Warnschild vor Lebensmitteln

- Fruktose, Histamin, Laktose - Ursachen für Lebensmittelunverträglichkeiten

Nahrungsmittelunverträglichkeiten sind in der Gesellschaft weit verbreitet und auch die Industrie hat sie entdeckt: Im Supermarkt findet man heute reihenweise Ersatzprodukte wie beispielsweise laktosefreie Milch oder Reisbrot. rbb PRAXIS mit Dr. Ute Gola, Ernährungsexpertin aus Berlin-Pankow.

Wie kommt es, dass heute jeder mindestens einen Bekannten hat, der eine Nahrungsmittelunverträglichkeit hat. Nehmen die Zahlen tatsächlich zu oder steigt nur das Bewusstsein?

Genau kann man diesen Trend nicht erklären, wahrscheinlich beides. Wir wissen, dass etwa zwei Drittel der erwachsenen Weltbevölkerung den Milchzucker Laktose schlecht verträgt. In Asien und Afrika betrifft die Laktoseintoleranz mit 90 Prozent den größten Teil der erwachsenen Bevölkerung; bei Nordamerikanern mit weißer Hautfarbe sind es dagegen ebenso wie hierzulande nur schätzungsweise 15 Prozent. Die Diagnostik der Allergien und der Unverträglichkeiten ist in den letzten Jahren besser geworden, auch das Bewusstsein der Bevölkerung hat sicherlich zugenommen. Oft beobachten wir aber in der Beratung auch Selbstdiagnosen, ohne eine Unverträglichkeit im medizinischen Sinne.

Welche Unverträglichkeit ist häufig, welche ist eher ein Marketingexperiment der Industrie?
Eine Laktoseunverträglichkeit betrifft etwa 15 Prozent der Erwachsenen. Und auch die Fruktosemalabsorption wird bei jedem dritten europäischen Erwachsenen festgestellt. Im Vergleich dazu betrifft eine Zöliakie, bei der Gluten aus Getreide nicht vertragen wird, in Deutschland gerade einmal 0,2 Prozent der Erwachsenen. Dies würde man bei der Vielfalt an glutenfreien Produkten, die der Handel anbietet, sicherlich nicht vermuten. Eine richtige Lebensmittelallergie tritt etwa nur bei einem Prozent der deutschen Bevölkerung auf. Allergien gegen Pollen, Duftstoffe oder Kosmetika sind im Verhältnis dazu viel weiter verbreitet.

Was ist das Problem bei der Laktoseunverträglichkeit?
Bei der Laktoseintoleranz wird Milchzucker nicht vertragen, denn das Enzym Laktase fehlt ganz oder teilweise. Normalerweise hat der Dünndarm genügend davon, um den Milchzucker bereits im Dünndarm zu verdauen. Bei Laktasemangel treten die Beschwerden jedoch meist erst in späteren Lebensjahren ein, denn die Produktion des Enzyms Laktase lässt altersbedingt nach.

Dann wird der Milchzucker nicht oder nur unzureichend gespalten und große Mengen an Laktose gelangen in die unteren Darmabschnitte. Blähungen, gesteigerte Darmbewegungen und Durchfall sind die Folge. Auch klagen laktoseintolerante Personen oft noch zusätzlich über allgemeine Beschwerden wie Schwäche, Müdigkeit, Konzentrationsstörungen sowie Muskel- und Gelenkschmerzen.

Ein Glas Milch, Käse und Quark (dpa-Archivbild)
Was ist der Unterschied zu einer Milchallergie?
Eine Unverträglichkeitsreaktion auf Nahrungsmittel ist ein sehr allgemeiner Begriff, der sowohl eine Allergie als auch eine Intoleranz bezeichnen kann. Eine Nahrungsmittelallergie ist immer eine immunologische Reaktion. Hier ist eine exakte Diagnose außerordentlich wichtig, denn Betroffene müssen das Allergen komplett meiden.

So darf bei einer Milchallergie das speziell in Milch enthaltende Eiweiß, welche die Symptome auslöst, nicht aufgenommen werden. Kleinste Mengen lösen die Beschwerden aus. Bei der Nahrungsmittelunverträglichkeit, die keine immunologische Reaktion ist, vertragen die Betroffenen häufig kleinere Mengen des Auslösers gut. Die Beschwerden sind hierbei fast immer dosisabhängig.
Wann wird die Laktoseunverträglichkeit typischerweise festgestellt? Müssten nicht viel mehr Kinder betroffen sein, sie trinken doch meist viel mehr Milch als Erwachsene?
Der häufige "natürliche" Laktasemangel tritt meistens erst nach dem Abstillen oder in späteren Lebensjahren auf. In den ersten Jahren haben die meisten Kinder in Europa noch eine sehr hohe eigene Enzymproduktion im Darm, erst mit dem Alter lässt die Produktion an Laktase nach, begleitende Erkrankungen können einen zusätzlichen negativen Effekt haben. Ein Laktasemangel kann also beispielsweise eine Begleiterscheinung bei chronischen Darmerkrankungen, Zöliakie, Mangelernährung, chronischem Alkoholmissbrauch oder dem Kurzdarmsyndrom sein.

Gegen welche Lebensmittel sind Allergien bekannt und wie werden sie behandelt?
Jeder fünfte Deutsche geht davon aus, dass er unter einer Nahrungsmittelallergie leidet. Nach ausführlicher allergologischer Diagnostik ist diese jedoch nur bei etwa einem Prozent der Bevölkerung nachzuweisen, bei Kindern übrigens häufiger als bei Erwachsenen. Häufige Allergen in Lebensmitteln sind Proteine in Milch, Hühnerei, Fisch, Soja, Weizen und Nüssen. Auch einige Obstsorten, oft in Kreuzreaktion mit Pollenallergien, Gewürze oder Hefe, können eine Allergie auslösen. Der Allergie auslösende Stoff sollte komplett gemieden werden.
Verschiedene Packungen mit Keksen, Quelle: rbb
Auf welche Lebensmittel müssen Betroffene mit einer Fruktose-Malabsorption verzichten?
Betroffene können sehr unterschiedliche Mengen an Fruchtzucker tolerieren. Häufig hören wir, dass die Verträglichkeit bei Stress schlechter zu sein scheint. Eine fruktosearme Ernährung ist die einzige Möglichkeit, langfristig beschwerdefrei zu sein. Fruchtzucker oder Fruktose ist ein Einfachzucker und Bestandteil vieler Lebensmittel und Fertigprodukte. Einige Obstsorten haben zwar einen hohen Fruchtzuckergehalt, gleichzeitig aber auch genügend Glucose, und sind damit verträglicher.

Können Sie ein paar konkrete Lebensmittel und ihren Fruktosegehalt nennen?
Einen hohen Gehalt an Fruktose auf 100 Gramm haben beispielsweise alle Obstarten, Trockenfrüchte und Fruchtsäfte, inklusive Produkte aus Obst, wie Konfitüre, Obstkompott oder Rote Grütze.

Auch Gemüsearten mit einem Fruktosegehalt über einem Gramm pro 100 Gramm, zum Beispiel bei Möhren, Rüben, Artischocken, Auberginen, grüne Bohnen, Kürbis, Paprika oder Tomaten, sind nur in kleinen Mengen verträglich und sollten anfangs gemieden werden. Fruktose und Sorbit sind übrigens auch als Zuckeraustauschstoff in kalorienreduzierten Lebensmitteln wie Diät-Joghurt, -pudding und -konfitüren sowie in Diabetikerprodukten, in Milchmixgetränken, in Softdrinks, in Erfrischungsgetränken, in Süßigkeiten und Kaugummis enthalten.
Zwei Limonadeflaschen (Quelle: rbb)

Ist die Fruktose-Malabsorption ein Ergebnis des "flächendeckenden" Einsatzes von industriell hergestellter Fruktose?
Die Fruktosemalabsorption ist eine erworbene Krankheit, die auf ein defektes Transportsystem im Dünndarm zurückgeht. Dabei kann die Fruktose nicht mehr ausreichend im Darm aufgenommen werden.

Der Zucker gelangt gemeinsam mit Wasser in den Dickdarm, wo er dann von Mikroorganismen zu Wasserstoff und Kohlendioxid umgewandelt wird. Dieser Transporterdefekt selbst wird nicht durch zuviel Fruktose ausgelöst. Wenn bei einer leicht ausgeprägten Fruktosemalabsorption aber zuviel Fruktose zugeführt wird, kommt es zu Beschwerden. Da fast "flächendeckend" Fruktose als Süßungsmittel in zum Beispiel Getränken, Süßigkeiten und Fertigprodukten enthalten ist, nehmen einige Betroffene den Zucker unbewusst in zu hohen Mengen auf.

Anstoßen eines Glases Rotwein mit einem Glas Weißwein, Quelle: dpa
Gibt es eine Histaminunverträglichkeit oder ist sie eine Modediagnose?
Die Histaminunverträglichkeit entsteht durch ein Ungleichgewicht zwischen der Histaminaufnahme und dem Histaminabbau im Körper. Im Labor wird oft die Aktivität des Enzyms bestimmt, welches das Histamin im Körper abbaut. Das ist aber nur ein Glied der Kette.

Die Möglichkeiten der Labordiagnostik sind noch nicht zufriedenstellend, daher sollte beim Verdacht einer Histaminunverträglickeit in jedem Fall auch die Ernährung schon für die Diagnostik genauer unter die Lupe genommen werden.

Wo ist Histamin enthalten und welche Lebensmittel müssen Betroffene meiden?
Eine Histaminunverträglichkeit tritt ein, wenn der Körper Histamin nicht ausreichend abbauen kann. Histamin entsteht als Abbauprodukt aus der Aminosäure Histidin durch Bakterien in Nahrungsmitteln und schwankt stark in Abhängigkeit von Reifegrad (Käse), Lagerung und Haltbarkeit von Nahrungsmitteln. Bei einer Histaminunverträglichkeit sollten Betroffene alles möglichst frisch essen.

Vorsicht ist geboten bei Konserven (Fischdosen, Suppen, Bohnen), überreifen Lebensmitteln wie altem Käse, alkoholischen Getränken (Rotwein) und hefehaltigen Produkten (Bier). Aber auch geräucherter Fisch und Fleischprodukte wie Schinken, Salami, Kassler, Bohnen und Sojaprodukte, Hefe, schwarzer Tee und Schokolade können zu Beschwerden führen. Eine Ernährungsberatung durch eine zertifizierte Ernährungsfachkraft ist empfehlenswert und wird wie auch bei allen anderen Nahrungsunverträglichkeiten durch die gesetzlichen Krankenkassen bezuschusst.

Das Gespräch führte Beate Wagner.

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rbb-Montage: Kohlsorten mit Möhre, Gewürze und Wein mit Wurst, Quelle: imago

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