
rbb Praxis Interview -
Niedergeschlagenheit, Desinteresse und Antriebsmangel. Das sind die Hauptsymptome einer Depression. Aber auch hinter körperlichen Symptomen wie Kopfschmerzen und Schlappheit kann sich eine Depression verstecken.
Wann Betroffene und Angehörige hellhörig werden sollten und welche Behandlungsmöglichkeiten bestehen, darüber sprach rbb Praxis mit Prof. Dr. Andreas Bechdolf, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Vivantes Klinikum Am Urban und Vivantes Klinikum im Friedrichshain, Berlin.
Zu welchem Arzt sollten Patienten gehen, die vermuten, dass sie Depressionen haben?
Eine erste Anlaufstelle ist grundsätzlich der Hausarzt. Daneben gibt es niedergelassene Psychotherapeuten und Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie sowie für Fachärzte für Psychosomatische Medizin. Bei den Fachärzten und Psychotherapeuten können die Wartezeiten aber sehr lange sein, manchmal mehrere Wochen. Wenn man sich ganz akut schlecht fühlt und vielleicht sogar daran denkt, sich etwas anzutun, also Suizidgedanken hat, dann sollte man sich im Krankenhaus in der Ambulanz vorstellen. Da gibt es auch für Notfallpatienten die Möglichkeit, sich in den so genannten Institutsambulanzen ambulant behandeln zu lassen.
Wie werden Depressionen diagnostiziert?
Depressionen werden im Gespräch zwischen Arzt und Patienten diagnostiziert. Es gibt Kriterien, die der Arzt oder der Psychologe abfragt. Die Hauptsymptome sind: Gedrückte Stimmung, Interessensverlust und Antriebsmangel. Zu den Zusatzsymptomen gehören Konzentrationsstörungen, vermindertes Selbstvertrauen, Schuldgefühle, negative Zukunftsperspektive, Suizidgedanken und häufig auch Schlaf- sowie Appetitstörungen. Eine Depression liegt dann vor, wenn von den Hauptsymptomen mindestens zwei vorliegen und mindestens zwei Zusatzsymptome und diese mindestens zwei Wochen fortwährend andauern. Außerdem dürfen die Beschwerden nicht durch eine körperliche Krankheit, Medikamente- oder Drogeneinnahme bedingt sein.
Welche Behandlungsmöglichkeiten bestehen?
Es besteht die Möglichkeit zur Psychotherapie sowie zur medikamentösen Behandlung mit Antidepressiva. Bei leichten bis mittelschweren Depressionen sollte man in erster Linie psychotherapeutisch arbeiten. Bei mittelschweren bis schweren Depressionen sollte eine medikamentöse Behandlung mit Antidepressiva erfolgen und bei schweren Depressionen eine Kombination aus Psychotherapie und medikamentöser Therapie. Sollte eine schwere Depression vorliegen, besteht auch die Möglichkeit, sich stationär behandeln zu lassen in Kliniken für Psychiatrie und Psychotherapie.
Welche Auslöser kann eine Depression haben und wer ist eher betroffen?
Typische Auslöser sind zum Beispiel Partner- und Jobverlust. Prinzipiell kann eine Veränderung der sozialen Situation ein Risikofaktor sein, das kann auch eine Beförderung sein. Weitere Risikofaktoren sind der Tod von einem nahen Angehörigen, der eine verlängerte Trauerreaktion zur Folge hat und soziale Isolierung. Gefährdeter sind Menschen, bei denen ein genetisches Risiko vorliegt. Wenn der Vater oder die Mutter schon an einer Depression gelitten haben, ist das Risiko, an einer Depression zu erkranken, wesentlich erhöht, und zwar um 50 Prozent. Wie genau das genetische Risiko entsteht, kann man nicht genau sagen. Es handelt sich um einen komplexen Erbgang, also wahrscheinlich verschiedene genetische Veränderungen, die auch noch mit Umweltfaktoren zusammenwirken.
Inwiefern ist bei Depressionen eine Ausheilung möglich?
Grundsätzlich ist es so, dass die einzelne Episode in etwa 80 Prozent der Fälle durch Behandlung mit Psycho- oder Pharmakotherapie gut zu behandeln ist. Das Vorurteil, eine psychische Erkrankung habe man einmal und dann für immer, stimmt für Depressionen definitiv nicht. Nach drei bis sechs Monaten fühlen sich etwa 70 Prozent der Patienten, die in Behandlung sind, wesentlich besser. Ob ein Patient erneut an einer Depression erkrankt, hängt davon ab, wie stark die situativen Auslöser sind. Wenn man eine Depression hat, die beispielsweise nicht auf einen bestimmten Auslöser wie einen Trauerfall in der Familie zurückzuführen ist, dann liegt das Risiko, noch mal im Leben an einer Depression zu erkranken, bei etwa 50 Prozent. Wenn ein Patient sich aber psychotherapeutisch behandeln lässt, ist die Wahrscheinlichkeit geringer, weil in der Psychotherapie erlernt wird, bestimmte kritische Mechanismen zu erkennen, zu verstehen und damit umzugehen.

Können Antidepressiva süchtig machen und gibt es Therapie-Optionen, von denen Sie eher abraten würden?
Antidepressiva machen nicht süchtig. Das ist ganz wichtig, das zu wissen. Es gibt Medikamente in der Psychiatrie, die süchtig machen können. Das ist beispielsweise bei der Gruppe der Benzodiazepine der Fall. Aber bei den Antidepressiva besteht diese Gefahr definitiv nicht. Da müssen die Patienten keine Angst haben. Abhängigkeit würde bedeuten, dass Patienten beim Absetzen Entzugserscheinungen bekommen würden. Das ist bei dieser Art von Medikamenten nicht der Fall. Was passieren kann, ist, dass nach dem Absetzen der Medikamente wieder eine Depression auftritt. Wir empfehlen deshalb auch, dass man die Antidepressiva, wenn eine depressive Episode abgeklungen ist, etwa sechs bis neun Monate weiternimmt. Denn in dieser Zeit ist die Hauptrisikophase, wieder an einer Depression zu erkranken.
Abraten würde ich von der Behandlung mit Johanniskraut. Denn wir wissen, dass Johanniskraut nicht so gut wirkt wie die sonst gebräuchlichen Antidepressiva. Auch von esoterischen Beratungen oder unspezifischen Coachings würde ich abraten. Wenn man sich für eine Psychotherapie entscheidet, dann empfehlen sich Verfahren mit gutem Wirksamkeitsnachweis bei Depressionen wie die kognitive Verhaltenstherapie und die interpersonelle Psychotherapie.
Warten Patienten häufig zu lange, bis sie sich bei Depressionen Hilfe holen?
Ja, ich denke schon. Viele Menschen gehen zum Arzt und präsentieren eher körperliche Symptome und denken, dass sie nicht ernst genommen werden, wenn sie mit psychischen Beschwerden kommen. Da werden noch viele Depressionen übersehen, weil sich die Patienten nicht so trauen, weil viele Ärzte auch nicht so nachfragen und dann eher den körperlichen Beschwerden nachgehen. Zum Beispiel können sich auch hinter Schlappheit, Kopfschmerzen und Unwohlsein Depressionen verstecken.
Wann sollte man bei sich oder Angehörigen hellhörig werden?
Wenn einem über zwei Wochen auffällt, dass man eine deutlich niedergedrückte Stimmung und Antriebslosigkeit hat. Und wenn es sich nicht nur um kurze Stimmungsschwankungen handelt. Wir kennen alle Tage, an denen wir mal nicht so gut drauf sind. Aber bei einer depressiven Erkrankung hat man auch keine Freude mehr an Dingen, die einem eigentlich sonst gute Laune bereiten, man kann sich nicht so gut konzentrieren etc. Dann ist es wichtig, sich rasch z. B. beim Hausarzt Hilfe zu holen. Bei Diagnosebestätigung und ausreichender Schwere sollte möglichst bald mit Psychotherapie oder Antidepressiva behandelt werden.
Vielen Dank für das Gespräch, Herr Prof. Bechdolf!
Das Gespräch führte Nadine Bader.



