
Interview mit Manuela Dahlmann -
Manuela Dahlmann ist 42 Jahre alt. Sie hat ihre Schwägerin und ihren Onkel zu Hause bis zu deren Tod gepflegt. Tod und Geburt lagen immer dicht beieinander: Sowohl beim Tod des einen als auch des anderen war Frau Dahlmann schwanger. rbb PRAXIS hat mit ihr gesprochen.
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Das habe ich gemacht. und wegen des Beatmungsgerätes und des Rollstuhls habe ich das Behring-Krankenhaus angesprochen.
Wie oft kam das Pflegeteam?
Es kam nur nach Bedarf, immer, wenn ich es gebraucht habe. Alles andere habe ich gemacht. Mein Onkel hat ja auch nicht jeden an sich rangelassen.
Was hatte die Schwägerin für Krebs?
Bei ihr fing es mit Gebärmutterkrebs an. Da wurde zu spät die Gewebeprobe entnommen. Nach einem halben Jahr war es dann schon Nierenkrebs. Man hat ihr die eine Niere entfernt. Dann war es Darmkrebs. Da hieß es noch, sie wird den 18. Geburtstag ihrer Tochter noch miterleben und eine Woche später hieß es, sie haben noch ein viertel Jahr.
Ging der Wunsch von ihr aus, zu Ihnen nach Hause zu kommen?
Ja, sie wollte nach Hause und hat so oft gefleht, nach Hause. Da habe ich gesagt, wir machen das, wir organisieren das. Es hat unendlich lange gedauert, sie medikamentös einzustellen, weil bei ihr auch die Nerven angefallen waren. Deshalb hat es auch lange gedauert, bis ich sie hierher nehmen konnte. Ihr Bett war mitten im Wohnzimmer, also mitten im Leben. Auch für ihre Tochter Nathalie war es so besser.
Ist Nathalie noch bei Ihnen? Ja, die ist noch hier, die ist jetzt 21 und macht eine Ausbildung.
Reden sie viel über den Tod und das Sterben? Wir haben da nie einen Hehl draus gemacht. Wir haben viel darüber gesprochen.
Und die anderen Kinder, wie haben die reagiert? Unterschiedlich. Ganz normal. Als wenn es für die alles normal ist. Das hat zum Alltag dazu gehört‚ hallo, hallo Silvia (Silvia ist der Name der verstorbenen Schwägerin d.Red.). Jedes Kind hat seine eigene Art, mit Silvia zu sprechen oder umzugehen. Nachher, als sie nur noch im künstlichen Koma gelegen hat, hat Nathalie immer nur weggeguckt, wenn sie mit mir gesprochen hat und ihre Mama nicht mehr angesehen, weil sie Angst hatte.
Hatten sie keine Angst, wenn jetzt hier zu Hause jemand stirbt? Nein, ich habe ja immer bei ihr geschlafen, auf der Couch. Ich habe sie keine Nacht alleine gelassen bis zum Ende. Das habe ich ihr versprochen.
Was würden sie jetzt jemand anderem sagen, der noch nie so etwas selbst erfahren hat, der Ängste hat - würden sie dem dazu raten, einen Sterbenden zu Hause zu betreuen? Es gibt Menschen, die sind für so etwas geboren, die so etwas machen können, es gibt Menschen, die sagen von Hause aus - um Gottes Willen -. Die stellen sich das als absoluten Stress vor oder haben Angst davor, was alles auf sie zukommt. Aber, man muss davor keine Angst haben, weil man hat ein super Pflegeteam, das rund um die Uhr da ist, das man anrufen kann, wenn man irgendwelche Probleme hat, das sofort erscheint, wenn man es braucht, eine Ärztin, die einen darüber aufklärt, wie was abläuft.
Das Pflegeteam macht das mit den Medikamenten, wenn man sich das nicht zutraut. Sie müssen im Grunde genommen selber gar nichts machen, sie müssen nur da sein für den Menschen und ihm das Gefühl geben, dass er noch dazu gehört. Das finde ich schon eine ganze Menge und gibt den Menschen unendlich viel Kraft.
Den Tod und das Sterben - haben sie das miterlebt? Kann ich genau sagen, wie das bei meiner Schwägerin war. Da ich ja schwanger war, musste ich oft auf die Toilette. Um halb zwölf, habe ich zu Silvia gesagt, "Ich muss schon wieder auf die Toilette", danach habe ich mich wieder hingelegt und bin eingeschlafen. Ich habe von meiner (schon verstorbenen) Schwiegermutter geträumt, wie sie bei uns war.
Ich sollte mit ihr einen Döner holen. Sie saß noch kurz bei Silvia, hat die Anlage noch ausgemacht. Dann kam mein Mann und ich habe gesagt: "Ich bringe Deine Mama noch nach Hause und bringe dann einen Döner mit". Dann bin ich schweißgebadet aufgewacht. In dem Moment, es war, als wenn ihre Mutter hier war und sie hier abgeholt hat. Auf einmal habe ich dieses Geräusch nicht mehr gehört und "Silvia, Silvia", gerufen, weil es plötzlich so leise war.
Ich habe das kleine Licht angemacht - geguckt, gefragt. "Silvia"? Es sind so viele Emotionen, das kann man gar nicht so beschreiben, was in einem vorgeht. Das war keine Angst, ich habe nicht geweint. Ich habe einfach ganz normal mit ihr weitergesprochen. Denke - nee- du bist doch schon so lauwarm. Es war ganz komisch. Dann habe ich das große Licht angemacht, weil ich wirklich gucken wollte, schlägt das Herz noch. Damit hat ja keiner gerechnet, dass das in der Nacht ist.



