Zwei Menschen mit Übergewicht, Quelle: dpa

rbb PRAXIS - Dick sein nimmt zu

Deutschland bringt immer mehr Pfunde auf die Waage und wird immer kränker - durch Übergewicht oder sogar Fettleibigkeit. Während vor Jahrtausenden das Anfuttern von ein paar Extrakilos noch das Überleben sicherte, wird uns in Zeiten von Nahrungsüberfluss und prozessierten Lebensmitteln die Neigung zum Fett ansetzen zum Verhängnis. Eine Lösung ist nicht in Sicht, so lange wir zu viel in uns hineinstopfen und uns zu wenig bewegen.

Sommerzeit, Badespaß – spätestens wenn ab Dienstag wieder die Sonne scheint, werden sich in Berlins und Brandenburgs Freibädern wieder die Leute tummeln. Wer sich die Bikini- und Badehosen-Schönheiten allerdings genauer anschaut, bekommt das Gruseln: Um einen herum sind fast nur dicke Menschen zu sehen. Den nackten Tatsachen geben die aktuellen Zahlen recht: Deutschland wird immer dicker. Erst im Juni hatte das Robert-Koch-Institut (RKI) die Ergebnisse der DEGS-Studie (Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland) präsentiert: Zwei von drei Männern und jede zweite Frau hierzulande bringt zu viele Pfunde auf die Waage. Jeder vierte ist sogar krankhaft übergewichtig.

Body-Maß-Index (BMI) entscheidet

Bei den Kindern und Jugendlichen sind die Zahlen ähnlich verheerend: In der KIGGs-Studie, einer ebenfalls vom RKI durchgeführten Studie zur Gesundheit bei Kindern, waren rund 15 Prozent der untersuchten Kinder und Jugendlichen übergewichtig, knapp die Hälfte davon sogar adipös. Vor allem die Männer und Jugendlichen haben in den vergangenen 20 Jahren an Gewicht zugelegt, so die DEGS-Studie. Das Gefährliche: Mit jedem Pfund steigt auch das Risiko für Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, für Asthma, Diabetes, Gallensteine oder chronische Gelenkbeschwerden.

Ob noch normal- oder schon übergewichtig, verrät der BMI (Body-Mass-Index: Quotient aus Gewicht und Körpergröße in Metern im Quadrat). Wer für sich einen BMI bis 25 errechnet, muss keinen Gedanken an eine Diät verschwenden. Bei einem BMI zwischen 25 und 30 hat sich schon mehr Fett angesammelt als nötig, und es wird Zeit, aufs Gewicht zu achten. Wessen Wert über 30 liegt, der hat eine sogenannte Adipositas – ist also krankhaft übergewichtig. Betroffene sollten nur unter ärztlicher Aufsicht abnehmen.

Gene, Völlerei und Faulheit

Immer wieder stellt sich die Frage, wie es überhaupt so weit kommen kann. Der Ernährungswissenschaftler Stephan Bischoff, Leiter des Instituts für Ernährungsmedizin der Universität Hohenheim Stuttgart, hat darauf nur eine Antwort: „Unsere Energiebilanz ist positiv, wir nehmen also zu viel Energie auf und verbrauchen zu wenig.“ Und das, indem wir zu viel essen, uns zu wenig bewegen oder weil genetische Faktoren dafür sorgen.

Heute geht man auf Grund von Zwillings- und Geschwisterstudien nämlich davon aus, dass die krankhafte Fettsucht zu etwa 60 Prozent vererbt wird. Dabei spielt nicht nur ein vereinzeltes Gen eine Rolle, sondern es ist das Zusammenspiel verschiedener Gene, die für das Übermaß an Energie sorgen. „Die veränderte Genetik begünstigt die Gewichtszunahme“, schreibt Bischoff in einer Ausgabe von Science Allemagne im Juni 2009. Verstärkt werden die genetischen Effekte durch Nahrungsüberfluss und Inaktivität. „Als Ergebnis nehmen Übergewichtige im Durchschnitt mehr Kalorien auf als Normalgewichtige“, so Bischoff.

Eines der Gene, die zu Adipositas und Übergewicht beitragen, ist das FTO-Gen (fat mass and obesity associated-Gen). Menschen mit Genvarianten in diesem Bereich bringen etwa 1,5 bis 3 Kilogramm mehr auf die Waage, als Menschen, deren FTO-Gen unverändert ist. Bei krankhaft übergewichtigen Kindern ist häufig das einen appetitregulierenden Rezeptoren kodierende Gen verändert, dem so genannten MC3-Rezeptor.

Leicht verdauliche Kohlenhydrate machen dick

Lange verdächtigte man Fette als Auslöser für die Gewichtszunahme. Stattdessen aber sind es Einfachzucker wie Haushaltszucker oder Fruchtzucker, der in hohen Konzentrationen in Limonaden und Süßigkeiten enthalten sind. Dazu kommt: „Der hohe Verarbeitungsgrad und die damit verbundene hohe Energiedichte unserer Lebensmittel, sowie die ständige Verfügbarkeit von Nahrung sind mitverantwortlich für die hohe Prävalenz von Übergewicht und Adipositas“, schreibt Bischoff. Obst und Gemüse sowie Ballaststoffe werden dagegen zu wenig gefuttert. Und weil das Phänomen der ungesunden Ernährung vor allem in weniger wohlhabenden Familien ausgeprägt ist, sind diese Menschen auch häufiger übergewichtig. Auch wer sich gesund und bewusst ernährt, kann übergewichtig werden: Weil er überwiegend im Sitzen arbeitet und die Angewohnheit hat, die täglichen Wege statt zu Fuß oder per Rad lieber in Auto, Bus und Bahn zurückzulegen.

Gute Aussichten

Nur eine langfristige Umstellung der Ernährung, hin zu wasserreichen und wenig energiedichten Lebensmitteln wie Obst und Gemüse sowie hochwertigen fettarmen Fleischprodukten, viel Fisch und komplexen Kohlenhydraten, könne Übergewicht verhindern, so der Stuttgarter Wissenschaftler. Wer schon adipös ist, bei dem reicht die Diät jedoch nicht aus, um das persönliche Gewicht auf ein gesundes Maß zu trimmen. Dann helfen nur noch therapeutisch betreute Abnehm-Konzepte oder chirurgische Eingriffe wie eine Magenverkleinerung.

Text: Constanze Löffler

Service

Prof. Dr. Stefan C. Bischoff

Universität Hohenheim
Institut für Ernährungsmedizin
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70599 Stuttgart
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