Krebszellenforschung/Mikroskop, Quelle: dpa

rbb Praxis Interview - 'Risikofaktor Nummer eins: das Rauchen ...'

Hochrechnungen zufolge erkranken in Deutschland jährlich rund 500.000 Menschen neu an Krebs. Auch heute noch gibt es Vorurteile und Missverständnisse zum Thema. rbb Praxis sprach mit Prof. Dr. Ulrich Keilholz vom Charité Comprehensive Cancer Center.

Zigarettenkippen liegen in einem Aschenbecher © dpa

Prof. Dr. Keilholz, welche Risikofaktoren für die Entstehung von Krebs sind bisher bekannt?
Risikofaktor Nummer eins ist immer noch das Rauchen, dann kommen Umweltfaktoren und schlechte Lebensgewohnheiten. Gerade in Deutschland und Berlin wird immer noch deutlich mehr geraucht als in vielen anderen Ländern.

Während sich die Zahl der Rauchenden in beispielsweise den USA halbiert hat, ist der Anteil in Deutschland in den letzten 20 Jahren weiter gestiegen. Und deshalb bleibt das Rauchen hier mit großem Abstand die Hauptursache für viele Krebserkrankungen, vor allem natürlich Lungenkrebs. Dazu kommen Tumorarten wie Kehlkopfkrebs, Mundhöhlenkrebs, Speiseröhrenkrebs. Zu Teilen werden auch Magenkrebs, Blasenkrebs und gynäkologische Tumorerkrankungen darauf zurückgeführt.

Bei welchen Risikofaktoren liegt ein direkter Zusammenhang vor und bei welchen besteht nur ein indirekter? Ein direkter Zusammenhang besteht beim Rauchen. Man kann durch den Tabakrauch Krebszellen direkt induzieren aus gesundem Gewebe. Und es gibt einen direkten Zusammenhang mit organischen Lösungsmitteln, Benzindämpfen und Asbestfasern. Bei Alkohol besteht ein indirekter Zusammenhang.

Wenn man viel Alkohol trinkt, kann der Alkohol als Lösungsvermittler dazu führen, dass krebserregende Stoffe viel stärker auf den Körper einwirken. Zudem kann der Alkohol die Leber zerstören. Und in einer zirrhotischen Leber, die vernarbt ist, entwickelt sich Leberkrebs einfacher. Alle anderen Faktoren sind Co-Faktoren. Sie verstärken das Risiko, Krebs zu bekommen. Dazu gehören Übergewicht, ungesunde Lebensweise, aber auch familiäre, genetische Belastung.

Doppelhelix (Bild: imago stock)

Welche Rolle spielen genetische Faktoren?
Genetische Faktoren spielen eine große Rolle. Jeder Mensch hat einen anderen Stoffwechsel, verarbeitet Schadstoffe anders und geht mit Risikofaktoren anders um. Das hat viel mit der genetischen Ausstattung jedes Menschen zu tun. Und wenn in einer Familie gehäuft Krebserkrankungen auftreten, vor allem im mittleren oder hohen Lebensalter, dann kann man davon ausgehen, dass eine familiäre Disposition besteht und die Neigung zur Entwicklung von Krebs erhöht ist. Wir kennen das beispielsweise bei familiärem Brustkrebs und bei familiärem Darmkrebs. Hier gilt dann besonders: nicht rauchen, gesund leben. Und man kann auch spezielle humangenetische Beratungssprechstunden aufsuchen, um herauszufinden, ob ein genetisches Risiko in der Familie besteht und man Vorsorgeuntersuchungen häufiger vornehmen lassen sollte.

 Häufig wird in den Medien und im Internet auch ein Zusammenhang von Aluminium, das in vielen Deos enthalten ist, und der Entstehung von Brustkrebs diskutiert. Wie ist hier der wissenschaftliche Stand?
Prinzipiell kann man in Zellkultur durch sehr hohe Konzentration von Aluminium Zellen transformieren, so dass sie langsam in Krebszellen entarten. Das ist aber ein reiner Laborbefund. Beim Menschen spielt das keine Rolle. Wir sind nicht derart hohen Aluminiumkonzentrationen ausgesetzt. Und eine niedrigere Aluminiumkonzentration wie beispielsweise in Deodorants hat keinen relevanten Einfluss auf die Krebsentstehung. Die höchste Konzentration von Aluminium haben wir bei Patienten, die wegen Nierenschaden eine Dialyse brauchen. In diesen Blutwäschelösungen ist immer ein erhöhter Aluminiumgehalt. Und wir wissen, dass die hohen Aluminiumspiegel Organfunktionen schädigen. Aber sie lösen keinen Krebs aus. Und bei allen anderen Menschen ist keine Aluminiumkonzentration zu sehen, die eine Rolle spielen könnte für die Krebsentstehung.

Bunte Brote auf der Grünen Woche (Foto: dpa)

In welchen Bereichen besteht noch besonderer Forschungsbedarf, um besser diagnostizieren und behandeln zu können?
Für viele Krebsarten kennt man die Ursachen noch nicht. Dazu gehören beispielsweise die akute Leukämie, Krebs in Weichteilen und kindliche Krebserkrankungen. Bei den häufigsten Krebserkrankungen wie Lungenkrebs, Darmkrebs und Brustkrebs weiß man schon relativ gut über mögliche Einflussfaktoren Bescheid.

Bei den seltenen Krebserkrankungen, und dazu gehören insgesamt die Hälfte der Krebserkrankungen, muss noch mehr geforscht werden, um die Zusammenhänge besser zu verstehen. An der Charité starten wir gerade ein Forschungsprogramm, mithilfe dessen wir herausfinden wollen, wie genetische Faktoren bei Risikofamilien mit Umweltfaktoren bei der Entstehung von Krebs zusammenspielen. Da weiß man noch viel zu wenig.

Was empfehlen Sie jedem zur Vorbeugung?
Bei vernünftiger Vorsorge und Früherkennung lässt sich ein  Großteil der Krebserkrankungen heilen. Es gibt Früherkennungsmöglichkeiten, die unbedingt genutzt werden sollten. Das betrifft beispielsweise Darmkrebs, Hautkrebs, Brustkrebs, Gebärmutterhalskrebs und Prostatakrebs.

Darüber hinaus können regelmäßige Check-ups beim Hausarzt frühe Hinweise auf eine mögliche Krebserkrankung liefern. Zudem empfehle ich, nicht zu rauchen. Und insgesamt natürlich auch eine gesunde Lebensweise mit gesunder Ernährung und Bewegung.

Vielen Dank für das Gespräch! Das Gespräch führte Nadine Bader.