Mikroskopische Aufnahme eines Karzinoms im Bereich des Gebärmutterhalses, Quelle: dpa bild REPORT

- Der umstrittene Piks der HPV-Impfung

Seit Jahren ist sie in aller Munde, doch die Verwirrung will nicht abebben: Die HPV-Impfung für Mädchen. Seit 2006 ist sie verfügbar und wird jungen Frauen von der Ständigen Impfkommission empfohlen. Allerdings ist die Impfung bis heute umstritten, denn der Impftstoff wirkt nicht gegen alle Virentypen.

Seit 2006 gibt es einen Impfstoff gegen die HPV-Typen 16, 18, 6 und 11, seit 2007 einen gegen die HPV-Typen 16 und 18. Haben sich junge Mädchen zwischen 12 bis 17 Jahren noch nicht angesteckt, soll die Impfung vor einer Infektion mit humanen Papillomaviren (HVV) schützen. In Deutschland empfiehlt sie die Ständige Impfkommission (STIKO) seit 2007, optimalerweise vor dem ersten Geschlechtsverkehr.

Nötig sind dafür drei Injektionen innerhalb von 6 Monaten. Ziel der Impfempfehlung: die Zahl der HPV-Infektionen und nachfolgenden Zervixkarzinomen zu verringern. Denn der Gebärmutterhalskrebs kann selten nach Jahren die Folge einer HPV-Infektion sein. Untersuchungen zeigen, dass das Risiko einer Infektion mit HPV mit jedem neuen Sexualpartner steigt. Mehr als 40 Prozent aller 20 bis 24-jährigen sexuell aktiven Frauen haben sich bereits mit dem Virus angesteckt. Bei ihnen wirkt der Impfschutz sehr viel schlechter.

Screening trotz Impfung empfohlen

Eine Studie aus London, die kürzlich im dem renommierten Fachjournal British Medical Journal erschien, bestätigt nun erneut, dass die Impfung allein aber nicht als Schutz ausreicht. Denn etwa ein Drittel aller HPV-Infektionen werden von Virustypen verursacht, die die Impfung nicht erfasst oder gegen die der Impfstoff trotz einer gewissen Kreuzimmunität nicht ausreicht. Insgesamt 14 HPV-Virustypen stehen in Verdacht, Gebärmutterhalskrebs auslösen zu können. Die Experten raten daher auch geimpften Frauen weiterhin, regelmäßig zum Gebärmutterhals-Screening zu gehen. Die in den 1970-Jahren eingeführte Früherkennungsuntersuchung, bei der Schleimhautzellen des Gebärmutterhalses auf karzinogene Veränderungen geprüft werden, bleibt trotz HPV- Impfung also weiterhin nötig.

Im Rahmen der POPI-(Prevention of Pelvic Infection)Studie zum Clamydien Screening wurden zwischen 2004 und 2008 ingesamt 2185 sexuell aktive Studentinnen aus London mit einem Durchschnittsalter von 21 Jahren hinsichtlich einer HPV-Infektion untersucht. Sie füllten zu Beginn einen Fragebogen zu ihrer sexuellen Aktivität aus. Zweimal im Abstand von 16 Wochen entnahmen sie sich selbst einen Vaginalabstrich, der anschließend auf HPV-Viren untersucht wurde. Die Studie erfüllt weder vom Design noch von der Fallzahl alle wissenschaftlichen Wünsche. Dennoch kann sie warnen: Selbst wenn man geimpft ist, gibt es keinen hundertprozentigen Schutz vor einer Infektion und Gebärtmutterhalskrebs.

Nicht selten aber wiegen sich junge geimpfte Frauen in dieser Sicherheit. Sie glauben, mit dem Imfpschutz nun alles Mögliche getan zu haben, um kein Gebärmutterhalskrebs zu bekommen. Schuld an diesem Missverständis dürfte auch die Pharmaindustrie haben, die die Impfstoffe von Beginn an bei der schwierigen Zielgruppe heranwachsender Frauen und ihrer Eltern aggressiv beworben hat. Neutrale Informationen und Antworten auf häufige Fragen, wie sie heute zum Beispiel die gemeinnützigen Projektgruppe Zervita bietet, gab es anfangs hingegen nicht. So klärt Zervita auf seiner Internetseite beispielsweise darüber auf, dass noch nicht klar ist, wie lange der Impfschutz besteht und welche Langzeitwirkung er mit sich bringt. Auch weiß heute noch niemand, ob die Impfung das Auftreten von Gebärmutterhalskrebs tatsächlich senkt.

Impfmüdigkeit in Deutschland

Bisher ist die Skepsis durch all die offenen Fragen noch entsprechend groß. So werden dem Wissenschaftlichen Institut der Privaten Krankenversicherung (WIP) zufolge in Deutschland junge Mädchen spät oder gar nicht gegen humane Papillomviren (HPV) geimpft. Das hat das WIP auf Basis von Privatversicherter Verordnungsdaten ermittelt. Demnach verfügen zwar 40 Prozent der 17-Jährigen über einen Impfschutz gegen HPV, bei den 12- bis 13-Jährigen sei bundesweit aber nur jedes zehnte Mädchen gegen die Viren geimpft. In Großbritannien und Portugal weisen dagegen acht von zehn Mädchen dieser Altersgruppe einen HPV-Impfschutz auf. Nach der STIKO-Empfehlung verzeichnete die private Krankenversicherung (PKV) bundesweit 166.000 Verordnungen einer HPV-Impfdosis. Von 2007 zu 2008 sanken die Impfzahlen nach Angaben des Insituts dann jedoch um mehr als ein Drittel und im darauffolgenden Jahr nochmals um die Hälfte.

Auch in den USA gibt es Akzeptanzprobleme. Einer aktuellen Studie in dem Fachblatt Cancer zufolge ist die Impfrate innerhalb von drei Jahren um zwei Drittel gefallen. Wurden 2006 noch 58 Prozent aller Mädchen bis zwölf Jahre geimpft, fiel die Rate in drei Jahren auf 21,1 Prozent. Ähnlich sah es bei den 13-18-Jährigen aus. Die Zahlen stammen von der Auswertung einer US-Krankenkasse.

Weltweit sind im Jahr 2002 laut World Health Organization (WHO) ungefähr 275.000 Frauen an einem Zervixkarzinom verstorben und 500.000 neu erkrankt. In Deutschland erkranken etwa 5.500 Frauen pro Jahr, etwa 1.500 Frauen versterben daran. Eine Infektion mit humanen Papillomaviren (HPV) gilt als zwingende Voraussetzung für die Entstehung von Gebärmutterhalskrebs und seinen Vorstufen - in mehr als 99 Prozent aller Zervixkarzinome kann eine HPV-Infektion nachgewiesen werden. Meist werden die Viren über Sex weitergegeben.

Text: Beate Wagner

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