
Interview mit der Palliativmedizinerin Petra Anwar -
Petra Anwar ist Palliativmedizinerin. Seit 15 Jahren arbeitet sie in einer onkologischen Praxis in Berlin-Tempelhof – einem Team aus fünf Onkologen, zehn Arzthelfern und zwei Palliativmedizinern. Diese Praxis ist dem Verein Home Care angeschlossen. Der Verien leistet in Berlin den größten Teil der "Spezialisierten ambulanten Palliativversorgung".
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Wie beziehen Sie die Familie mit ein, wie können die Ängste der Angehörigen abgebaut werden? Also, wir betreuen immer die ganze Familie, und nicht nur den Patienten. Wenn die Ehefrau auch immer schwächer wird und irgendwann zusammenklappt, stehen wir alleine mit dem Patienten da, d.h. wir müssen auch sehen, dass die Angehörigen bei Kräften bleiben, indem z.B. der ambulante Hospizdienst ein- bis zweimal die Woche kommt und zu den Angehörigen sagt, so Dienstag und Freitags ist ihr Nachmittag, machen sie was Schönes für sich, wir sind hier.
Man muss dafür sorgen, dass die Nächte ruhig sind, damit alle wieder Kraft für den nächsten Tag sammeln können. Wir haben die Angehörigen genauso in unserem Blickwinkel wie die Patienten auch. Und auch die Angehörigen müssen über ihre Ängste reden, man muss Sicherheit geben, vielleicht auch darüber reden, was jetzt als Nächstes kommt, damit alle vorbereitet sind, weil alles, worüber man geredet hat, macht keine Angst mehr.
Worauf bereiten Sie die Angehörigen vor? Wenn Angehörige sich unsicher sind, ob der Kranke bald, vielleicht schon morgen, stirbt, sage ich nein, er isst gut, er trinkt gut, er wird nicht morgen sterben, das dauert noch eine ganze Weile. Wenn er immer müder wird, wenn er immer weniger isst, immer weniger trinkt, immer mehr schläft, immer weniger Anteil nimmt an der Umgebung, dass sind eher so Anzeichen die darauf hindeuten, dass das Sterben jetzt auch naht. Und man sollte ihn auch nicht mit Essen vollstopfen, sondern das, was er annimmt ist gut, und wenn er nichts möchte, ist auch gut.
Wenn der Patient ein Durstgefühl hat, dann müssen wir das behandeln. In der Regel reicht es aus, wenn man versucht, den Mund feucht zu halten, entweder mit Wattestäbchen oder mit ganz kleinen Flüssigkeitsmengen die man gibt, die der Patient ganz leicht schlucken kann. Die Patienten sterben friedlicher als Patienten, die eine Infusion bekommen, die der Körper gar nicht mehr verarbeiten kann, und es irgendwo zu Wassereinlagerungen im Körper kommt oder zu einer rasselnden Atmung, weil der Körper das einfach nicht mehr schafft, zu verarbeiten.
Haben Patienten im Krankenhaus öfter ein schwierigeres Sterben, wenn sie bis zum Ende mit allen Möglichkeiten der Medizin versorgt werden? Ja, aber ich glaube, dass auch in den Kliniken ein Umdenken stattfindet, weil einfach viel mehr Leute über die letzten Tage des Lebens besser Bescheid wissen(durch die ARD-Themenwoche). Und ich glaube, dass die Ärzte nicht mehr unbedingt den Weg des geringsten Widerstandes gehen, sprich kommt ein Angehöriger und sagt: der verdurstet, der Patient und buff kommt die Infusion dran, sondern zunehmend mehr Kollegen sagen, dass das eher für den Patienten schlecht ist, Flüssigkeit über eine Infusion zuzuführen, wenn er gar nicht mehr selber trinken kann. In der Endphase muss man einfach sagen, weniger ist mehr.


