zu denen auch Stevia zu zählen ist, sollten genauso wie Zucker selbst bewusst eingesetzt werden. Sie enthalten zwar wenig oder keine Kalorien, machen uns aber nicht weniger empfänglich für "süß" bei anderen Nahrungsmitteln. Man holt sich dadurch unter Umständen die eingesparten Kalorien im Laufe des Tages zurück. Also nicht vergessen, auch hier sollten wir nur kleine Mengen zu uns nehmen. Allein deshalb schon sind Süßstoffe nicht als kompletter Ersatz für Zucker geeignet.
Wie lautet Ihre "Zauberformel" für den richtigen Umgang mit Zucker?
Vorher satt essen und Süßigkeiten so nicht zum schnellen Ersatz für eine Mahlzeit werden lassen. Es gilt: Klasse ist besser als Masse und nicht nebenbei oder aus Langeweile naschen. Wenn wir süße Sachen essen, ist den meisten völlig klar, dass diese nur wenig wichtige Nährstoffe liefern. Aber sie gehören zum Leben dazu. Die Dosis und die Qualität der gesamten Ernährung entscheiden, ob wir Süßes ungestraft genießen können oder unser Körper Schaden dadurch nimmt. Süßigkeiten sollte man wie Genussmittel behandeln und sie deshalb mit Bedacht auswählen.
Vielen Dank für das Gespräch, Frau Dr. Gola.
Das Interview führte Nadine Bader.





