
rbb Praxis Interview -
Etwa 1,1 Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland sind übergewichtig, hinzu kommen weitere mit Adipositas. rbb Praxis-Reporterin sprach darüber mit PD Dr. Susanna Wiegand. Sie ist Sprecherin der Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindes- und Jugendalter (AGA) der Deutschen Adipositas Gesellschaft.
Frau Wiegand, etwa 1,1 Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland sind übergewichtig, hinzu kommen weitere 800.000, die sogar fettleibig, adipös sind. Inwiefern kann es bei diesen jungen Patienten angebracht und ethisch vertretbar sein, sie chirurgisch zu behandeln, ihren Magen oder Darm operativ zu verkleinern?
Diese so genannte bariatrische Chirurgie wird bei stark adipösen Erwachsene schon seit vielen Jahren angewandt. Dass wir sie für Jugendliche überhaupt in Erwägung ziehen, liegt daran, dass es immer mehr wirklich extrem adipöse Jugendliche gibt, die unter erheblichen Begleiterkrankungen leiden, zum Beispiel unter Atemaussetzern im Schlaf oder Diabetes.
In besonders schweren Einzelfällen stellt sich die Frage, ob eine Operation die letzte verbliebene Chance sein könnte – wenn bereits über einen längeren Zeitraum vergeblich alles versucht wurde, um das Gewicht zu reduzieren und die Folgeerkrankungen zu behandeln. Und selbst dann muss die Entscheidung für eine Operation mit größter Vorsicht und von einem interdisziplinären Team getroffen werden.

Welche Verfahren kommen dabei vor allem zum Einsatz?
Gängig ist zum einen das so genannte Magenband. Dabei wird um den Mageneingang ein fester Ring gelegt, so dass nur noch wenig Nahrung hindurch kommt. Der Haken: Gerade Jugendliche nehmen viele Kalorien auch über energiereiche Getränke zu sich. Außerdem verändert sich das Appetit-Empfinden nicht. Essanfälle bei einem Magenband können zu Erbrechen führen. Auch gibt es längerfristige Komplikationen, wenn sich etwa das Band verschiebt. Aber immerhin ist das das einzige Verfahren, was man rückgängig machen kann, ja, man muss das Band sogar nach einer Weile entfernen.
Dann gibt es noch zwei irreversible Verfahren: Erstens den so genannten Schlauchmagen – bis zu 80 Prozent des Magens werden entfernt, es kann nur noch wenig gegessen werden. Dabei verändert sich auch die hormonelle Situation: Es werden weniger der so genannten Hunger-Hormone im Magen produziert, die OP wirkt sich also auch auf die Appetitregulation aus. Welche Langzeitfolgen das hat, wissen wir aber noch kaum.
Zweitens gibt es den Magen-Bypass, der zur drastischsten Gewichtsreduktion führt. Dabei werden Teile des Dünndarms operativ ausgeschaltet – danach kann nur noch die Hälfte oder nur noch ein Drittel der Nährstoffe aus der Nahrung wirklich aufgenommen werden. Deswegen müssen diese Patienten – momentan meist auf eigene Kosten – lebenslang Vitamine, Spurenelemente, teilweise auch Eiweißpräparate zu sich nehmen. Das müsste engmaschig ernährungstherapeutisch betreut und kontrolliert werden.
Sie sehen eine Operation an Magen und Darm also nur als ultima ratio bei Kindern und Jugendlichen – warum?
Jugendliche haben noch einen langen Lebensweg vor sich. Ein Verfahren, das dazu führt, dass stark Gewicht abgenommen wird, kann auch zu einer krassen Mangelernährung führen mit allen möglichen Folgen: Ausbleiben der Regelblutung, Knochenentkalkung, Probleme mit der weiteren Hirnentwicklung. All diese Dinge sind sehr viel schwerwiegender, wenn man noch in der Entwicklung ist. Deswegen kann und darf eine Adipositas-Operation bei Jugendlichen nur die absolute Ausnahme sein und auch erst nach Abschluss der körperlichen Entwicklung erfolgen. Bei Kindern kommt sie in meinen Augen gar nicht in Frage.
Bei dem Magen-Bypass, dem radikalsten Verfahren, verlieren erwachsene Patienten etwa 35 Prozent ihres Body-Mass-Index. Ist das von Dauer? Es gibt Berichte von Patienten, die in den Folgejahren wieder zugenommen haben.
Da sind wir bei einem weiteren Problem: Es gibt im Moment keine Verpflichtung, operierte Patienten kontinuierlich nachzuverfolgen. Und die Krankenkassen übernehmen die Kosten dafür auch nicht. Nur dann könnten wir aber wirklich seriöse Aussagen über die langfristigen Vor- und Nachteile wirklich seriöse Aussagen treffen.
Bisher wurden in Deutschland maximal 1.000 Jugendliche bariatrisch operiert – in den USA sind es schon rund 12.000. Befürchten Sie, dass es einen Trend geben könnte, Adipositas bei Jugendlichen operativ zu behandeln?
Das ist im Moment sicher eine Gefahr. Familien, die zu uns ins Adipositaszentrum kommen, fragen häufiger nach Operationsmöglichkeiten für ihre Kinder. Es klingt natürlich auch erstmal verlockend: Ich lege mich unters Messer, lass mich operieren und mein Problem ist gelöst. Aber so ist es nicht. Und meine persönliche Erfahrung ist, dass das den Familien schnell klar wird, wenn man mit ihnen offen und ausführlich diskutiert. Oft sind es auch die Jugendlichen selbst, die abgeschreckt sind – und dann doch noch mal lieber auf andere Art und Weise versuchen abzunehmen.
Die Chirurgen sehen den Einsatz von operativen Verfahren bei adipösen Jugendlichen nicht ganz so "eng“ wie Sie. Sie verweisen auf Studien, wonach therapeutische und präventive Behandlungsansätze, wie zum Beispiel Verhaltenstrainings, bei adipösen Jugendlichen kaum Wirkung zeigen.
Das kann man so einfach nicht sagen. Es gibt durchaus präventive Maßnahmen, die sehr gut wirken. Ein ganz einfaches Beispiel: Das Aufstellen von Trinkwasserspendern in der Schule hat nachweislich einen guten präventiven Effekt. Solche Maßnahmen werden aber nicht flächendeckend umgesetzt. Das Angebot ist überhaupt nicht ausreichend. Ein weiteres Problem ist, dass Adipositas bei Kindern und Jugendlichen bisher nicht als chronische Erkrankung anerkannt wird.
Deswegen gibt es keine Behandlungskette, sondern man erwartet, dass einzelne Therapiemaßnahmen ausreichen. Diese Sichtweise ist falsch! Jedes Kind mit Asthma wird selbstverständlich kontinuierlich betreut - und ein extrem adipöses Kind schicke ich sechs Wochen in die Kur und bin verblüfft, dass es nach zwei Jahren wieder zugenommen hat. Das ist völlig paradox.
Das Problem ist ja nicht, dass die Kinder ihr Gewicht nicht reduzieren können, sondern dass sie es nach einer erfolgreichen Gewichtsreduktion oft nicht halten können. Wenn wir da umdenken und entsprechende Angebote schaffen würden, dann hatten wir meiner Meinung nach auch therapeutisch wesentlich mehr Erfolge. Solange man das nicht ernsthaft über Jahre probiert hat, kann man kein seriöses Urteil über den Erfolg oder Nicht-Erfolg von therapeutischen Verfahren fällen.
Das Gespräch führte Anna Corves.



