Mann liegt mit dem Oberkörper auf einem Schreibstisch, rundherum Berge mit Akten, Quelle: dpa

rbb online - Wenn der Job krank macht

Eine Metaanalyse mit 200.000 Teilnehmern beweist: Wer Stress bei der Arbeit hat, hat ein viermal so großes Risiko für einen Herzinfarkt wie Menschen, die ihrem Tagwerk gelassen nachgehen. Die Untersuchung ist die bisher größte, die weltweit je zu dem Thema durchgeführt wurde.

Dass ein stressiger verantwortungsvoller Job aufs Herz gehen kann, ist lange bekannt: Der Herzinfarkt zählt schon seit Jahrzehnten zu den gefürchteten Folgen von Managern, Chefs und anderen Beschäftigten, die wichtige Posten besetzen. Doch auch für Angestellte oder Selbstständige, die beruflich wenig Gestaltungsräume haben, dafür aber hohen psychischen Belastungen ausgesetzt sind, werden häufiger herzkrank. So zeigt eine aktuell veröffentlichte Studie in dem renommierten Fachmagazin Lancet, dass sie ein 23 Prozent höheres Risiko für einen Herzinfarkt haben als Personen, die keinen solchen Arbeitsstress erleben.

Eine internationale Forschergruppe um Prof. Mika Kivimäki vom University College London hat in der neuen Studie 13 einzelnen Studien analysiert, die in der Zeit zwischen 1985 und 2006 in Belgien, Dänemark, Finnland, Frankreich, Niederlanden, Schweden und Großbritannien durchgeführt wurden. Insgesamt hatten rund 200.000 Teilnehmer Fragebögen zu psychischen Anforderungen, Zeitdruck und Entscheidungsfreiheit ausgefüllt. Die Metaanalyse ist damit die bisher größte Studie zu diesem Thema. Die Nachbeobachtungszeit dauerte durchschnittlich 7,5 Jahre, in dieser Zeit erlebten insgesamt 2.358 Personen erstmalig einen Herzinfarkt.

"Dass Arbeitsstress ein Risiko sein könnte, wird schon länger vermutet. Unsere Untersuchung ist ein starker Hinweis darauf, dass Stress tatsächlich nicht gut für das Herz ist", so Prof. Dr. Nico Dragano vom Universitätsklinikum Düsseldorf, einer der Autoren des Artikels und Mitinitiator der Analyse. Er war an der Studiendurchführung und Veröffentlichung beteiligt.

"Die gemeinsame Auswertung von publizierten und unpublizierten Daten in einer Studie erlaubt es uns die Beziehung zwischen Herzkrankheiten und Arbeitsstress mit einer viel größeren Präzision zu untersuchen, als das bislang möglich war“, erklärt Studienleiter Prof. Mika Kivimäki. Die Experten definierten Arbeitsstress als Kombination aus hohen psychischen Anforderungen und niedrigem Gestaltungsspielraum. Interessant ist, dass das höhere Risiko der Betroffenen auch dann bestehen bleibt, wenn andere Einflussfaktoren wie Lebensstil, Alter, Geschlecht oder der soziale Status berücksichtigt wurden.

Auch die Psyche leidet

Neben dem Herzen leidet aber auch die Psyche selbst unter Stress im Beruf. So ist die Arbeitswelt beispielsweise häufig Auslöser der männlichen Depression. Überhöhte Anforderungen, dabei fehlende berufliche Anerkennung, schlechte Bezahlung oder geringe Entscheidungsfreiheit erleben vor allem Männer als besonders belastend. Ein sich stark wandelnder Arbeitsmarkt, befristete Verträge und Arbeitslosigkeit sowie Erwerbsbiografien, die nur noch selten geradlinig verlaufen, halten eine Vielzahl von Krisenfaktoren bereit.

Selbst wenn der Vertrag unbefristet ist, birgt der Arbeitsplatz Unwägbarkeiten und Probleme: Arbeitsmenge, Zeit- und Leistungsdruck oder Arbeitsplatzunsicherheit haben in den letzten zwanzig Jahren immer weiter
zugenommen. Sie stellen damit ein großes Risiko für psychische Erkrankungen dar. So kommt es nicht von ungefähr, dass insbesondere depressive Erkrankungen häufig als Folge des Arbeitsplatzverlustes auftreten.

"Wer arbeitslos wird, hat oft das Gefühl, dass er die Kontrolle über sein Leben in einem ganz zentralen Bereich verliert“, erklärt Professor Manfred Wolfersdorf von der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik in Bayreuth. Für den Einzelnen bedeutet das, dass er trotz Mühen und Anstrengungen an der Situation zunächst nichts verändern kann.

Für Männer, die sich sehr stark über berufliche Leistungen und Erfolge definieren, ist das ein besonders herber Schlag. Das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden, lässt sie resignieren, das Selbstwertgefühl geht in den Keller. Die Folgen: Soziale Kontakte schlafen ein, familiäre Konflikte kochen hoch, stabilisierende Strukturen und Abläufe gehen verloren. Studien zufolge sind Arbeitslose doppelt so häufig von Depressionen betroffen wie Menschen, die einen festen Job haben.

Text: Beate Wagner