Hände, Quelle: dpa

Interview mit Manuela Dahlmann - 'Sie sagte danke, für alles danke'

Manuela Dahlmann ist 42 Jahre alt. Sie hat ihre Schwägerin und ihren Onkel zu Hause bis zu deren Tod gepflegt. Tod und Geburt lagen immer dicht beieinander: Sowohl beim Tod des einen als auch des anderen war Frau Dahlmann schwanger. rbb PRAXIS hat mit ihr gesprochen.  

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Schmerzmittel steht vor dem Bett eines Hospizpatienten, Quelle: dpa

Am nächsten Tag kam die Ärztin, die Vertretung von Frau Anwar, und ich habe erklärt, dass es vielleicht besser ist, wenn man ihn windelt, damit er nicht aufs Klo muss. Wir haben es nicht für voll genommen, dass er in dieser Nacht stirbt. Wir wollten noch Fußball gucken. Er konnte von dem Tag an auch nicht mehr aus dem Bett. Der Besuch war da und ich bin immer zu ihm gegangen und habe mit ihm geschrien, "eh, Helmut, es ist noch ein Tor gefallen" und er hat auch noch reagiert.

Es kam das Pflegeteam, um die Schmerzpumpe aufzufüllen. Die Pumpe läuft kontinuierlich und je nachdem, ob man viele Schmerzen hat oder Übelkeit oder schwer Luft kriegt, kann man sich noch zusätzlich Medikamente spritzen. Das war das letzte Mal, dass das Team war. Als der Fußball zu Ende war, sind alle gegangen. Mein Vater hat sich noch verabschiedet. Helmut wollte nur, dass die engsten Menschen ihn so sehen, wenn es ihm schlechter geht. Mich hat er noch einmal gedrückt - so ein Drücken, was er sonst nicht gemacht hat. Er hat sonst immer nur "danke" gesagt.

Meine Schwägerin auch, "danke", für alles "danke". Ob es ein Löffel war, ob es eine Tasse war. Für alles sind die Kranken dankbar. Ich habe noch einmal nach dem Rechten geguckt, da hat er sich so im Bett hin- und hergewälzt. Nachts bin ich wachgeworden und habe so leicht im Unterbewusstsein registriert - ist ja ruhig. Vielleicht wird er schlafen. Ich bin noch einmal zu ihm gegangen. Da hat er noch geatmet. Ich habe ihm sein Bett noch einmal aufgeräumt, die Pumpe zurechtgerückt, ihm ein Küsschen gegeben und bin dann wieder in mein Bett gegangen.

Am nächsten Morgen habe ich die Kinder geweckt, weil sie zur Schule mussten. In dem Zimmer war es so ruhig, komisch eben. Helmut lag in der gleichen Lage, wie ich aus dem Zimmer gegangen bin; er war aufgedeckt und ich habe ihn angefasst, da war er völlig steif. Die Reaktion war wie bei Silvia. Man will das erst mal nicht so wahr haben. Das sind so viele Emotionen, die in einem durchgehen.

Das ist jetzt nicht nur Traurigkeit, musst du jetzt weinen, was machst du jetzt, bist du verzweifelt. Völlig komisch. Ich habe mich auch ganz normal mit ihm unterhalten, ihn erst einmal zugedeckt und musste versuchen zu registrieren, dass es jetzt wirklich so ist. Das Pflegeteam ist dann gekommen, um alle Geräte abzumachen und die Ärztin, um den Tod festzustellen. Sie kam und sie hat mich unendlich lange gedrückt und gesagt, "was sie gemacht haben, finde ich echt toll". Für mich war das selbstverständlich. Ich würde das immer wieder tun. Man muss davor keine Angst haben. Man kann sich auf das Team richtig verlassen, auf die Ärztin.

Schatten einer Familie, händehaltend, Quelle: dpa
Unter welchen Umständen würden Sie jemandem davon abraten? Jemand, der es wirklich nicht kann, sollte es nicht machen oder wenn jemand alt ist und nicht mehr die Kraft hat, seinen alten Partner zu pflegen. Aber für jemanden, den man wirklich gerne hat, für den sollte man es machen. Man hilft damit dem Menschen viel mehr und sie geben auch viel Kraft zurück.

Ich denke, wenn sie zu Hause sterben können, leben sie länger, als wenn sie im Krankenhaus sind. Sie sind viel mehr im Alltag, als wenn sie im Krankenhaus sind und immer daran denken, ich muss bald sterben.

Woher nehmen sie die Kraft, das alles zu schaffen? Keine Ahnung. Weiß ich nicht. Ich mache das einfach. Für mich ist das selbstverständlich bei Personen, die mir sehr am Herzen liegen.

Das Gespräch führte Angelika Lemke


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Palliativmedizin in der rbb PRAXIS

Logo SAPV-Team (Quelle: rbb)

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Seit sechs Jahren besteht bundesweit für Patienten mit unheilbaren, fortschreitenden Erkrankungen und begrenzter Lebenserwartung ein gesetzlicher Anspruch auf eine sogenannte "spezialisierte ambulante Palliativversorgung" (SAPV). Ziel ist, dass die Patienten möglichst schmerzfrei ihre letzte Lebenszeit zu Hause verbringen. Auch im Land Brandenburg bildeten sich Teams aus speziell ausgebildeten Ärzten und Pflegern.