Lagerung von Smoothies, Quelle: dpa

- Klasse statt Masse

Pizza vor dem Fernseher war gestern. Morgen zählen Convenience und Functional Food und eine nachhaltige Herstellung. rbb Praxis erklärt unsere kulinarische Zukunft.

Essen ist Mode, Image, Lust und Lebensqualität. Ob Sushi-Röllchen oder Smoothie – längst essen wir nicht mehr nur, um satt zu werden. In einem Alltag ohne Zeit und Muße tröstet uns ein netter Abend im Restaurant oder ein Stück Bio-Fleisch vom glücklichen Rind.

Auch in Zukunft bleibt Essen Gefühlssache. Einerseits wird unsere kulinarische Zukunft zwar noch vielfältiger, exotischer, bunter und synthetischer. Schon heute schmilzt auf der Pizza statt Käse ein gelbes Kunstprodukt. „Meeresfrüchte“ sind aus Fischmehl und Pressfleisch nachgeformt. „Bald wird es noch mehr Industrieprodukte geben, die im Labor zusammengebaut werden und so nicht in der Natur vorkommen“, sagt der Wissenschaftsjournalist Rangar Yogeshwar.

Andererseits empfinden wir das Überangebot als verwirrend. Beispiel: Die Putenbrust, die unter einer Schutzfolie über Tage rosig daherkommt. Mitnichten ist das Fleisch besonders frisch, es hält die Farbe nur, weil es in einem sauerstoffangereicherten Gasgemisch verpackt ist.

Essen mit Moral

Ganz gleich, ob es um Fleisch, Eier, Gemüse oder Kekse geht – klar ist, dass zukünftig nicht mehr nur gesund zählt, wenn wir einkaufen gehen. Immer häufiger werden wir nach unserem Gewissen auswählen, aus moralischen oder ethischen Gründen: Wie glücklich waren die Tiere, bevor ihr Fleisch auf unserem Teller landet, wie umweltverträglich und nachhaltig werden die Produkte produziert, wie Natur belassen und saisonal sind sie? „Vor hundert Jahren konnte man an den Speisen die Jahreszeit erkennen“ sagt Yogeshwar. Heute gibt es im Winter Erdbeeren und das ganze Jahr über Tomaten.

Sicher ist außerdem: Bio wird auch weiterhin in sein – vor allem das Angebot aus Discountern und großen Handelsketten. Und das, obwohl Bio nicht unbedingt gesünder ist, wie eine große Untersuchung der Stiftung Warentest zeigt. In der Gesamtqualität unterscheidet es sich nicht von konventionellen Lebensmitteln.

Auch Fleisch steht künftig auf unserer Speisekarte, wenn auch in Maßen und von hoher Qualität. Abgeschreckt von der boomenden Massentierhaltung, Gammelfleisch- oder Futtermittelskandalen ging der Pro-Kopf-Verbrauch hierzulande seit 2000 um 2,5 Prozent zurück. Wer hingegen fleischlos isst, will zukünftig nicht die Welt verbessern, sondern helfen, sie zu retten: 650.000 Tausend Liter Wasser und eine Tonne Kohlendioxid spart ein Vegetarier jährlich ein.

Praktisch soll's sein

Dauerbrenner auch in Zukunft: Convenience-Food wie frische Tortellini mit Spinatfüllung oder der gewaschene Salat aus der Tüte. Die Nachfrage nach den einfach zuzubereitenden Lebensmittel ohne Konservierungsstoffe ist riesig. Vor allem Familien und Singles, die wenig Zeit, aber große Lust auf Frisches haben, gestalten ihren Alltag auch zukünftig mit Halb- und Fertiggerichten. „Denn sie kommen gesünder, flexibler und umweltverträglicher daher als das Dauerobst aus der Dose.“

Zudem wird Functional Food weiter boomen. Ob Joghurt mit Milchsäure- Bakterien, Margarine mit pflanzlichen Sterinen oder Instantkaffee mit schützenden Antioxidantien: Das bisher kein oder nur ein unzureichender gesundheitlicher Nutzen gezeigt wurde, stört die Käufer nicht. Für den Wissenschaftsjournalisten Ranga Yogeshwar ist Functional Food nichts als eine billige Marketingstrategie. „Mit dem Feigenblatt der Gesundheit versucht man hier, viel Geld zu verdienen.“ Dennoch müsse man wohl davon ausgehen, dass die Produkte auch in Zukunft reißenden Absatz finden werden.
Text: Beate Wagner

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