Essen der Zukunft: Regionale und Funktionale Lebensmittel, Quelle: dpa/rbb

rbb PRAXIS - Essen der Zukunft

"Gesund muss es sein" – das war gestern. Wer zukünftig kulinarisch im Trend liegen will, kauft umweltfreundlich produzierte Lebensmittel und verzichtet auf Fleisch aus Massentierhaltung.

Sie heißen Foodies und gelten als die neue Avantgarde der USA: Junge, gebildete Großstädter, die statt Fast Food auf der Straße Selbstgekochtes in der heimischen Küche genießen, die Wochenmärkte besuchen und auf Blogs über ihre neuesten kulinarischen Experimente schreiben. Wer zukünftig mitreden will in Sachen Ernährung, kocht wieder Marmelade ein und lädt Freunde zum französischen Menü nach Hause.

Auch hierzulande ist Essen längst Image, Trend und Mode. Köche werden gefeiert wie Rockstars oder Schauspieler. Doch welche aktuellen Trends gelten auch morgen noch? Wie verändert unser Leben auf der Überholspur unsere Essgewohnheiten?

"Zukünftig gibt es noch mehr Industrieprodukte, die im Labor zusammengebaut werden und so nicht in der Natur vorkommen", sagt Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar. Der Moderator beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema Ernährung.
Lagerung von Smoothies, Quelle: dpa

Die wichtigsten Trends für die nächsten Jahre

Ohne Zusatzstoffe kommen wir nicht aus
Die Nahrungsmittelindustrie heizt die Sehnsucht nach einem reinen Gewissen zusätzlich an. Ernährungswissenschaftler gehen davon aus, dass unsere kulinarische Zukunft noch vielfältiger, bunter und vor allem synthetischer wird. "Mehr als 300 verschiedene Zusatzstoffe stecken in Käse, Pudding, Bonbons oder Margarine", sagt Yogeshwar. "Ohne Aroma- und Farbstoffe ginge in der Lebensmittelherstellung nichts."

Allerdings reagieren wir zunehmend kritisch auf die Inhaltsstoffe unserer Lebensmittel. Das ist dringend nötig. Schon heute schmilzt auf der Pizza oft kein Käse, sondern ein gelbes Kunstprodukt. "Meeresfrüchte" sehen aus, als kämen sie aus den Untiefen des Ozeans, sind aber aus Fischmehl und Pressfleisch nachgeformt. Ergänzt wird das Sortiment der Kreationen durch so genannte Mood-Drinks. Die Fläschchen für bessere Laune enthalten das Eiweiß Tryptophan, das im Gehirn in den Glücksbotenstoff Serotonin umgewandelt wird.

Funktionelle Lebensmittel – überflüssig und teuer
Margarine mit Phytosterinen, Instantkaffee mit Antioxidantien oder Fruchtsäfte mit Vitaminen, Zink und Calcium – funktionelle Lebensmittel boomen seit Jahren. Allein in Deutschland beträgt der Umsatz jährlich mehr als fünf Milliarden Euro. Die Produkte mit Zusatznutzen sollen vor Krebs schützen, Blutfettwerte senken, Knochen härten. Diese Lebensmittel werden auch bleiben. Studien konnten den versprochenen gesundheitlichen Nutzen jedoch nur unzureichend nachweisen. Nicht selten können die Produkte wie die cholesterinsenkende Margarine sogar schaden. Für Yogeshwar ist Functional Food eine billige Marketingstrategie. "Mit dem Feigenblatt der Gesundheit werden Millionen Euro verdient." Die Produkte mit Wellnessgarantie werden dennoch auch in Zukunft reißenden Absatz finden.

Convenience Food – bequem und oft gesund
Frische Tortellini mit Spinatfüllung, gewaschener Salat aus der Tüte, Schafkäse portionsweise geschnitten, fertig ist das Blitzgericht für die hungrigen Mäuler am Abend. Convenience-Food und die moderne Familie – eine Beziehung, die noch lange bestehen bleibt. "Die Nachfrage nach den schnell zubereiteten Lebensmitteln ohne viele Konservierungsstoffe ist riesig, der Markt wird sich noch enorm weiterentwickeln", sagt Hanni Rtzler, Gesundheitswissenschaftlerin und Trendforscherin vom Zukunftsinstitut Wien. Vor allem Familien und Singles mit wenig Zeit aber großer Lust auf Frisches gestalten ihren Alltag zukünftig mit Halb- und Fertiggerichten. "Denn sie kommen gesünder, flexibler und umweltverträglicher daher als das Dauerobst aus der Dose." Außerdem orientieren wir uns zunehmend an der Asia-Küche. Sie basiert auf viel buntem Gemüse und ist leicht und frisch.
Mann im Bio-Supermarkt; Quelle: Jan Woitas dpa/lsn
Bioware beruhigt das schlechte Gewissen
Klar ist: Wir essen auch weiterhin Produkte in Bioqualität. Vor allem Discounter und große Handelsketten werden ihr Angebot entsprechend erweitern. Momentan kaufen etwa 90 Prozent Deutschen ab und an Bioprodukte, eine "wichtige Rolle" spielen sie aber nur knapp in jedem dritten Haushalt.
Ob Bio wirklich gesünder ist, glauben immer weniger Experten. Einer großen Untersuchung der Stiftung Warentest zufolge unterscheiden sich Biolebensmittel zumindest nicht in ihrer Gesamtqualität von konventionellen Lebensmitteln. Getestet wurden unter anderem Keimbelastung, Preis, Geruch und Geschmack und Anbau. Bioprodukte sind aber weniger mit Pestiziden belastet. Sekundäre Pflanzenstoffe aber fanden die Tester beispielsweise ebenso in naturnah aber konventionell hergestellten Produkten. "Die Nachfrage wird anhalten, weil die Produkte unserer Vorstellung von umweltfreundlichen, nachhaltigen und sozialverträglichen Lösungen entsprechen", sagt Zukunftsexpertin Rützler aus Österreich.

Zurück zur Natur

In einem Alltag, der wenig Zeit für Muße und noch weniger für umweltverträgliche Lösungen bereithält, brauchen wir vor allem eines: ein gutes Gewissen. "Essen ist die stille Sehnsucht, Gutes zu tun", sagt Rützler. Ganz gleich, ob es um Gemüse oder Kekse geht – welche Produkte im Einkaufskorb landen, hängt nicht mehr nur davon ab, ob wir sie für gesund halten. Immer häufiger wählen wir nach unserem Gewissen, aus moralischen oder ethischen Gründen: Wie umweltverträglich und nachhaltig werden Produkte produziert, wie Natur belassen und saisonal sind sie? "Vor hundert Jahren konnte man an den Speisen auf dem Tisch noch die Jahreszeit draußen vor der Tür erkennen“ sagt Yogeshwar. Heute gibt es im Winter Erdbeeren, bald wisse niemand mehr, wann Tomatenzeit ist. "Nur wenn wir uns wieder mehr auf saisonale und regionale Produkte konzentrieren, werden wir wenigstens ein wenig zur Natur zurückfinden", sagt Yogeshwar.

Klasse statt Masse
Auch Fleisch wird weiterhin auf unserer Speisekarte stehen, wenn auch in Maßen. Trotz Gammelfleisch- und Futtermittelskandalen reduzierte sich der Pro-Kopf-Verbrauch hierzulande in den letzten zehn Jahren kaum spürbar. Grund: Der Großteil der Bevölkerung interessiert sich immer noch wenig, was er auf dem Teller hat. Trendforscher gehen davon aus, dass sich das ändert und immer mehr Menschen die artgerechte Tierhaltung wichtig wird. "!n Zeiten des Überflusses zählt nicht mehr, dass Fleisch billig ist, es muss qualitativ hochwertig sein“, sagt die Zukunftsexpertin Rützler. Und die Dosis muss stimmen. "Nicht das XXL-Steak macht uns glücklich, sondern ein kleines, aber feines Stück."

Jedem das Seine
Ebenso werden individuell verträgliche Lebensmittel den Markt erobern. Dazu zählen Käse ohne Laktose, Weizen ohne Gluten, Rotwein ohne Tannin. Denn immer mehr Menschen leiden unter Nahrungsmittelallergien oder -unverträglichkeiten. "Die Wissenschaft weiß immer besser, wie unsere Gene und die Umwelt sich gegenseitig beeinflussen", sagt Yogeshwar. "Lebensmittel, die auf bestimmte Personengruppen zugeschnitten sind, werden daher in Zukunft nichts Besonderes mehr sein."

Text: Beate Wagner

mehr zum Thema

rbb-Montage: Kohlsorten mit Möhre, Gewürze und Wein mit Wurst, Quelle: imago

rbb PRAXIS Service - Ernährung

Wir essen nicht nur, wenn wir Hunger haben. Auch das Licht im Restaurant, die Tellergröße und die Körperfülle des Tischnachbarn beeinflussen unseren Appetit. Dieses und anderes in unserer Service-Rubrik.

Frau vom Museum für Zusatzstoffe hält drei kleine Behälter mit bunten, einfarbigen und farblosen Gummibärchen in der Abteilung Farbstoffe hoch, Quelle: dpa

rbb PRAXIS - Auf den Inhalt kommt es an - Zusatzstoffe in Lebensmitteln

Das Kleingedruckte ist zwar oft mühsam für die Augen zu lesen. Oft verbergen sich darin aber wissenswerte Informationen, nicht nur beim Kauf einer Waschmaschine. Auch der tägliche Gang zum Supermarkt kann dem Verbraucher sprichwörtlich die Augen öffnen, wenn er sich die Zutatenliste der Produkte durchschaut, die in seinem Einkaufswagen liegen.

Buchtipps

7 Leitideen für eine neue Esskultur - Food Change

Hanni Rützler | Wolfgang Reiter
Hubert KRENN Verlag
Preis: 19,95 Euro

Tiere essen

Jonathan Safran Foer
Kiepenheuer & Witsch
Preis: 19,95 Euro

Wie die Globalisierung der Nahrung unsere Gesundheit bedroht - Der tödliche Hamburger

Hans-Ulrich Grimm
Hirzel Verlag
Preis: 26 Euro