
Interview mit der Palliativmedizinerin Petra Anwar -
Petra Anwar ist Palliativmedizinerin. Seit 15 Jahren arbeitet sie in einer onkologischen Praxis in Berlin-Tempelhof – einem Team aus fünf Onkologen, zehn Arzthelfern und zwei Palliativmedizinern. Diese Praxis ist dem Verein Home Care angeschlossen. Der Verien leistet in Berlin den größten Teil der "Spezialisierten ambulanten Palliativversorgung".
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Und wer entscheidet, welche Therapie sinnvoll ist? Ein guter Onkologe, und es gehört viel klinische Erfahrung dazu, viel Lebenserfahrung und auch viel Mut, denn es gibt natürlich auch viele Patienten, die das nicht hören und nicht akzeptieren wollen, das auch unsere so hoch moderne Medizin irgendwann an ihre Grenzen stößt, zumindest was die heilenden Faktoren angeht.
Der Arzt, der das dann vermitteln muss, muss einen guten Kontakt zum Patienten haben, muss sich in ihn einfühlen und muss den weiteren Weg ebnen. Das ist oftmals schwer für den Arzt, nicht doch noch eine Chemotherapie zu versuchen. Aber hauptsächlich sind es die Patienten, die immer wieder nach neuen Therapien fragen.
Und dann kann man als Arzt schwer nein sagen?
Nein, das kann man dann auch nicht, es sei denn, eine weitere Chemotherapie ist völlig sinnlos, dann versucht man natürlich den Patienten davon überzeugen, und das gelingt in der Regel, wenn sich der Patient sicher aufgehoben fühlt. Es hängt davon ab, wie man es dem Patienten mitteilt. Ob man sagt, so wir können nichts mehr für Sie tun oder man kann auch sagen, die Chemotherapie hilft ihnen jetzt nicht mehr, Ihnen würde es mehr helfen, wenn eine Palliativmedizinerin ihre weitere Betreuung übernimmt.
Das eine hört sich nach "die haben mich alle fallen gelassen" an und "ich stehe alleine da", und das andere nach "mir wird weiter geholfen". Es gibt beides. Es gibt viele Patienten, denen in Kliniken oder von Ärzten gesagt wird, wir können nichts mehr für Sie tun, Sie müssen nicht wieder kommen und der Patient fällt ins absolute Loch und Gott sei Dank, der Weg, der jetzt zunehmend geebnet wird für Patienten hört sich so an: wir kennen tolle Ärzte, die Sie zu Hause weiterbehandeln, damit das für Sie nicht so beschwerlich ist, immer hierher zu kommen.
Home Care gibt es jetzt seit ungefähr 15 Jahren in Berlin. 92 gab es die ersten Anfänge. Home Care versucht Patienten, die austherapiert sind, für die es keine Behandlungsoptionen mehr gibt, aufzufangen und denen ein Leben zu ermöglichen, das trotz der schweren Krankheit gelebt werden kann.
Und wie kommt ein Patient zu einer Betreuung durch Home Care?
Wie immer muss ein Patient gut über alle Möglichkeiten informiert sein. Es gibt aber immer mehr Ärzte, die Palliativmediziner kennen und den Kontakt dann auch gerne weiter geben. Ein weiteres Problem ist, wir haben nicht genug Kapazitäten, d.h. auch wenn sich jetzt alle Patienten, die für Home Care in Frage kämen oder für die spezialisierte palliative Versorgung bei uns melden würden, wir könnten gar nicht alle behandeln.
Wie könnte man noch mehr Ärzte motivieren, sich für die Palliativmedizin zu entscheiden?
Zum einen ist das sicherlich kein Beruf, mit dem man sich eine goldene Nase verdient, sondern da müssen einem andere Sachen als das Geld wichtig sein, zum anderen ist es einfach schwierig Kollegen zu finden, die die Anforderungen, die gestellt werden, erfüllen: Facharzt zu sein und die Zusatzbezeichnung Palliativmediziner zu haben. Wir können selber nicht ausbilden, bisher. Wir kämpfen gerade darum, das es einfach möglich wird, dass die Kassen dem zustimmen, dass wir die auch selber ausbilden können. Das ist im Moment für uns ganz wichtig. Wir werden ja alle nicht jünger. Ich kann jetzt meinen Urlaub nicht machen, weil ich keine Vertretung habe.


