Darm: begehbares Modell, Quelle:dpa

rbb PRAXIS Interview - 'Männer sollten noch früher zur Darmspiegelung gehen'

Die Darmspiegelung ist die einzige Untersuchung, mit der man Darmkrebs sicher verhindern kann. Trotzdem lässt nur ein Bruchteil der für die Darmspiegelung in Frage kommenden Menschen die Untersuchung durchführen. rbb PRAXIS hat mit Dr. med. Andreas Schröder, Gastroenterologe aus Berlin-Wilmersdorf, über die Gründe gesprochen – und wie haltbar diese tatsächlich sind.

rbb PRAXIS: Herr Dr. Schröder, wie viele Deutsche gehen zum Darmkrebs-Screening?

Dr. Schröder: Bundesweiten Studien zufolge lassen sich rund 15 Prozent der Männer und etwa 17 Prozent der Frauen untersuchen. Diese Zahlen beziehen sich allerdings nur auf die GKV-Versicherten und erfassen nur echte Vorsorge-Untersuchungen, bei denen die Patienten vorher keinerlei Beschwerden oder Auffälligkeiten hatten. Innerhalb eines Pilotprojektes im Saarland, zu dem die Untersuchungsberechtigten schriftlich eingeladen wurden, konnte die Rate auf 18 und 20 Prozent gesteigert werden. Diese Zahlen sind realistischer; ich gehe sogar davon aus, dass jeder Vierte zu der Untersuchung geht.

rbb PRAXIS: Wie erklären Sie sich diese niedrigen Teilnehmer-Zahlen? Immerhin kann die Untersuchung eine Krebserkrankung verhindern, indem der Arzt Vorstufen von Darmkrebs entdeckt und diese entfernt.

Dr. Schröder: Viele Leute wissen von der Untersuchung nichts, weil sie überhaupt nicht zum Arzt gehen. Gerade Männer bringen zwar ihr Auto regelmäßig in die Werkstatt, sich selbst lassen sie aber nicht durchchecken. Ein Großteil der Bevölkerung ist einfach zu bequem. Selbst die Ärzteschaft trägt ihren Teil zu den niedrigen Zahlen bei: Noch immer ermuntern Hausärzte und Allgemeinmediziner ihre Patienten zu selten zu der Untersuchung.

rbb PRAXIS: Vielen Patienten ist die Spieglung schlichtweg unangenehm.

Dr. Schröder: In der Bevölkerung gibt es tatsächlich noch immer viele Vorurteile: Das tut weh, das ist gefährlich. Viele empfinden die vor der Untersuchung notwendige Darmentleerung als lästig.

rbb PRAXIS: Können Sie den Patienten ihre Befürchtungen nehmen?

Dr. Schröder: In den letzten Jahren hat es zwei wesentliche Neuerungen bei der Darmspieglung gegeben. Zum einen setzen wir ein leicht steuerbares Narkotikum ein: Propofol wirkt schnell, lässt sich nachspritzen, und der Patient ist danach sofort wieder fit. Schmerzen durch eine unzureichende oder nachlassende Anästhesie müssen also nicht mehr sein. Studienergebnissen zufolge sind die Patienten mit Propofol zufriedener als mit herkömmlichen Narkosemitteln, und auch wir Ärzte können damit besser untersuchen. Außerdem haben sich Handling und Auflösung unserer Geräte stark verbessert, so dass wir bei der Untersuchung noch mehr erkennen und viel besser im Darm agieren können. Den Darm entleeren muss man heute allerdings immer noch.
Darmspiegelung bei einer Patientin, Quelle: dpa
rbb PRAXIS: Wie hoch ist die Komplikationsrate bei den Darmspiegelungen?

Dr. Schröder: Das ist natürlich abhängig davon, wie erfahren der Untersucher ist. Durchschnittlich rechnen wir mit etwa zwei bis drei behandlungsbedürftigen Zwischenfällen pro 1.000 Personen. Dazu zählen Blutungen, das Durchstoßen der Darmwand und kardiopulmonale Ereignisse (wie ein erniedrigter Blutdruck, Atemdepression oder Herzrhythmusstörungen; Anmerkung der Redaktion). Die Rate an Komplikationen nimmt übrigens zu, je älter die Patienten sind.

rbb PRAXIS: Und wie oft lässt sich Darmkrebs durch die Untersuchung verhindern?

Dr. Schröder: Bei ungefähr jedem fünften Patienten finden wir bei der Vorsorge-Spieglung ein oder mehrere Adenome, Schleimhautveränderungen oder Polypen also, von denen wir wissen, dass sie sich im Verlaufe von zehn bis 20 Jahren in einen bösartigen Tumor wandeln können. Bei einem von 100 untersuchten Patienten finden wir einen Tumor, der sich in einem gut behandelbaren Frühstadium befindet. Bei einem zweiten von 100 Patienten erkennen wir Darmkrebs im fortgeschrittenen Stadium.

rbb PRAXIS: Sind alle Menschen für die Untersuchung geeignet?

Dr. Schröder: Ja. Bei den Männern wird mittlerweile überlegt, ob die erste Darmspieglung schon mit 45 Jahren und nicht wie bisher üblich erst mit 55 Jahren empfohlen werden sollte. Sie erkranken offenbar früher an Darmkrebs. Menschen, in deren Familie eine Veranlagung für Darmkrebs besteht, sollten sich ebenfalls früher untersuchen lassen.

rbb PRAXIS: Wie könnte man die Teilnahmeraten bei der Vorsorge-Darmspiegelung verbessern?

Dr. Schröder: Dazu gibt es zahlreiche Überlegungen. Eine Möglichkeit wäre, diejenigen anzuschreiben und einzuladen, die für die Untersuchung in Frage kommen. Um gesetzlich Krankenversicherten die regelmäßige Teilnahme an Vorsorgeuntersuchungen schmackhaft zu machen, bieten einige Krankenkassen Bonusprogramme an. So etwas wäre auch für die Darmspieglung denkbar. Und nachweislich hat der ärztliche Rat einen entscheidenden Einfluss auf das Verhalten der Menschen. Hier sind also auch wir Mediziner gefragt.

rbb PRAXIS: Wie viele Leute müssen Sie auf diese Weise mobilisieren?

Dr. Schröder: Wir führen jährlich rund 400.000 Untersuchungen durch. Insgesamt waren das seit 2002 rund fünf Millionen. Anspruch auf die Untersuchung hätten jedoch 20 Millionen Menschen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Constanze Löffler.

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