Modell eines Ohrs. Quelle: dpa

rbb Praxis Interview - Hörtraining: Inwiefern kann es helfen?

Häufig beginnt eine Schwerhörigkeit schleichend und die Patienten warten lange, bis sie sich zum Tragen eines Hörgeräts entscheiden. Kommt dann ein Hörgerät zum Einsatz, kann es den Betroffenen zunächst schwer fallen, die Flut der Geräusche und Töne voneinander zu unterscheiden. Inwieweit ein gezieltes Hörtraining helfen kann, darüber sprach rbb PRAXIS mit Prof. Oliver Kaschke, Chefarzt für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde im Sankt Gertrauden-Krankenhaus in Berlin und Dr. Joachim Wichmann vom Berufsverband der Hals-Nasen-Ohrenärzte.

Wenn Hörgeräte zum Einsatz kommen, fällt es den Betroffenen oftmals schwer, die Flut der Geräusche und Töne voneinander zu unterscheiden. Inwiefern kann hier ein gezieltes Hörtraining hilfreich sein?

Prof. Oliver Kaschke: Ein Hörtraining in einer neuen Hörsituation (mit Hörgerät) stellt für den Betroffenen die Situation eines Lernprozesses und einer Anpassung dar. Erst die wiederholte Erkennung bestimmter Geräusch- und Tonsensationen im Zusammenhang mit dem Tragen eines Hörgerätes ermöglicht dem Betroffenen sich "zu gewöhnen" und dann auch Unterschiede von Klang und Lautheiten besser zu unterscheiden.

Dr. Joachim Wichmann: Hörverstehen findet nicht an den Ohren, sondern vielmehr im Gehirn statt. Das Hörgerät unterstützt zunächst einmal die Güte des Signals, die im Gehirn ankommt. Wenn nicht gleichzeitig die Fähigkeit zur Sprachentschlüsselung im Gehirn wieder auftrainiert wird, dann wird das Hörgerät oftmals nur begrenzten Nutzen für den Betroffenen haben. Die Entscheidung, welchem Sprecher gefolgt werden soll, trifft eben nicht das Hörgerät, sondern der Einzelne selbst. Ist er nicht in der Lage, sich auf einen einzelnen Sprecher „einzustellen“, dann wird ihm dies weiterhin auch mit dem Hörgerät sehr schwer fallen. Dies lässt sich durch ein auf die Verbesserung neuronaler Fähigkeiten ausgerichtetes Hörtraining zielgerichtet ändern.

Welche Hörtrainingsmethoden gibt es und wie funktionieren sie?

Dr. Joachim Wichmann: Meines Erachtens ist zu unterscheiden zwischen herkömmlichem Hörtraining und neuronalem Hörtraining. Bei konventionellem Hörtraining wird versucht, durch das Üben von klassischen Hörprozessen wieder zu besserem Hörverstehen zu gelangen. Anders stellt sich dies bei neuronalem Hörtraining dar. Hier werden Grundfunktionen trainiert, die für das Hörverstehen im Gehirn entscheidend sind. Fähigkeiten wie die Zeitverarbeitung, das Richtungshören oder die Tonhöhenunterscheidung lassen mit zunehmendem Alter im Gehirn nach. Erfreulicherweise können sie auch in kurzer Zeit wieder aktiviert und auftrainiert werden. Wichtig ist, dass dann nicht aufgehört wird. Vielmehr braucht es dann ein konsequentes weiteres Erhaltungstraining. Dieses kann beispielsweise alle ein bis zwei Wochen durchgeführt werden, um so die bislang erzielten Fortschritte auch dauerhaft zu bewahren. Dies zeichnet nach meiner Überzeugung ein wirklich solides Hörtrainingsverfahren aus.

Für welche Patienten kommt ein Hörtraining in Frage?

Prof. Oliver Kaschke: Patienten, die einen deutlichen Hörverlust und Schwierigkeiten im Störschall (Umgebungsgeräusche) haben. Auch Patienten, die unter Tinnitus leiden sind für ein Hörtraining geeignete Kandidaten.

Wie wirksam kann ein auf einen Patienten zugeschnittenes Hörtraining sein? Gibt es Studien, die die Wirksamkeit dokumentieren?

Prof. Oliver Kaschke: Da gibt es individuell sehr große Unterschiede und ist auch von der jeweiligen Hörproblematik sehr abhängig. Ich würde davor warnen, im Voraus diesbezüglich Zusagen zu machen.

Dr. Joachim Wichmann: Hierin unterscheiden sich verschiedene Lösungen von Hörtraining. Es gibt Anbieter, die über eine Reihe von Studien mit unterschiedlichen Zielgruppen verfügen und die regelmäßig weitere Forschung betreiben. Andere Verfahren haben keine oder nur eine einzige Studie, auf die sie verweisen können.

Im Internet gibt es zahlreiche Hörtrainings-Angebote. Wie können Patienten zwischen seriösen und unseriösen Angeboten unterscheiden?

Dr. Joachim Wichmann: Hörtraining braucht Zeit und Geduld. Wer verspricht, innerhalb von 14 Tagen ein Hörtraining durchführen und gar abschließen zu können, ist nach meiner Ansicht nicht seriös. Gute Trainingsverfahren bieten nicht nur eine kurze Trainingsphase von mehreren Wochen; sie bieten auch Lösungen für das langfristige Fortsetzen des Trainings als Erhaltungstraining. Gutes Hörtraining ist langfristiges Hirnleistungstraining. Dort wo Training als "Therapie" verkauft wird, sollten Sie meines Erachtens hellhörig werden. Dies gilt umso mehr, wenn nicht der HNO-Facharzt in das Thema und die Patientenbetreuung intensiv und eng eingebunden ist.

Prof. Oliver Kaschke: Es sollte eine fundierte Ausbildung in einem Hörzentrum oder einer Spezialklinik hinterlegt sein. Wichtig wäre auch eine psychologische Grundausbildung. Unseriös würde ich alles bezeichnen, was mit esoterischen Behandlungen verknüpft ist.

Inwiefern ist es auch für Menschen, die noch kein Hörgerät haben, sinnvoll, gezielt das Gehör zu trainieren und welche Übungen können Sie empfehlen?

Dr. Joachim Wichmann: Sie kennen den Grundsatz "vorbeugen ist besser als heilen". Es ist in der Tat so, dass ein Hörtraining auch vorbereitend auf eine spätere Hörgeräteversorgung sinnvoll ist. Auch kann es gegebenenfalls dazu beitragen, dass ein Hörgerät erst später erforderlich wird. Menschen, die sich entsprechend fit halten, kommen in aller Regel schneller und besser mit einer Hörgeräteversorgung klar als Menschen, die sich nicht entsprechend trainieren.

Vielen Dank für das Gespräch!


Das Gespräch führte Nadine Bader.

Machen Sie einen Hörtest

Ohren zuhalten, Quelle: dpa

Wie gut sind Ihre Ohren?

Viele schieben den Termin für einen Hörtest beim Ohrenarzt auf. Bei der rbb Praxis können Sie Ihre Ohren testen und sich schon mal damit vertraut machen, wie ein Audiometrie-Hörtest abläuft.

Das Gehör eines Mannes wird getestet. Quelle: dpa

Wie funktioniert der Hörtest?

Eine Hörverschlechterung beginnt meist schleichend, so dass man sich langsam daran gewöhnt. Die eigene Einschätzung des Hörvermögens weicht deshalb häufig vom messbaren Hörvermögen ab. Daher machen viele Menschen einen Hörtest erst, wenn die Hörschädigung schon weiter vorangeschritten ist. Man sollte jedoch nicht zu lange warten, denn das Gehör vergisst regelrecht das normale Hören und den Umgang mit Alltagsgeräuschen. Diese Fähigkeiten des gesunden Gehörs müssen dann gegebenenfalls wieder erlernt werden.