Renate Dröse

rbb Praxis Interview - 'Pure Lebensqualität' nach Brustrekonstruktion

15 Jahre ist es her, als Renate Dröse die Diagnose erhält: Brustkrebs. Ihre rechte Brust wird daraufhin entfernt, sie entscheidet sich zunächst gegen eine Rekonstruktion. Zehn Jahre später ändert sie ihre Meinung - auch weil die Medizin inzwischen Fortschritte gemacht hat. rbb Praxis sprach mit der 66-Jährigen.

Frau Dröse, bei Brustkrebs-Patientinnen muss glücklicherweise immer seltener eine Brust komplett abgenommen werden – Warum musste bei Ihnen die rechte Brust entfernt werden?

Ich hatte einen sehr aggressiven Krebs, der in den Milchgängen saß. Und da diese strahlenförmig die Brust durchziehen, haben mir die Ärzte im Krankenhaus dringend geraten, die betroffene rechte Brust abnehmen zu lassen. Nach kurzem Überlegen habe ich eingewilligt. Das war aber auch 1998. Heute wäre ich, wären die Ärzte damit vielleicht ein wenig vorsichtiger gewesen. Aber trotz allem: Ich denke, ich habe damals richtig entschieden.

Als Sie wussten, dass Sie eine Brust verlieren werden – wie sind Sie damit klargekommen?

Ich bin im ersten Moment richtig vom Stuhl gerutscht, habe gedacht, die Welt bricht zusammen. Direkt nach der Operation hatte ich große Schwierigkeiten. Ich konnte nicht an mir runtergucken. Diese fehlende Brust, der tiefe Krater und die Narbe, die jeden Tag verbunden wurde - das war furchtbar. Nach einer Woche habe ich dann aber einen Spaziergang über das Klinikgelände gemacht. Mir kam mir jemand im Rollstuhl entgegen, der wirklich sehr stark behindert war – in dem Moment habe ich mir gesagt: Anderen Menschen fehlt ein Arm oder Bein, das ist viel schlimmer. Du kannst nach wie vor alles machen. Was ist wichtiger: Eine Brust oder zu leben? Am nächsten Morgen habe ich dann auch beim Verbinden der Narbe an mir runtergeguckt und gedacht: Ja, damit kann ich weiterleben.

Stab zeigt auf das Röntgenbild einer Mammographie-Untersuchung. Quelle: dpa Fotoreport

Inwieweit hat der Eingriff Ihr Leben verändert?

Es war nicht einfach in der Partnerschaft. Für Männer ist es anscheinend sehr schwer, mit so einem Einschnitt umzugehen. Das war eine schwierige Zeit. Und dann waren da noch die alltagspraktischen Probleme. Zunächst konnte ich keine Epithesen, keine Einlage im BH, nutzen, weil die Narbe noch zu frisch war, ich wegen der Krebserkrankung auch noch bestrahlt wurde. Ich habe dann immer versucht, mit Tüchern meine rechte flache Brustpartie zu verdecken. Später konnte ich zwar eine Epithese tragen, aber weil meine verbliebene Brust recht groß ist, war sie recht groß und schwer, drückte auf die Schulter. Die Materialien waren damals auch noch nicht so gut. Weil die Epithese auch verrutscht ist, wenn ich mich etwa nach vorne gebeugt habe, und man dann so einen Krater gesehen hat, habe ich immer hoch geschlossene Kleidung getragen. Das hat mich schon belastet.

Warum haben Sie sich trotzdem erst gegen einen Brustaufbau entschieden?

Mein behandelnder Professor hat mich schon vor der Brustamputation über die Möglichkeiten eines Aufbaus informiert – immerhin, das war Ende der 90er ja noch nicht selbstverständlich, obwohl es wohl Einfluss auf die Operationsweise hat. Aber ich fand die damaligen Methoden einfach abschreckend. Ich habe von Frauen gehört, die schlechte Erfahrungen mit den Silikon-Implantaten gemacht hatten. Und die Variante, wo die Brust mit Gewebe vom großen Rückenmuskel nachgebaut wird – da hatten manche Frauen hinterher Schmerzen, wenn sie ihren Arm bewegt haben. Das wollte ich alles nicht. Erst als ich 10 Jahre später das erste Mal von der "diep flap-Methode" hörte, bei der die Brust mit aus dem Bauch entnommenen Gewerbe wieder aufgebaut wird, da bin ich hellhörig geworden.

Sie haben sich dann 2008 nach der diep flap-Methode operieren lassen. Das ist ein schwerer Eingriff. Hatten Sie sich in den zehn Jahren nach der Amputation nicht schon daran gewöhnt, nur eine Brust zu haben?

Nein! Man gewöhnt sich nicht daran, auch nicht, wenn man schon über 60 ist. Diese Epithese war wirklich störend und unangenehm. Und ich wollte im Sommer endlich mal wieder ein bisschen Ausschnitt tragen. Ich habe oft neidisch auf Frauen geguckt, die so einen kleinen Ausschnitt hatten, wo man ganz zart die Brustansätze sieht. Das ging bei mir nicht, da war gleich dieser Krater. Ich wollte mich wieder ein bisschen mehr als Frau fühlen. Dieser Gedanke, der war jeden Sommer da. Da geht es um mehr als nur um das Ästhetische. Deswegen übernehmen auch die Krankenkassen die Kosten. Ich wollte diese Operation. Für mich. Man sollte so eine Operation nie für irgendjemand anderen machen, weil der Mann einen vielleicht dazu drängt. Das ist ein wirklich schwerer Eingriff. Jede Frau muss für sich selbst wissen, ob ihr die Brust das Risiko wert ist.

Der Eingriff ist bei Ihnen gut verlaufen. Als die Operationsmühen hinter Ihnen lagen – Wie war es dann, wieder eine rechte Brust zu haben?

Das war ein ganz erhabenes Gefühl! Als ich endlich diesen Brustansatz sehen konnte, war ich begeistert, wusste, dass sich das alles gelohnt hat. Ich bin sehr zufrieden mit dem Ergebnis, die Narben an Brust und Bauch sind gut verheilt. Ich kann mich im Strandbad endlich wieder um- und ausziehen wie alle anderen Frauen, ohne dass jemand hinstarrt oder ich mit der Epithese herumhantieren muss. Wenn man nicht betroffen ist, dann kann man das wahrscheinlich schlecht nachvollziehen, aber ich fühle mich einfach viel freier. Das ist ein ganz anderes Körpergefühl. Das an mir Heruntergucken macht wieder Spaß, ich fühle mich wieder als vollkommene Frau. Das ist toll, das ist für mich pure Lebensqualität.

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Dröse.


Das Gespräch führte Anna Corves.



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