Geräte zur Überwachung von Herzrisiko-Patienten, Quelle: dpa

TELEMED Berlin 2013 - Zukunft Telemedizin?

Ferndiagnose von Schlaganfällen per Videokonferenz - ein Beispiel für die vielfältigen und manchmal lebensrettenden Möglichkeiten der Telemedizin. Wo die Telemedizin steht und in welchen Bereichen es noch Optimierungsbedarf gibt, darüber beraten Experten heute und morgen auf der TELEMED in Berlin. rbb PRAXIS-Reporterin Nadine Bader sprach mit den Veranstaltern.

Datensammler der Telemedizin zur Überwachung von Herzrisiko-Patienten Quelle: dpa

Was wird das Schwerpunktthema der diesjährigen Telemed-Konferenz sein?

Die zentrale Botschaft ist, dass eHealth und Telemedizin keine Zukunftsmusik sind, sondern heute schon stattfinden! Dabei bilden Nutzerorientierung und Nutzenbewertung den fachlichen Schwerpunkt der Tagung. Nutzerorientierung steht dafür, dass Patientinnen und Patienten sowie die Gesundheitsberufe z.B. durch digitale Befundübermittlung einen echten Mehrwert erfahren: zum Beispiel raschere Diagnosen und besser überwachte Behandlung. Die Nutzenbewertung spricht das Problem an, dass telemedizinische Methoden in der Patientenversorgung zwar zunehmend eingesetzt werden – aber bei weitem noch nicht überall dort, wo sie potentiell Nutzen stiften können! Für die Aufnahme neuer Verfahren in die Routineversorgung, d.h. zu Lasten der gesetzlichen Krankenversicherung, hat unsere Sozialgesetzgebung strenge Regeln definiert. In Anbetracht der heute schon erkennbaren Versorgungsengpässe in einigen Flächenländern ist eine konstruktive Diskussion über die Nutzenbewertung dringend notwendig.
Ärzte und Schwestern werten Daten zur Überwachung von Herzrisiko-Patienten aus, Quelle: dpa
Inwiefern ist ein Ausbau der Telemedizin für die medizinische Versorgung in der Region Berlin-Brandenburg wichtig?
Im Großraum Berlin-Brandenburg besteht heute schon in einigen vornehmlich ländlichen Bereichen eine regionale medizinische Unterversorgung, z.B. durch Facharztmangel. Dies ist das Resultat einer Überalterung der Bevölkerung und eines zunehmenden Personalmangels im Gesundheitswesen. Telemedizinische Versorgungsmodelle ermöglichen eine bessere Vernetzung und damit effizientere Nutzung bestehender Kapazitäten. Zudem verbessern sie die Versorgung von chronisch schwerkranken Patienten durch Ergänzung der hausärztlichen Betreuung. Bekannte Beispiele hierfür sind etwa FONTANE, telekardiologisches Netzwerk Nord-Brandenburg, das in Zusammenarbeit mit der Charité die Betreuungsqualität für Herz-Kreislauf-Patienten verbessert, und das telemedizinische Zentrum Lausitz (Telemedizin in Südwest-Brandenburg).

Aus der Versorgung kaum noch wegzudenken sind die Schlaganfallnetzwerke u. a. in Zusammenarbeit mit der Charité und dem Unfallkrankenhaus Berlin (UKB), die eine wirksame Frühbehandlung von Erkrankten ermöglichen. Zur Koordination haben sich die „Stroke Units“ und Rehabilitationsangebote vorhaltenden Schlaganfallversorgungseinrichtungen in der Berliner Schlaganfall-Allianz (BSA) zusammengefunden, die vom Centrum für Schlaganfallforschung Berlin (CSB) an der Charité initiiert wurde. Im Rahmen der Vernetzung führt beispielsweise das UKB auch die Befundung zahlreicher Röntgenbilder für kleinere Krankenhäusern durch (Teleradiologie). Auch über die Patientenversorgung hinaus erfolgt die Vernetzung – über das bundesweit agierende Kompetenznetz Schlaganfall besteht direkte Anbindung an die aktuelle medizinische Forschung.

In welchen medizinischen Bereichen in Berlin und Brandenburg könnte die Telemedizin noch gestärkt und ausgebaut werden?

Ein Feld mit Potential ist die Schnittstelle zwischen Patientenversorgung und medizinischer Forschung – Patienten sollte überall in der Region die Möglichkeit gegeben werden, an Forschungsprojekten mitzuwirken und von diesen auch zu profitieren. Wie Patienten überhaupt für klinische Studien unter Nutzung gesundheitstelematischer Technologien identifiziert und angesprochen werden können, wie weiterhin vorhandene Daten aus der Patientenversorgung unter Einhaltung aller Standards von Datenschutz und Ethik für Auswertungen in der klinischen, epidemiologischen und Versorgungsforschung genutzt werden können – das wird auf der TELEMED auch Thema einer Session zur Sekundärdatennutzung sein.

Vor welchen Herausforderungen steht die Telemedizin derzeit?
Telemedizinisch unterstützte Behandlungsverfahren sollten für die Patientinnen und Patienten, die nachweislich davon profitieren, flächendeckend zur Verfügung stehen und dabei auch durch die Krankenkassen/Kostenträger finanziert werden. Damit sind telemedizinische Verfahren auch in die Aus-, Fort- und Weiterbildung aller ärztlichen Disziplinen zu integrieren. Wie für andere medizinische Bereiche, wie z.B. Hygiene, sind sinnvolle Mindestanforderungen und Qualitätssicherungsverfahren zu entwickeln.
Eine elektronische Gesundheitskarte der Techniker Krankenkasse steckt in einem mobilen Lesegerät (Bild dpa)

Ein Thema auf der TELEMED wird auch die elektronische Gesundheitskarte sein. Kritiker sagen, dass das e-Card-Projekt in seinen anfänglich propagierten Zielsetzungen für bessere Medizin und Kosteneinsparungen in Milliardenhöhe längst gescheitert ist und die Daten der Patienten nicht sicher sind. Was entgegnen Sie auf diese Kritik?

Mit der Betonung der Nutzenorientierung macht die TELEMED deutlich, dass der Aufbau einer Telematikinfrastruktur mit der elektronischen Gesundheitskarte auf gar keinen Fall nur Selbstzweck sein kann. Es stellt sich daher eher die Frage, was mit der neuen Infrastruktur erreicht werden kann, die von den Krankenkassen mit der Ausgabe der neuen Karten an alle Versicherten zumindest rudimentär vorbereitet ist.

Dabei sind auch nochmals die Grundideen für die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte zu überprüfen. Nicht anschließen können sich die Gesellschafter der TELEMED der Kritik an der Sicherheit der Patientendaten. Hier hat Deutschland gerade im internationalen Vergleich hervorragende Sicherheitsstandards definiert, die Hintertüren für einen unbefugten Zugriff systembedingt vermeiden. Defizite bestehen eher in der Nutzer- und Nutzenorientierung, nicht bei Datenschutz und Datensicherheit.

Wie steht Deutschland im Bereich der Telemedizin im internationalen Vergleich da?
Alle international etablierten telemedizinischen Projekte und Anwendungen sind auch in Deutschland eingeführt, Deutschland liegt damit insgesamt im guten Mittelfeld. Technologisch ist Deutschland in einigen Bereichen Spitzenreiter. Allerdings ist die Einbettung von Telemedizindiensten in die flächendeckende Routine-Gesundheitsversorgung in einigen Ländern oder Regionen deutlich besser gelöst. Weiter bedeuten die großen Verzögerungen bei der elektronischen Gesundheitskarte, dass die auch für die Telemedizin dringend benötigte flächendeckende sichere Infrastruktur noch fehlt.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch mit Dr. Carl Dujat, Dr. Stephan Schug und Sebastian Semler führte Nadine Bader.