Eine Ernährungspyramide, Quelle: rbb

rbb Praxis Interview - 'Nahrung als Medizin spielt ein Schattendasein'

Snackabteilungen mit den unterschiedlichsten Chips-Varianten, meterlange Süßigkeitenregale und unzählige Fertiggerichte – unsere Supermärkte sind am Überquellen. Inwiefern können unsere Essgewohnheiten eine Gefahr für die Gesundheit darstellen und kann man sich gesund essen? rbb PRAXIS-Reporterin Nadine Bader sprach darüber mit dem Ernährungswissenschaftler Prof. Dr. Claus Leitzmann.

Herr Prof. Leitzmann, welches sind die häufigsten durch Ernährung mitbedingten Zivilisationskrankheiten?
Prof. Claus Leitzmann:
Das bei uns übliche Essen und Trinken ist mit verantwortlich für eine Reihe weit verbreiteter Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Bluthochdruck und verschiedene Krebsformen. Außerdem beeinflusst die Art der Ernährung weitere Krankheiten wie Osteoporose, Gicht und Arthritis sowie krankhafte Erscheinungen wie Karies, Kropf und Nieren- und Gallensteine. Das weit verbreitete Übergewicht führt zum Metabolischen Syndrom, gekennzeichnet durch Bauchfett, veränderte Blutfettwerte, Bluthochdruck und Insulinresistenz. Inzwischen leiden bereits Jugendliche oder gar Kinder unter den Zivilisationskrankheiten.

Was sind die häufigsten Fehler, die sich in unserer Ernährungsweise eingeschlichen haben?
Prof. Claus Leitzmann:
Mit der bei uns üblichen Ernährung wird zuviel und zu oft gegessen. Statt drei Hauptmahlzeiten und - wenn gewünscht - zwei kleinen Zwischenmahlzeiten wird kontinuierlich gesnackt und getrunken. Dabei besteht das zu viele Essen meist aus stark verarbeiteten Produkten, die viel Zucker oder viel Fett von schlechter Qualität enthalten. Das ständige Trinken von gesüßten Getränken ist mit verantwortlich für das weit verbreitete Übergewicht. Auch das zu späte Essen am Abend ist weniger günstig. Die Hauptmahlzeit sollte möglichst mittags und nicht abends spät eingenommen werden. Insgesamt werden zu wenig Frischkost in Form von Obst und Gemüse sowie ungesalzene Nüsse und Kräuter verzehrt.

Zu welchen Folgen führt das?
Prof. Claus Leitzmann:
Die Folgen einer schlechten Ernährung sind die genannten Zivilisationskrankheiten, die persönliches Leid verursachen und in fast allen Fällen die Partner bzw. die ganze Familie belasten. Außerdem ist die Lebensqualität erheblich eingeschränkt und auch das Erreichen von einem Alter in Gesundheit ist nicht gegeben. Die Folgen für die Gesellschaft sind sehr hohe Kosten für die Behandlung der entstehenden Krankheiten, die immer weiter ansteigen, sodass eine solide Finanzierung unseres Gesundheitssystems bald nicht mehr garantiert werden kann. Eine weitere Folge ist der damit verbundene Arbeitsausfall, der für die Betriebe durch Mehrarbeit der Anderen oder höhere Kosten aufgefangen werden muss.

Radieschen, Gurke, Quarkstulle, Körnerbrot, Quelle: dpa

Gesundheit und Ernährung

Experten schätzen, dass ein Drittel bis fünfzig Prozent der so genannten Zivilisationskrankheiten, darunter Diabetes und koronare Herzkrankheit, zu großen Teilen durch eine ungesunde Ernährungsweise bedingt sind. Was ist dran an der Bedeutung von Obst und Gemüse in der Gesundheitsprävention – welche Erkenntnisse sind wissenschaftlich bestätigt? Die rbb PRAXIS hat nachgeforscht.

Was muss in unserer Gesellschaft passieren, um ein Umdenken bezüglich der Ernährung möglich zu machen?

Prof. Claus Leitzmann: Neben dem Verhalten des Einzelnen sollte der Gesetzgeber dafür sorgen, dass die herrschenden Verhältnisse optimiert werden. Dieses trifft sowohl für die Lebensmittelgesetzgebung als auch für die Speisenangebote in Schulen, Mensen und Kantinen zu. Ernährungsbildung auf allen Ebenen tut Not.

Schon Hippokrates sagte: "Eure Nahrung soll Eure Arznei sein". Inwiefern spielt Nahrung heute in der Medizin eine Rolle als Arzneimittel?
Prof. Claus Leitzmann:
Die Naturheilkunde hat schon immer die Aussagen von Hippokrates und anderer Weisen in Sachen Ernährung ernst genommen. Seit dem Aufstieg der Pharmaindustrie spielt die Nahrung als Medizin ein Schattendasein. Abgesehen von Medizinern, die mit direkten Auswirkungen der Ernährung zu tun haben, wie Gastroenterologen, Diabetologen und Kinderärzten, wird der Ernährung wenig Aufmerksamkeit geschenkt.

Die Zivilisationskrankheiten die langfristig durch eine falsche Ernährung gefördert werden, besonders Herz-Kreiskauf-Erkrankungen und Krebs, werden vornehmlich mit Medikamenten, Operationen und Bestrahlungen behandelt. Eine begleitende Heilkost wird meist nicht einmal empfohlen. Gerade zur Krebsvorbeugung kann eine Ernährung, die überwiegend pflanzlich ist, wenig verarbeitet und viel Frischkost enthält, erheblich beitragen.

Kurzum: kann man sich gesund essen?
Prof. Claus Leitzmann:
Ja, sehr gut sogar. Unser heutiges Wissen über eine gesunde Ernährung und das Lebensmittelangebot könnten die Gesundheitssituation vieler Menschen und damit der Gesellschaft dramatisch verbessern. Dazu sind keine detaillierten Nährstoffempfehlungen, Nährstofftabellen und komplizierte Rezepte erforderlich, sondern sehr einfache Regeln, die jeder Verbraucher verstehen und in seinen Alltag umsetzen kann.

Wir brauchen auch nicht die 160.000 Produkte, die in deutschen Supermärkten zu finden sind, es genügen die Grundnahrungsmittel, die schonend und schmackhaft zubereitet werden sollten. Dabei spielt die Ausnahme an Sonn- und Feiertagen keine Rolle, entscheidend ist das Einhalten einer vollwertigen Kost im Alltag. Es gilt das Motto "Krankheiten und Übergewicht entstehen nicht zwischen Weihnachten und Neujahr, sondern zwischen Neujahr und Weihnachten."

Vielen Dank für das Gespräch!