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Seit ein paar Tagen streichelt uns die Frühjahrssonne. Jetzt heißt es, Frühjahrsputz bei der Ernährung zu betreiben. Wie, das hat rbb Praxis Online mit Dr. Ute Gola besprochen, Ernährungsmedizinerin vom Berliner Gola Institut für Ernährung.
Ich versuche mich das ganze Jahr über ausgewogen zu ernähren. Aber natürlich freue ich mich, dass es jetzt auf den Wochenmärkten und im Einzelhandel wieder vermehrt frische Produkte aus der Region zu kaufen gibt. Die deftige Bratensaison ist fürs Erste vorbei. Mit den frischen regionalen Produkten fällt es vielen Menschen leichter, Obst und Gemüse zu essen oder sich mal einen Salat zuzubereiten.
Welche Vitamine sollten wir nach den dunklen Monaten besonders zu uns nehmen?
In unseren Regionen ist es normalerweise kein Problem, auch im Winter unseren Vitaminbedarf aus dem alltäglichen Obst- und Gemüseangebot zu decken. Vitamin C beispielsweise ist reichlich in Grün- und Rosenkohl enthalten. Grundsätzlich sollten Vitamine "im Verbund“ gegessen werden; ein einzelnes Vitamin durch Vitaminpräparate zu ergänzen, davon rate ich ab. Einzige Ausnahme: Wenn der Arzt echte Mangelerscheinungen nachgewiesen hat. Durch den langen Winter sind jetzt allerdings unsere Vitamin-D-Speicher geleert, vor allem bei älteren Menschen und jenen, die sich wenig draußen aufhalten. Um diese aufzufüllen, bewegt man sich am besten viel in der Sonne.
Sollte man den Körper nach dem Herbst und Winter "entgiften"? Und wenn ja, wie?
Wer sich das Jahr über ausgewogen ernährt, bei wem Fisch, Fleisch, Obst und Gemüse, Eier und Hülsenfrüchte regelmäßig auf dem Speiseplan stehen, der muss weder Mangelernährung befürchten noch entgiften. Auch wer jetzt ein paar Tage fastet oder sich für ein paar Wochen komplett vegetarisch ernährt, geht kein Risiko der Unterver-sorgung ein. Problematisch ist immer eine langfristig einseitige Ernährung. Die hat jedoch nichts mit den Jahreszeiten zu tun.
Mit welcher Ernährung lässt sich die Frühjahrsmüdigkeit vertreiben?
Tatsächlich berichten jetzt einige Menschen, dass sie sich schlapp, abgeschlagen und kraftlos fühlen. Diese "Frühjahrsmüdigkeit“ sehen Wissenschaftler in der Hormonumstellung begründet: Zum einen produziert der Organismus weniger Melatonin, das normalerweise für Ruhe und Entspannung sorgt. Zum anderen schüttet er mehr Dopamin und Serotonin aus; beide Hormone kurbeln den Kreislauf an. Einige Menschen weckt die morgendliche Helligkeit; sie müssen sich erst an die längeren Tage gewöhnen. Ihnen empfehle ich, sich viel draußen zu bewegen, damit sich der Körper möglichst rasch umstellt. Leichte Kost mit viel Obst und Gemüse kann diesen Prozess unterstützen.
Muss ich beim Salat jetzt auf zusätzliche Belastungen durch den Gewächshausanbau achten?
Produkte aus dem hiesigen Gewächshausanbau werden regelmäßig durch offizielle Behörden kontrolliert. Das hält das Risiko für gesundheitliche Belastungen gering. Natürlich gibt’s auch Freilandprodukte aus Spanien, aber auch Südafrika, Argentinien oder Chile zu kaufen. Aber die verbrauchen durch den wesentlich längeren Transportweg und die Lagerung ein Vielfaches an Energie, was ich aus ökologischer Sicht bedenklich finde. Und ob sie tatsächlich weniger belastet sind, bezweifle ich.
Welches Gemüse und welche Früchte kann ich jetzt bedenkenlos essen? Die ersten Erdbeeren werden teilweise zu Dumpingpreisen angeboten.
Genau, jetzt gibt es Erdbeeren zu kaufen, aber auch Salat, Radieschen und Gurken gedeihen im Gewächshaus. Und es gibt das einzige, wirklich echte saisonale Gemüse zu kaufen, den Spargel. Grundsätzlich sollte man darauf achten, woher die Sachen kommen. Günstige Produkte kommen meist aus Südeuropa. Die oft verwendeten Folien zur schnellen Reifung produzieren mehr Müll – Dinge, die man beim Kauf billiger Produkte bedenken sollte. Wirklich frisch und regional ist jetzt Bärlauch!
Sommer vorm Balkon – sollte man Kräuter in der Großstadt noch selbst züchten?
Unbedingt. Mediterrane Kräuter wie Thymian, Estragon, Rosmarin oder Salbei sind besonders genügsam. Blei aus Abgasen ist heutzutage auch in der Großstadt kein Problem mehr. Natürlich müssen die Sachen vor dem Verzehr gründlich gewaschen werden. Auch Urban gardening finde ich übrigens eine tolle Möglichkeit, um sich mit frischen, zum Teil leicht verderblichen Produkten selbst zu versorgen. Dabei greift man aber besser nicht mit chemischen Mitteln in den Wachstumsprozess ein, sondern versucht, Gemüse und Kräuter möglichst natürlich ohne zusätzliche Hilfsmittel zu ziehen. Das ist gar nicht so einfach.
In letzter Zeit traten wieder vermehrt Fleischskandale auf. Wozu raten Sie beim Fleischverzehr?
Verbraucher sollten auf die Herkunft des Fleisches achten und zurückhaltend bei Fleischfertigprodukten sein, die sehr preiswert sind. Wenn Sie frisches Fleisch kaufen, können Sie die Qualität viel leichter beurteilen als bei verarbeitetem. Artgerechte Haltung und Fütterung ist nicht nur für die Tiere besser, sondern führt auch zu einer besseren Fleischqualität, das beispielsweise mehr Omega-3-Fettsäuren enthält. Strenge Gütesiegel wie Demeter oder Bioland haben zwar ihren Preis, aber für eine ausgewogene Ernährung reichen ohnehin zwei bis drei Fleischportionen in der Woche.
Vielen Dank für das Gespräch.
Das Gespräch führte Constanze Löffler

