Ärzte und Assistenten stehen in einem Operationssaal einer deutschen Klinik (Bild: DPA)

rbb Praxis Interview - Deutscher Krebskongress 2014: 'Optimale Versorgung von Krebspatienten'

Von 19. bis 22. Februar findet der Deutsche Krebskongress 2014 in Berlin statt. Unter dem Motto "iKON – Intelligente Konzepte in der Onkologie“ diskutieren Mediziner über neue Forschungserkenntnisse und Herausforderungen in der Onkologie. rbb PRAXIS sprach darüber mit dem Kongresspräsidenten Prof. Dr. Michael Hallek, Direktor der Klinik für Innere Medizin an der Universität zu Köln.

Die Onkologie gehört zu den medizinischen Fachgebieten, die sich derzeit am schnellsten entwickeln. Welche neuen Forschungserkenntnisse gibt es?
Der größte Fortschritt zurzeit liegt in der medikamentösen Therapie von Tumorerkrankungen. Hier werden die Früchte einer jahrzehntelangen genetischen und molekularbiologischen Forschung an Krebserkrankungen geerntet. Wir haben somit Medikamente zur Verfügung, welche bestimmte Signalwege in den Tumorzellen gezielt unterbrechen und somit das Tumorwachstum verlangsamen oder stoppen. Der Einsatz dieser Medikamente wird die nächsten zwei Jahrzehnte bestimmen, und die Forschung hierzu hat gerade erst begonnen.

Der Deutsche Krebskongress (DKK) richtet seinen Fokus auf Individualisierung, Interdisziplinarität und Innovationen. Was ist mit den Begriffen konkret gemeint?
Der DKK bietet die Chance, mit allen an der Behandlung von Patienten mit Krebs beteiligten Gruppen neue Wege zu intelligenten Konzepten in der Onkologie zu diskutieren. Hierfür sind Interdisziplinarität, Innovation und Individualisierung elementare Bausteine.

Interdisziplinarität: Der DKK ist der größte deutschsprachige Kongress der alle Fachdisziplinen vereint, die an der Behandlung und Erforschung von Krebserkrankungen beteiligt sind. Die immer komplexere Behandlung erfordert eine zunehmend intensivere Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Fachdisziplinen allein schon in der täglichen Behandlung. Um neue Konzepte der Behandlung für die Zukunft zu erarbeiten, ist dies somit eine Grundvoraussetzung. Noch arbeiten die Fachdisziplinen aus historischen Gründen häufig zu wenig verzahnt. Durch den DKK wollen wir einen wichtigen Beitrag leisten, um dies zu ändern.

Innovation: Um die neuen Behandlungskonzepte intelligent umzusetzen, brauchen wir Innovation aus der Grundlagenwissenschaft, der klinischen Wissenschaft, aber auch Innovation im Bereich der Strukturbildung und Wissenschaftsförderung. In Deutschland haben wir in vielen Bereichen der Onkologie in einzelnen Aspekten eine gute Grundlage, um die Behandlung von Patienten mit Tumoren entscheidend zu verbessern. Die Sicherung dieser Innovation und die ausreichende Unterstützung der notwendigen translationalen, klinischen und Versorgungsforschung ist eine große Herausforderung, die aber der einzige Weg sind, um neue Prinzipien in die Onkologie einführen zu können.

Individualisierung: Die Therapie in der Onkologie wird immer individualisierter, da zunehmend die entscheidenden und für den Tumor relevanten zellulären Mechanismen verstanden werden. Eine immer feinere Diagnostik des Tumors vor allem auf molekularer Ebene findet ihren Eingang in den klinischen Alltag. Damit wird in Zukunft der Patient nicht mehr nur im Hinblick auf seine Persönlichkeit und seine speziellen medizinischen Besonderheiten sondern auch in Hinblick auf die spezifischen molekularen Eigenschaften des Tumors individuell behandelt. Auf dem DKK wollen wir die verschiedenen Fachdisziplinen zusammenführen, die sich mit dem Thema der Individualisierung der Therapie auseinandersetzen.

Vor welchen Herausforderungen steht die Krebsmedizin heute? Es gibt in der Onkologie einen erheblichen Erkenntnisgewinn, der sich kontinuierlich fortsetzt, und zwar mit außerordentlicher Geschwindigkeit. Unsere wichtigste Aufgabe ist derzeit, diesen Erkenntnisfortschritt umzusetzen in eine anwendbare und bezahlbare Behandlung der Patienten. Viele Fragen dazu, wie diese Aufgabe zu bewältigen ist, sind noch offen.

So wird immer wieder befürchtet, dass die Diagnostik, vor allem die molekulare Diagnostik, und die Therapie bei Krebserkrankungen extrem teuer und kaum zu finanzieren sein werden. Im Moment werden Neuerungen oft als Bedrohung empfunden, weil sie mit erhöhten Kosten verbunden sind. Von dieser Einstellung müssen wir unbedingt wegkommen, weil sie innovationsfeindlich und nicht gerechtfertigt ist. Aber wir werden neue Wege gehen müssen, um eine optimale Versorgung von Krebspatienten zu vertretbaren Kosten zu gewährleisten.

Welche Krebserkrankungen werden im Fokus des Deutschen Krebskongresses stehen?
Wir haben versucht, zu sehr vielen Tumorarten Sitzungen zu gestalten. Unsere Plenarsitzungen sind für Haupttumorarten wie Hautkrebs, Darmkrebs, Brustkrebs, Leukämien und Lymphome, Gynäkologische Tumoren, Lungenkarzinom und das Prostatakarzinom geplant. Erstmalig wird es auch eine Plenarsitzung zu Kopf-Hals-Tumoren geben.

Am 22.2.2014 ist der Deutsche Krebskongress auch für die Öffentlichkeit zugänglich. Was wird Interessierten und Patienten an diesem Aktionstag geboten?
Der Aktionstag findet wie immer im Rahmen des Deutschen Krebskongresses statt und steht ganz im Zeichen der Patienteninformation. In mehr als 30 Vorträgen und Workshops geben Ärzte, Psychoonkologen und Vertreter von Selbsthilfegruppen einen umfassenden und laienverständlichen Überblick über die neuesten Entwicklungen in der Tumormedizin.

Allgemeine Informationen wie „Was ist Krebs überhaupt?“ oder „Wie wirken Krebstherapien?“ haben wir genauso ins Programm aufgenommen wie spezielle Informationen zu Diagnostik, Therapie und Nachsorge bei häufigen Krebserkrankungen. Ein weiterer Schwerpunkt wird zum Beispiel auch erblicher Brust- und Eierstockkrebs sein.

Darüber hinaus werden häufig gestellte Fragen aufgegriffen, etwa die Frage nach komplementären Therapien, nach der richtigen Ernährung bei Krebs oder nach psychosozialen Unterstützungsangeboten. Beispielsweise werden am Nachmittag Psychoonkologen der Berliner Krebsgesellschaft ihre Beratungs- und Kursangebote vorstellen, darunter auch das Projekt „Hilfen für Kinder krebskranker Eltern“.

Der Krebsaktionstag bietet also eine ideale Plattform zum Austausch mit anderen Betroffenen und Vertretern der Selbsthilfe.

Ein Novum beim diesjährigen DKK ist, dass er werbefrei sein wird. Wie wichtig ist es, im Rahmen des Kongresses unabhängig von pharmazeutischer Industrie sowie von Medizinprodukteherstellern und -geräteherstellern agieren zu können?
2014 folgt der DKK erstmals dem Grundgedanken einer klaren Trennung des wissenschaftlichen Bereichs (Kongress) und des Industriebereichs (Forum): und zwar finanziell, räumlich, organisatorisch und thematisch. Diese Trennung entspricht zum einen den Regelungen der Deutschen Krebshilfe zur Zusammenarbeit mit Pharma- und anderen Wirtschaftsunternehmen im Gesundheitswesen. Zum anderen werden auch die Grundsätze der Transparenz, die bei der Deutschen Krebsgesellschaft festgeschrieben sind, eindeutig umgesetzt.

Vielen Dank für das Gespräch, Prof. Hallek! Das Gespräch führte Nadine Bader.