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Wer die Diagnose einer Riechstörung erhält, der kann mit gezieltem Training und der so genannten "Riechorgel" den Geruchssinn neu schärfen. Wie das funktioniert und wer davon profitieren kann - darüber sprach die rbb Praxis mit Prof. Dr. Hans Behrbohm aus der HNO-Abteilung der Parkklinik Berlin-Weißensee.
Weniger oder gar nichts riechen - das kennt fast jeder, wenn er mal einen heftigen Schnupfen, eine heftige Erkältung hat. Meist erholt sich der Geruchssinn, wenn der Schnupfen nachlässt. Wann sollte man wegen einer Riechstörung den Arzt aufsuchen?
Wenn man auch vier bis sechs Wochen nach Abklingen der Erkältung nichts oder nur wenig riechen kann, dann sollte man sich dem HNO-Arzt vorstellen. Es gibt ganz unterschiedliche Ursachen für Riechstörungen oder gar den Verlust des Geruchssinns. Das können in der Nase hartnäckige Nasennebenhöhlenentzündungen sein, Nasenpolypen, allergisch gereizte und veränderte Nasenschleimhaut, eine schiefe Nasenscheidewand. Dann ist meist der Zugang zur Riechspalte verlegt, einer speziellen Schleimhautauskleidung entlang des oberen Nasenganges, die Riechzellen enthält und die Reize zum Riechkolben weiterleitet.
Schuld sein können auch Unfälle, Verletzungen oder notwendige Eingriffe. Riechstörungen können auch als Nebenwirkungen von Medikamenten auftreten. Manchmal ist es auch ein Tumor in der Region , der hinter dem Verlust des Geruchssinns steckt. Und: Riechstörungen, das wissen wir, sind auch ein Frühsymptom bei neurologischen Erkrankungen, wie Parkinson und Alzheimer.
Bei der Diagnose von Riechstörungen unterscheiden HNO-Ärzte ganz bestimmte Stadien oder Arten der Schädigung – meist durch eine intensive Riechdiagnostik?

Der Geruchssinn eines gesunden Menschen ist theoretisch in der Lage, etwa 10.000 verschiedene Düfte zu unterscheiden. Das kann inzwischen kaum noch jemand von uns. Der Geruchssinn ist der "vernachlässigste" menschliche Sinn. Wir lernen frühzeitig, Farben zu unterscheiden und Töne zu differenzieren. Aber die Fülle der Düfte zu erkennen und richtig zu bezeichnen, dass gelingt eigentlich in größerem Umfang nur noch Parfümeuren und Weinverkostern.
Aber kein Grund zur Sorge: Wer mal nicht erkennt, was er da riecht, hat keine Riechstörung. Ob solch eine vorliegt, das diagnostizieren wir HNO-Ärzte bei einer Riechprüfung. In Deutschland hat sich dafür das "sniffn-Sticks"-Verfahren durchgesetzt. Es handelt sich um sog. Riechstifte, die dem Patienten nach Abnehmen einer Kappe für drei Sekunden unter die Nase gehalten werden.
Folgende Riechstoffe werden dabei unterschieden:
• reine Riechstoffe: Zimit, Lavendel, Vanille, Pfefferminzöl, Terpentin
• Riechstoffe mit Trigeminuskomponente: Ammoniak, Essigsäurse
• Riechstoffe mit Geschmackskomponente: Pyridin, Chloroform
Je nach Ergebnis der Riechdiagnostik unterscheiden wir:
Normosmie= normales Riechvermögen
Hyposmie =partieller Verlust des Riechvermögens
Anosmie = kompletter Verlust des Riechvermögens,
Parosmie = "falscher" Riecheindruck
Kakosmie= unangenehmer, "falscher" Riecheindruck
Phantosmie= Riecheindruck ohne tatsächlichen Geruchsreiz

Sie bieten in Ihrer Klinik Patienten mit Riechstörungen ein Riechtraining an – mit der sogenannten Riechorgel. Wer kann davon profitieren und was versteht man darunter?
Der wissenschaftliche Hintergrund dieser therapeutischen Maßnahme basiert auf Befunden am Tier und am Menschen, die zeigen, dass in Abhängigkeit von der Exposition zu einem Duftstoff das Riechvermögen verbessert werden kann, und zwar nicht nur im Sinne einer verbesserten Auswertung der Duft-Informationen im zentralen Nervensystem , sondern auch durch eine vermehrte Neubildung von Riechrezeptoren im Bereich der Riechschleimhaut. Profitieren können von solch einem Riechtraining, manche nennen es auch Riechgymnastik, Patienten, bei denen wir die Ursache der Riechstörung behandeln konnten. Beispielsweise Patienten nach Ausheilung einer Sinusitis, nach einer operativen Sanierung der Nebenhöhlen mit Ausheilung der Riechschleimhaut, nach operativer Entfernung von gutartigen oder bösartigen Tumoren.
Manchmal ist es auch wichtig überhaupt eine Sensibilität gegenüber Gerüchen zu wecken. Der erste Schritt können "Riechspaziergänge" sein. Dabei gilt es Gerüche bewusst wahrzunehmen und zu identifizieren , was riecht wie. Danach üben wir das "schnüffelnde" Riechen. Durch eine Kombination von Riechstoffen und Substanzen, die vom Trigeminus-Nerv wahrgenommen werden, können wir uns langsam herantasten.
Riechen hängt sehr eng mit dem Schmecken zusammen und umgekehrt. Wird bei dem Training also auch das Schmecken trainiert? Wie unterscheiden sich die Duft-Substanzen?
Was man immer wieder sagen muss: "Geschmack" hat nur vier Qualitäten: süß, sauer, salzig, bitter. "Schmecken" meint zu großen Teilen "Riechen", man nennt das dann gustatorisches Riechen. So ist das auch beim Riechtraining. Wir bieten in der Riechorgel reine Duftstoffe (olfaktorisch wirksame Substanzen) an, z.B. Vanille, Kaffee und auch reine Trigeminusreizstoffe: z.B. Essig, Chili und Mischreizstoffe: z.B. Eukalyptus.
Sie halten ihren Patienten auch Trigeminusriechstoffe unter die Nase. Der Trigeminus ist ja ein Gesichtsnerv. Können wir damit auch riechen?
Jein, der Trigeminus nimmt bestimmt Qualitäten wahr. Der Nerv leitet mit seinen drei Ästen, dem Augen-, dem Oberkiefer- und dem Unterkieferast tatsächlich nicht nur alle Berührungs- und Schmerzreize, die im Gesicht anfallen, an das Gehirn weiter. Seine Nervenenden sind überall im Mund verteilt an Gaumen, Zunge, Zähnen und Schleimhaut -, in der Nase, den Augen und der Gesichtshaut. Wichtig bei Riechstörungen und für das Riechtraining: Selbst wenn jemand völlig "geruchsblind" ist, kann der Trigeminus einige Geruchstoffe erkennen, die der Nase angeboten werden.
Was empfehlen Sie gesunden Menschen, um ihren Riechsinn zu schärfen?
Bewusst riechend durch den Alltag zu gehen. Gerade jetzt in der Weihnachtszeit können wir an jeder Ecke unterschiedlichste Düfte wahrnehmen, die uns stimulieren, die uns motivieren, die uns sogar glücklich machen. Ich empfehle jedem einen Riechspaziergang, bei dem er versucht, einmal ganz gezielt auch die Nase bzw. seinen Geruchssinn einzusetzen und versucht, das, was er riecht, auch richtig zu bezeichnen. Und man kann ja auch ein Adventsquiz veranstalten: Gerüche raten!
Vielen Dank für das Gespräch.
Das Gespräch führte Cornelia Fischer-Börold.

