
rbb PRAXIS Interview -
Hausnotrufdienst, Blutspendedienst, Kinder- oder Seniorenbetreuung – die Angebote des DRK sind vielfältig. Rund um den Weltrotkreuztag wirbt das Rote Kreuz für seine Freiwilligendienste. Neben dem "Klassiker", dem Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ), geht es auch um den Bundesfreiwilligendienst (BFD), der als Ersatz für den weggefallenen Zivildienst geschaffen wurde. rbb PRAXIS hat mit Leopoldine Kawan, Leiterin der Freiwilligendienste, und Rüdiger Kunz vom Roten Kreuz Berlin über die verschiedenen Einsatzmöglichkeiten gesprochen.
rbb PRAXIS: Mit welchem Ziel bietet das Rote Kreuz die Freiwilligendienste an?
Leopoldine Kawan: Wir wollen Menschen dazu anregen, sich bürgerschaftlich und sozial zu engagieren. Zudem wollen wir den Teilnehmenden einen Einblick in Lebensbereiche ermöglichen, die ihnen ansonsten nicht zugänglich wären und den Freiwilligen somit auch ein Stück weit Orientierung für ihr eigenes Leben bieten.
rbb PRAXIS: Welche Freiwilligendienste gibt es bei Ihnen, wer kann sich bewerben und wie wird die Tätigkeit honoriert?
Leopoldine Kawan: Das DRK bietet das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ) oder den vor rund zwei Jahren eingeführten Bundesfreiwilligendienst (BFD) an. Das FSJ ist für junge Menschen im Alter zwischen 17 und 27 Jahren bestimmt. Der BFD ist für Freiwillige jeden Alters gedacht. Der Einsatz im Bundesfreiwilligendienst ist wie im FSJ in der Regel auf zwölf Monate, mindestens sechs und höchstens 18 Monate angelegt. Freiwillige ab dem vollendeten 27. Lebensjahr können sich im BFD auch in Teilzeit mit mehr als 20 Stunden pro Woche engagieren. Die Freiwilligen erhalten eine monatliche Aufwandsentschädigung von rund 300 Euro und sind beim Träger eine sozial-, unfall- und haftpflichtversichert. Teilweise werden Unterkunft und Verpflegung gestellt.
rbb PRAXIS: In welchem Spektrum gibt es Einsatzmöglichkeiten?
Leopoldine Kawan: Die Einsatzmöglichkeiten sind sehr breit gefächert. Das geht von Stellen in Krankenhäusern, Altenheimen, Behinderteneinrichtungen oder Kindergärten bis hin zu nicht-pflegerischen Stellen im Hausnotruf- oder Blutspendebereich.
rbb PRAXIS: Wie läuft das Bewerbungsverfahren ab und nach welchen Kriterien wählen Sie aus?
Leopoldine Kawan: Interessenten sollten sich schriftlich mit einer Motivationsbegründung bewerben. Danach erfolgt ein persönliches Vorstellungsgespräch, um gemäß den Interessen und Fähigkeiten des Bewerbers die entsprechende Einsatzstelle zu finden. Sowohl aus der Motivationsbegründung als auch dem persönlichen Gespräch muss klar für uns hervorgehen, dass der Bewerber wirklich soziale Verantwortung übernehmen und nicht nur Zeit "überbrücken" möchte. Wenn uns der Bewerber überzeugt hat, bieten wir eine konkrete Einsatzstelle an. Meist besteht die Möglichkeit, einen Tag lang bei der vorgesehenen Einsatzstelle zu hospitieren. Wenn dann sowohl der Bewerber als auch die Einrichtung zustimmen, wird ein Vertrag abgeschlossen. Dieses Jahr hatten wir in Berlin etwa 1300 Bewerbungen für 260 FSJ-Stellen und etwa 300 Bewerbungen für derzeit 13 BFD-Stellen. Wir würden gerne mehr Stellen anbieten, aber mehr ist im Augenblick nicht möglich, weil die staatliche Finanzierungsförderung begrenzt ist.
rbb PRAXIS: Der vor rund zwei Jahren eingeführte Bundesfreiwilligendienst sollte den weggefallenen Zivildienst kompensieren. Hat das geklappt?
Rüdiger Kunz: Rein rechnerisch ist die Kompensation über den Bundesfreiwilligendienst gar nicht möglich. Jährlich standen bis 2011 deutschlandweit rund 100.000 Zivildienstleistende zur Verfügung. Die staatliche Förderung des Bundesfreiwilligendienstes ist aber derzeit mit 35.000 Stellen jährlich gedeckelt. In Berlin und Brandenburg waren wir von der Abschaffung des Zivildienstes mit dem Wegfall der Wehrpflicht nicht so stark betroffen, weil es hier im Vergleich zum Süden Deutschlands gar nicht so viele Zivi-Stellen gab. Es sind aber auf jeden Fall Lücken entstanden, die wir in Berlin geschlossen haben, indem wir die Zivi-Stellen schon frühzeitig umgewandelt haben: etwa 90 Prozent in FSJ-Stellen und etwa zehn Prozent in reguläre sozialversicherungspflichtige Stellen. So waren wir nicht angewiesen auf eine Kompensation über den Bundesfreiwilligendienst, die auch gar nicht ausgereicht hätte. Für den Bundesfreiwilligendienst haben wir neue Stellen geschaffen. Es bewerben sich bei uns viele Senioren, die gar nicht die typischen Zivi-Tätigkeiten übernehmen könnten, deshalb haben wir viele der BFD-Stellen extra auf das neue Bewerberklientel zugeschnitten – etwa auf eine Seniorin, die im Altersheim Kuchen backt und bei der Betreuung hilft.
rbb PRAXIS: Was entgegnen Sie auf Kritik, mit Freiwilligendienststellen würde die Schaffung von regulären Arbeitsplätzen umgangen?
Rüdiger Kunz: Wir verstehen Freiwilligendienste wie das FSJ als Lerndienste und als Lernphasen, die den Teilnehmenden ermöglichen, in bestimmte Bereiche hineinzuschnuppern und nicht als Hilfsarbeiten. Die Freiwilligen verrichten unterstützende zusätzliche Tätigkeiten und der Anspruch ist ein ganz anderer als an einen regulären sozialversicherungspflichtigen Job.
Leopoldine Kawan: Beim Freiwilligendienst soll auch immer die Möglichkeit bestehen, dass die Teilnehmenden sich auf ganz persönliche Weise einbringen und sie gegebenenfalls innerhalb der Zeit ein kleines Projekt anregen und durchführen können. Außerdem wird der Freiwilligendienst pädagogisch begleitet - beim FSJ sind hierfür 25 Seminartage eingeplant.
rbb PRAXIS: Welche positiven Veränderungen bemerken Sie gerade bei jüngeren Teilnehmern?
Leopoldine Kawan: Die jungen Teilnehmer werden sensibler gegenüber gesellschaftlichen Belangen. Und sie treffen viel reifere Entscheidungen, besonders auch bezüglich ihrer Berufswahl. Für junge Menschen, die Orientierung suchen, kann das einen gelungenen Start ins Erwachsenenleben bedeuten.
Vielen Dank für das Gespräch.
Das Gespräch führte Nadine Bader





