
rbb Praxis Interview -
Gegen den Krebs immun sein – das ist die Hoffnung, die Nachrichten von Krebsimpfungen verbreiten. Bislang ist es Wissenschaftlern jedoch erst bei zwei Tumoren gelungen, gegen sie eine vorbeugende Impfung zu entwickeln.
Welche das sind und welchen Krebssorten Wissenschaftler noch auf der Spur sind, darüber hat die rbb Praxis mit Prof. Lutz Gissmann vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg gesprochen. Gissmann selbst hat einen Impfstoff gegen Gebärmutterhalskrebs mitentwickelt.
Krebsimpfung, Vakzinierung, Immuntherapien – die Begrifflichkeiten sind für den Laien verwirrend. Wann genau spricht man von einer Schutzimpfung gegen Krebs?
Prof. Gissmann: Eine Krebsimpfung ist eine vorbeugende Impfung gegen krebsauslösende Erreger. Wir verhindern mit der Impfung also die Infektion mit einem entsprechenden Keim – genau wie bei Masern, Röteln oder Tetanus. Etwa jede fünfte Krebserkrankung wird von Viren oder Bakterien ausgelöst. In Industrieländern mit hohen gesundheitlichen Standards ist das seltener der Fall als in Entwicklungsländern.
Können Sie uns typische Erreger nennen, die Krebs auslösen?
Das Bakterium Helicobacter pylori kann Magenkrebs verursachen, Hepatitis B und C Viren sorgen für Leberkrebs. Das Epstein Barr Virus wird für Krebs verantwortlich gemacht, der von den weißen Blutkörperchen ausgeht, den so genannten B-Lymphozyten.
Welche Impfungen gibt es bislang?
Impfen können wir seit etwa sechs Jahren gegen bestimmte Typen der Humanen Papillomviren (HPV). Davon kennen wir mittlerweile weit über 100. Einige können Krebs am Gebärmutterhals, am äußeren Genitale der Frau, am Penis oder Anus und im Mund auslösen. Und vor rund 20 Jahren hat man eine Impfung gegen Hepatitis B entwickelt, die Leberkrebs verhindert. Ursprünglich sollte damit die Hepatitis vermieden werden, also eine akute, mitunter lebensbedrohende Leberentzündung. Dass so auch Leberkrebs verhindert wird, ist ein willkommener zusätzlicher Effekt.
Die HPV-Impfung ist eine moderne, wirksame Impfung. Dennoch sind die Impfraten bei den jungen Mädchen sehr niedrig. Warum?
Es stimmt, die Impfrate in Deutschland liegt bei nur 39 Prozent; in England und Australien ist sie etwa doppelt so hoch. Dafür gibt es mehrere Gründe: Hierzulande haben die Medien zwei Todesfälle bei jungen Mädchen mit der Impfung in Verbindung gebracht. Der Zusammenhang wurde aber nie bewiesen. Zum anderen hat ein wissenschaftliches Gremium mit rund einem Dutzend Gesundheitsexperten in einem Manifest 2008 die Wirkung der Impfung angezweifelt. Das hat dem Ruf der Impfung sehr geschadet.
Wie könnten die Impfraten zunehmen?
Meine Hoffnung ist, dass es bald eine Zulassung für noch jüngere Kinder gibt, so dass die Impfung zukünftig zur kinderärztlichen Routine wird. Bislang werden ja die Mädchen zwischen 12 und 17 Jahren geimpft – in einem Alter also, wo sie nicht mehr zum Kinderarzt und noch nicht unbedingt zum Frauenarzt gehen. In England und Australien beispielsweise wird in den Schulen geimpft.
Dort muss man der Impfung explizit widersprechen, um nicht geimpft zu werden. Die Daten aus diesen Ländern sind phänomenal. Beispielsweise ist die Häufigkeit von Genitalwarzen in Australien vier Jahre nach der Einführung um 90 Prozent gesunken. Auch die Anzahl der gefundenen Vorstufen von Gebärmutterhalskrebs wurde bereits beobachtet.
Dort muss man der Impfung explizit widersprechen, um nicht geimpft zu werden. Die Daten aus diesen Ländern sind phänomenal. Beispielsweise ist die Häufigkeit von Genitalwarzen in Australien vier Jahre nach der Einführung um 90 Prozent gesunken. Auch die Anzahl der gefundenen Vorstufen von Gebärmutterhalskrebs wurde bereits beobachtet.
Einer soeben in Science Translational Medicine erschienenen Studie zufolge gibt es mitt-lerweile eine Impfung, die auch gegen bereits bestehende Vorstufen von Gebärmutterhals wirkt. Was ist davon zu halten?
Jetzt sind wir wieder bei den Begrifflichkeiten. Eine Impfung beugt einer Infektion und in unserem Zusammenhang der Entstehung von Krebs vor. Die Therapie, die Sie erwähnen, ist keine Impfung im klassischen Sinn, sondern eine Immuntherapie. Hier werden Immunzellen dazu angeregt, die infizierten Zellen anzugreifen und zu vernichten.
Die Therapie wurde bereits an kleinen Gruppen von Patientinnen auf ihre Verträglichkeit getestet, in zwei Studien wurde auch eine gute Wirksamkeit beobachtet. Diese Befunde müssen jetzt in größeren Studien überprüft werden.
Die Therapie wurde bereits an kleinen Gruppen von Patientinnen auf ihre Verträglichkeit getestet, in zwei Studien wurde auch eine gute Wirksamkeit beobachtet. Diese Befunde müssen jetzt in größeren Studien überprüft werden.
Ein weiterer Impfstoff hat in letzter Zeit für Furore gesorgt. Ihn erhalten Patienten mit Prostatakrebs im Endstadium.
Die Idee dahinter ist gut: Man entnimmt dem Patienten Immunzellen und stimuliert diese im Labor mit einem Spezialeiweiß. Wieder im Körper des Patienten, greifen die aufgeheizten Immunzellen Oberflächeneiweiße an, die sich ausschließlich auf Krebszellen befinden, und zerstören diese. Soweit das Prinzip.
Aber auch das ist kein "echter" Impfstoff, sondern eine Immuntherapie. Es wird keine Erkrankung verhindert, sondern Krebszellen werden bekämpft und so die Lebenszeit der schwer kranken Patienten um ein paar Monate verlängert – leider ohne dass sich der Allgemeinzustand der Patienten entscheidend verbessert.
Aber auch das ist kein "echter" Impfstoff, sondern eine Immuntherapie. Es wird keine Erkrankung verhindert, sondern Krebszellen werden bekämpft und so die Lebenszeit der schwer kranken Patienten um ein paar Monate verlängert – leider ohne dass sich der Allgemeinzustand der Patienten entscheidend verbessert.
Wie sieht die Krebsimpfung der Zukunft aus?
Möglicherweise werden wir weitere Erreger finden, die Krebs verursachen und dagegen Impfungen entwickeln. Doch das ist wirklich Zukunftsmusik. Zur Zeit forschen verschiedene Arbeitsgruppen an einem Impfstoff gegen das Epstein Barr Virus.
Bei anderen Erregern wie Helicobacter pylori (verursacht Magenkrebs) dem Hepatitis C Virus (verursacht Magenkrebs) ist das Interesse der Industrie, einen millionenteure Entwicklung zu starten bislang gering, weil es wirksame Therapien wie Antibiotika oder Interferone gegen die Erreger gibt. In naher Zukunft sollten wir uns bemühen, den HPV-Impfstoff noch günstiger herzustellen, damit er auch Frauen in armen Ländern wie in Zentralafrika zur Verfügung steht. Dort tritt Gebärmutterhalskrebs viel häufiger auf als bei uns.
Bei anderen Erregern wie Helicobacter pylori (verursacht Magenkrebs) dem Hepatitis C Virus (verursacht Magenkrebs) ist das Interesse der Industrie, einen millionenteure Entwicklung zu starten bislang gering, weil es wirksame Therapien wie Antibiotika oder Interferone gegen die Erreger gibt. In naher Zukunft sollten wir uns bemühen, den HPV-Impfstoff noch günstiger herzustellen, damit er auch Frauen in armen Ländern wie in Zentralafrika zur Verfügung steht. Dort tritt Gebärmutterhalskrebs viel häufiger auf als bei uns.
Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Constanze Löffler.


