- Was tun bei Giftunfällen?

Chemikalien und Medikamente sollten immer verschlossen und für Kinder unzugänglich aufbewahrt werden. Trotzdem kommt es immer wieder zu Giftunfällen. Was ist zu tun, wenn das Kind eine giftige Substanz geschluckt hat? rbb PRAXIS führte dazu ein Interview mit Daniela Acquarone, stellvertretende Leiterin Giftnotruf der Charité Universitätsmedizin Berlin, CharitéCentrum für diagnostische und präventive Labormedizin CC05.

Jeder kennt die Geschichte von den Kindern, die unbekümmert rote Beeren vom Baum pflücken. Passiert das heute immer noch oder sind unsere Kinder schon so aufgeklärt, dass sie die Gefahr kennen?
Trotz Präventionsbemühungen passiert es auch heute, dass Kinder unbekannte Früchte probieren; sobald Kleinkinder anfangen ihre Umwelt neugierig zu erobern, stecken sie alles in den Mund, insbesondere, wenn etwas schön rot leuchtet! Beeren werden vor allem von Kleinkindern probiert. In der Gruppe der Kinder, die jünger als sechs Jahre sind, stehen Pflanzen an dritter Stelle der Häufigkeit.

Welches sind die häufigsten Giftunfällen (Medikamente, Putzmittel oder Livestyle-Drogen)?
Hier muss man zwischen versehentlichen und suizidalen Vergiftungsunfällen unterscheiden. Bei den versehentlichen Unfällen stehen sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen Haushalts- und Drogerieprodukte an erster Stelle, meist enthalten sie Tenside, die schäumen. Im Rahmen von Suizidversuchen nehmen die Patienten überwiegend Medikamente ein.

Welches sind die gefährlichsten Substanzen?
Gefährlich unter den Haushalts- und Drogerieprodukte sind vor allem Grill- und Rohrreiniger, denn sie sind ätzend. Außerdem sind Grillanzünder und Lampenpetroleum sehr gefährlich, denn sie können versehentlich in die Atemwege gelangen. Es besteht also eine sogenannte Aspirationsgefahr.

Was sind die üblichen Maßnahmen, was wird beim Giftnotruf am häufigsten gemacht?
Der Giftnotruf gibt Empfehlungen, wie im akuten Fall vorzugehen ist. Wir behandeln die Patienten also nicht selbst. Was wir häufig empfehlen:
Einem bewusstseinklaren Kind wird praktisch immer eine wässrige Flüssigkeit (Tee, Wasser, Saft) empfohlen. Hat ein Patient ein schäumendes Produkt wie zum Beispiel Haarshampoo, Spülmittel oder Allzweckreiniger aufgenommen, braucht er vor der Gabe der Flüssigkeit einen Entschäumer. Zudem empfehlen wir gelegentlich, medizinische Kohle zu geben. Sie verhindert, dass ein Gift im Magen-Darm-Trakt resorbiert wird. Diese Maßnahme muss jedoch immer mit dem Giftnotruf direkt abgesprochen werden. Dringend abzuraten ist von der immer noch häufig praktizierten Maßnahme „Finger in den Hals“.

Wann ist Erbrechen denn hilfreich?
Erbrechen sollte nur provoziert werden, wenn ein Kind beispielsweise größere Mengen hoch giftiger Pflanzen beziehungsweise hochtoxischer Substanzen oder Medikamente aufgenommen hat. In diesen Fällen soll dies in Absprache mit dem Giftnotruf ausschließlich durch medizinisches Personal erfolgen!

Wie lassen sich Giftunfälle überhaupt erst vermeiden?
Wichtig ist, dass vor allem im Haushalt mit Kindern alle Chemikalien und Medikamente immer abgeschlossen und für Kinder unzugänglich aufbewahrt werden. Alle Medikamente, Chemikalien, Reinigungs- und Putzmittel sollten zudem immer im beschrifteten Originalbehälter belassen bleiben und nicht in Trinkflaschen umgefüllt werden. Das gilt auch für die Werkstatt, den Keller oder die Bastelecke. Wenn das Umfüllen unvermeidlich ist, kennzeichnen Sie das neue Gefäß deutlich. Auch einzelne Tabletten und Tagesmedikamente dürfen Sie nicht frei herumliegen lassen. Bezeichnen Sie Medikamente vor Kindern zudem nie als „Bonbons“!

Wie verhalte ich mich, wenn ich einen Vergifteten treffe?
Bewahren Sie Ruhe, geben Sie dem Vergifteten – sofern er bewusstseinklar ist - Tee oder Wasser zu trinken und rufen sie sofort den regionalen Giftnotruf!

Wo kann ich lernen, wie ich mich richtig verhalte?
Es gibt Elternkurse, in denen sie die wichtigsten Maßnahmen zur Prävention lernen. Auf der Homepage des Giftnotrufs bieten wir außerdem Informationsangebote. Hier lernen Interessierte, welche Erstmaßnahmen wichtig sind, wie Sie Ihr Zuhause „giftsicher“ gestalten oder was es in akuten Notfällen mit Giftpflanzen zu tun ist. Zudem gibt es bei dem Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) und der Bundesarbeitsgemeinschaft „Mehr Sicherheit für Kinder“ weitere Informationsangebote, Broschüren etc.

Was sollte man im akuten Notfall niemals tun sollten und warum nicht?
1) Kein Erbrechen auslösen! Grundsätzlich kann das zu mechanischen Schäden führen. Bei schäumenden Produkten droht die Schaumaspiration; dabei atmet der Patient den Schaum ein. Bei ätzenden Produkten führt die wiederholte Passage durch die Speiseröhre dazu, dass die Schleimhaut ein zweites Mal geschädigt wird.
2) Auf keinen Fall Salzwasser! Da schon bei einer geringen Menge Kochsalzlösung kann es zu einer lebensbedrohlichen Kochsalzvergiftung kommen.
3) Keine Milch! Milch fördert die Resorption vieler Substanzen.

Welche Informationen braucht die Giftnotzentrale, um reagieren zu können?
Folgende Fragen sollte der Anrufer beantworten können:
• Wer ist betroffen? (Kind/Erwachsener, Alter, Gewicht)
• Was wurde aufgenommen?
• Wie viel wurde aufgenommen?
• Wann ist es passiert?
• Was für Symptome sind aufgetreten?
• Was wurde bisher unternommen?

Wie oft werden Sie zu Notfällen gerufen?
Im 2011 haben wir 43 336 Anfragen zu vermuteten oder tatsächlichen Vergiftungsunfällen beantwortet; in den Jahren zuvor waren die Zahlen ähnlich hoch.

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