
rbb PRAXIS Interview -
Viele junge Frauen lassen sich gegen den Virus, der Gebärmutterhalskrebs auslösen kann nicht impfen. Grund dafür sind die Vorbehalte gegenüber der Impfung - sowohl in der Bevölkerung als auch in den Medien. rbb PRAXIS hat mit Dipl. med Dörte Meisel gesprochen. Sie ist Landesverbandsvorsitzende des Berufsverbandes der Frauenärzte (BVF) Sachsen-Anhalt.
Meisel: Ja, wir haben zwei Probleme mit der Impfung: 1) die negative Berichterstattung in den Medien. Die Impfung ist wie alle anderen sicher, geprüft und zugelassen, die Artikel darüber sind jedoch leider sehr einseitig und oft negativ verfasst. 2) die große Informationslücke bei den jungen Frauen. Die meisten wissen so gut wie nichts über das Thema Gebärmutterhalskrebs oder Feigwarzen, die ja auch durch HPV ausgelöst werden. In den Medien erfahren sie dann, dass die Impfung gegen eine HPV-Infektion schlimme Nebenwirkungen haben kann und entschließen sich dagegegen.
rbb PRAXIS: Und Sie versuchen dann, die jungen Frauen von dem Gegenteil zu überzeugen?
Meisel: Ja, denn ich halte die Impfung für sehr wichtig. Die Berichterstattung über die Nebenwirkungen geht in die falsche Richtung.
rbb PRAXIS: Wie meinen Sie das? Es gab doch Berichte über Ohnmacht, Todesfälle und den zeitlichen Zusammenhang mit der Nervenschädigung des Guillan-Barrré-Syndroms?
Meisel: Bis auf die übliche Reaktion des Körpers, die bei einer Anregung des Immunsystems zu erwarten ist, gibt es bei der HPV-Impfung keine schlimmen Nebenwirkungen. Keiner der Todesfälle konnte wirklich mit dem Impfstoff in Verbindung gebracht werden. In meiner Praxis habe ich bisher auch noch nichts Ungewöhnliches wie zum Beispiel eine Ohnmacht oder ähnliches erlebt.
rbb PRAXIS: Wie oft ist die Impfung bei Ihnen im Alltag Thema?
Meisel: Ich kläre täglich fünf bis zehn Mädchen und Frauen über die HPV-Impfung auf. Sie gehen dann nach Hause, denken darüber nach und beim nächsten Besuch sind sie meist bereit, sich impfen zu lassen. Pro Tag impfe ich etwa zwei bis drei Patientinnen gegen HPV.
rbb PRAXIS: Wann sprechen Sie denn das Thema überhaupt an?
Meisel: Da das Risiko für eine HPV-Infektion mit jedem neuen Sexualpartner steigt, kläre ich junge Mädchen etwa ab zwölf Jahren auf, wenn ich das Gefühl habe, dass Sex ein Thema für sie ist. Die Impfung sollte vor dem ersten Verkehr erfolgen, da ist sie am wirksamsten. Bis es zu einer festen Partnerschaft kommt, haben die jungen Frauen etwa sechs verschiedene Partner – mit jedem steigt das Risiko für eine Infektion, es sei denn sie sind geschützt.
rbb PRAXIS: Wie räumen Sie die Vorbehalte aus?
Meisel: Ich spreche sowohl über Gebärmutterhalskrebs als auch über Feigwarzen, die ja auch durch eine HPV-Infektion enstehen. Gebärmutterhalskrebs ist ein abstraktes Thema für die jungen Frauen, aber wenn ich ihnen Bilder von den Feigwarzen zeige, sind die meisten schon überzeugt. Medizinisch gesehen sind die Genitalwarzen harmlos, aber psychsich sehr belastend.
rbb PRAXIS: Wie läuft der Kontakt mit den betroffenen Eltern?
Meisel: Ihnen muss ich klarmachen, dass Sex oft durchaus schon ein Thema für ihre Töchter ist und dass diese deshalb geschützt werden sollten. Viele Eltern denken nicht daran oder glauben, es sei noch nicht soweit. Problematisch ist, dass sie oft selbst nicht mit ihren Töchtern in die Sprechstunde kommen, ich die Eltern also schlechter erreiche. Bei Minderjährigen müssen sie aber ihr Einverständnis zu der Impfung geben.
rbb PRAXIS: Impfen Sie auch Mädchen, die schon Sex hatten?
Meisel: Ja, selbstverständlich, wir impfen auch die Mädchen, die schon erste sexuelle Kontakte hatten. Wenn auch wenn der Impftoff dann nicht mehr so gut wirksam ist wie vor dem ersten Verkehr, schützt er trotzdem vor einer Infektion.
rbb PRAXIS: Stimmt es, dass viele junge Frauen sich mit der Impfung in Sicherheit vor Gebärmutterhalskrebs wiegen?
Meisel: Ja, das stimmt, viele glauben mit der Impfung nun alles getan zu haben. Das stimmt natürlich nicht, die Krebsfrüherkennung ist dennoch wichtig, da wir mit den Impfstoffen nur einen 70- bis 80-prozentigen Schutz erreichen. Da sie ja aber wegen der Verhütung regelmäßig in die Praxis kommen, ist meist genug Gelegenheit, diese dann auch durchzuführen. Die Krebsvorsorgeuntersuchung startet ab dem 20. Lebensjahr.
rbb PRAXIS: Wie lange die Impfung hält, ist nicht bekannt, man mutmaßt bisher vier bis neun Jahre. Richtig?
Ganz genau. Da wir noch keine Daten über die Langzeitwirkung haben, rechnen wir in diesem Zeitraum. Wenn daher junge Mädchen in die Praxis kommen, die offensichtlich mit Sex noch nichts am Hut haben, warten wir auch noch mit der Impfung. Es sollte nur rechtzeitig daran gedacht werden. Denn bis alle drei Injektionen verabreicht und die Impfung vollständig ist, vergeht ein halbes Jahr. Wenn man verliebt ist, kann diese Zeit schnell vergehen.
Vielen Dank für das Gespräch.
Das Gespräch führte Beate Wagner.


