Petra Anwar mit Patientin (Quelle: rbb)

Interview mit der Palliativmedizinerin Petra Anwar - 'Sterben, wo man gelebt hat'

Petra Anwar ist Palliativmedizinerin. Seit 15 Jahren arbeitet sie in einer onkologischen Praxis in Berlin-Tempelhof – einem Team aus fünf Onkologen, zehn Arzthelfern und zwei Palliativmedizinern. Diese Praxis ist dem Verein Home Care angeschlossen. Der Verien leistet in Berlin den größten Teil der "Spezialisierten ambulanten Palliativversorgung".

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Wie hält man diese Belastung überhaupt aus?
Indem man ganz viel an Gefühl von den Patienten zurückbekommt. Der Sterbende zu Hause ist relativ isoliert von der Außenwelt, er wartet auf den Arzt. Man kommt dahin, die freuen sich, dass man kommt, man wird ins Familienleben reingelassen, man hat häufig eine ganz enge Bindung zu den Menschen, Patienten, Angehörigen, es ist manchmal wie eine Freundschaft auf Zeit.

Und wie hält man die Balance zwischen reingehen in die Leben und wieder rausgehen?
Man hält die nicht immer. Es gibt doch oft Schicksale, die einen nach Hause begleiten. Man braucht gute Freunde, die einem dann zuhören.

Wie schätzen Sie die palliative Versorgung in Berlin ein?
Ich glaube, dass wir hier wesentlich besser dran sind als im gesamten übrigen Bundesgebiet. Weil es in Berlin schon lange die palliativmedizinische Versorgung gibt, hat die sich einfach etabliert. Es sind tragfähige Netzwerke da. Wir brauchen jetzt hier keine Pionier- und Aufbauarbeit machen.

Wie sieht die Situation in Brandenburg aus, was würden Sie den Menschen, die dort leben, raten und empfehlen?
Das Problem ist, Berlin ist ein Stadtstaat, in Brandenburg leben die Menschen sehr verteilt, mit vielen Kilometern Entfernung dazwischen. Die Versorgung in Brandenburg ist sicherlich eher schlecht. Wir reden jetzt über die Palliativmedizin. In Brandenburg gibt es noch nicht einmal ausreichend Hausärzte. Wo sollen die Palliativmediziner herkommen, die dann auch noch flächendeckend überall hinfahren sollen. Ich glaube, das zu realisieren wird schwierig. Besser sollte man die Kollegen, die da niedergelassen sind, mit finanziellen Reizen dazu bringen, sich palliativmedizinisch auszubilden, um diese Aufgabe übernehmen zu können. Anders sehe ich da überhaupt keine Chance.

Dann bliebe den Menschen dort nur der Weg ins Hospiz oder ins Krankenhaus?
Leider Gottes ja.
Wie ist der praktische Weg zu Ihnen. Braucht man einen Kollegen, der den Kontakt zu Ihnen herstellt, damit sie zum Patienten nach Hause gehen? Nein, Sie könne auch direkt, z.B. bei der Home Care Zentrale anrufen, da sitzen zwei überaus nette Damen, die Ihnen weiterhelfen, und Ihnen sagen, „Also sie wohnen in Tempelhof, dann gebe ich ihnen mal die Nummer von der Praxis aus der Ringbahnstraße, dort sind zwei Kolleginnen, die sich dann um Sie kümmern werden. Melden sie sich bitte in der Praxis.“

Sie arbeiten im Team? Wer gehört dazu? Zum Team gehören die Pflegestationen und die ambulanten Hospizdienste. Ich arbeite mit einer Pflegestation zusammen, die ich seit 15 Jahren kenne, d.h. man kennt sich, man weiß wie man mit einander arbeitet und davon profitiert letzten Endes auch der Patient.

Wie oft gehen Sie zu den Patienten und wie oft kommt der Pflegedienst? Das kommt darauf an, es gibt Patienten, zu denen ich täglich fahre, weil bei denen die Schmerzeinstellung schwierig ist, zusätzlich fährt dann der Pflegedienst hin, weil ich zum Beispiel eine Schmerzpumpe angelegt habe und die muss immer wieder befüllt werden. Es muss immer wieder geguckt werden, ob der Patient zu müde wird, oder aufgrund der starken MedikamentE Übelkeit oder Erbrechen kriegt. Wir bilden dann auch ein enges Gefüge, in das sich der Patient ein Stück fallen lassen kann. Es gibt aber auch Patienten, da fahr ich nur alle 14 Tage hin, weil den Rest die Pflegestation machen kann. Und trotzdem fühlt sich der Patient sicher. Ich glaube, weil wir rund um die Uhr, also 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche erreichbar sind, gibt das dem Patienten schon so ein sicheres Fundament, dass das manchmal schon ausreicht.

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Literatur

Petra Anwar/John von Düffel

"Geschichten vom Sterben"
Piper-Verlag, März 2013