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Fresssucht hat viele Gesichter: Eines ist das sogenannte Binge Eating. Betroffene geben sich dabei regelmäßig regelrechten Fressorgien hin. Das Leid soll hierzulande schon verbreiteter sein als die Bulimie.
Sie essen ausgiebig zu Abend und sind sich sicher: Heute Nacht bleibt alles ruhig, heute schlafe ich durch. Zur Sicherheit schließen sie den Kühlschrank ab. Doch dann passiert es wieder. Nach einer guten Stunde wachen sie das erste Mal auf, schleichen in die Küche, und tun, was sie jede Nacht manchmal sogar mehrfach tun müssen: Essen, soviel sie schaffen, oft im Stehen, Süßes und Salziges durcheinander. Essen, bis sie nicht mehr können, essen, bis sie ein unangenehmes Völlegefühl spüren – und von Schuldgefühlen geplagt wieder ins Bett schleichen.
Am nächsten Morgen ist die Ernüchterung groß: Die Speisekammer ist leer, der Kühlschrank ebenso, das Müsli über den Boden verstreut. Das sogenannte Night Binge Eating (NBE) ist eine Form der Fresssucht, an der hierzulande immer mehr Menschen leiden. Wie bei den täglichen Fressattacken (Binge Eating Disorder, BED) essen die Patienten in einem abgrenzbaren Zeitraum deutlich mehr, als andere Menschen es tun würden. Sie fressen regelrecht – und verlieren völlig die Kontrolle, können weder aufhören noch steuern, was und wie sie essen. Im Unterschied zur Bulimie erbrechen sie danach jedoch nicht. Folge: Sie fressen nicht nur ihren Kummer in sich hinein, sondern werden auch immer dicker.
Bis zu zwei Millionen Betroffene
Schon vor Jahrtausenden gab es Berichten zufolge Menschen, die solche Fressanfälle hatten. Dass diese auch des Nachts auftreten können, beobachtete erstmals ein Wissenschaftler 1959. Heute schätzen Experten hierzulande die Zahl der Betroffenen auf 1,5 bis zwei Millionen. In den USA sollen sogar bis zu zwei Prozent der Bevölkerung betroffen sein. Erst kürzlich wurde daher auch das BED als eigenständige Diagnose in der Klassifikation nach der internationalen Krankheiten (ICD-10) zugelassen. Bis dato lief es unter „nicht näher bezeichnete Essstörung“ (F50.9).
Binge Eating ist tags wie nachts vorwiegend mit Stress oder emotionalen Belastungen verbunden und führt zu unangenehmen Gefühlen. Dennoch können die Betroffene es nicht lassen: Sie müssen essen, tags oder auch jede Nacht. Sie müssen essen, was sie abends vor sich selbst versteckt haben. Mancher hat gar Angst, sich in den Tod zu fressen. Schon diese Formulierung aus einem Forum zeigt, dass es sich bei BED meist einen Sehnsuchtshunger handelt. Die Fressanfälle gehen oft mit verschiedenen psychischen Problemen wie zum Beispiel einer Depression oder einer Angststörung einher. Meist sind die Betroffenen zudem extrem übergewichtig (BMI von 25 – 30 kg/qm) oder eine Adipositas (BMI > 30 kg/qm).
Nach dem Anfall bleiben oft Schuldgefühle, Scham oder eine gewisse Traurigkeit zurück. Zwischen den Fressphasen versuchen die Patienten dann, ihr Übergewicht mit allerlei Diäten, Sport oder Abführmitteln zu reduzieren. Die bisher am besten untersuchte Therapie der BED ist die kognitive Verhaltenstherapie (KVT).
Text: Beate Wagner
Am nächsten Morgen ist die Ernüchterung groß: Die Speisekammer ist leer, der Kühlschrank ebenso, das Müsli über den Boden verstreut. Das sogenannte Night Binge Eating (NBE) ist eine Form der Fresssucht, an der hierzulande immer mehr Menschen leiden. Wie bei den täglichen Fressattacken (Binge Eating Disorder, BED) essen die Patienten in einem abgrenzbaren Zeitraum deutlich mehr, als andere Menschen es tun würden. Sie fressen regelrecht – und verlieren völlig die Kontrolle, können weder aufhören noch steuern, was und wie sie essen. Im Unterschied zur Bulimie erbrechen sie danach jedoch nicht. Folge: Sie fressen nicht nur ihren Kummer in sich hinein, sondern werden auch immer dicker.
Bis zu zwei Millionen Betroffene
Schon vor Jahrtausenden gab es Berichten zufolge Menschen, die solche Fressanfälle hatten. Dass diese auch des Nachts auftreten können, beobachtete erstmals ein Wissenschaftler 1959. Heute schätzen Experten hierzulande die Zahl der Betroffenen auf 1,5 bis zwei Millionen. In den USA sollen sogar bis zu zwei Prozent der Bevölkerung betroffen sein. Erst kürzlich wurde daher auch das BED als eigenständige Diagnose in der Klassifikation nach der internationalen Krankheiten (ICD-10) zugelassen. Bis dato lief es unter „nicht näher bezeichnete Essstörung“ (F50.9).
Binge Eating ist tags wie nachts vorwiegend mit Stress oder emotionalen Belastungen verbunden und führt zu unangenehmen Gefühlen. Dennoch können die Betroffene es nicht lassen: Sie müssen essen, tags oder auch jede Nacht. Sie müssen essen, was sie abends vor sich selbst versteckt haben. Mancher hat gar Angst, sich in den Tod zu fressen. Schon diese Formulierung aus einem Forum zeigt, dass es sich bei BED meist einen Sehnsuchtshunger handelt. Die Fressanfälle gehen oft mit verschiedenen psychischen Problemen wie zum Beispiel einer Depression oder einer Angststörung einher. Meist sind die Betroffenen zudem extrem übergewichtig (BMI von 25 – 30 kg/qm) oder eine Adipositas (BMI > 30 kg/qm).
Nach dem Anfall bleiben oft Schuldgefühle, Scham oder eine gewisse Traurigkeit zurück. Zwischen den Fressphasen versuchen die Patienten dann, ihr Übergewicht mit allerlei Diäten, Sport oder Abführmitteln zu reduzieren. Die bisher am besten untersuchte Therapie der BED ist die kognitive Verhaltenstherapie (KVT).
Text: Beate Wagner


