Philipp von der Linden und Sascha Goldmann – die beiden Autisten arbeiten als Softwaretester bei auticon (Quelle: dpa)

- Wichtig: Bestätigung und Erfolgserlebnisse durch den Arbeitsplatz

Ein Dankeschön oder ein Lob wirken wahre Wunder - gerade am Arbeitsplatz. Wer sich wertgeschätzt fühlt, arbeitet motivierter und besser. Das Selbstwertgefühl wächst. Aber was ist, wenn einem der Weg in die Arbeitswelt gänzlich versperrt ist? So geht es vielen Autisten. 95 Prozent haben keinen Job. Doch Menschen mit dem Asperger-Syndrom, das gemeinhin als leichte Form des Autismus definiert wird, haben oftmals ein ganz besonderes Spezialwissen, sagt Dirk Remus-Müller. Er ist Gründer der Berliner Firma auticon, die als erstes Unternehmen in Deutschland ausschließlich Menschen mit Asperger-Syndrom als Softwaretester anstellt.

rbb PRAXIS hat mit Dirk Remus-Müller über seine Idee gesprochen, Stärken und besondere Fähigkeiten von Menschen mit Autismus arbeitsrelevant einzusetzen.
Dirk Müller-Remus, Gründer des IT-Unternehmen Auticon (Quelle: dpa)
Herr Remus-Müller, wie sind Sie auf die Idee gekommen, auticon zu gründen?
Ich habe eine ganz normale berufliche Laufbahn hinter mir, war Geschäftsführer in unterschiedlichen Unternehmen der Telekommunikation und Medizintechnik. Aber schon in meiner Jugend hatte ich ein Faible für "schräge" andersartige Menschen. Hinzukommt, dass eines meiner vier Kinder, mein Sohn, mit Asperger-Syndrom diagnostiziert wurde. Meiner Frau und mir ist von Anfang an aufgefallen, dass er einfach anders ist: auf der einen Seite hat er enorme Fähigkeiten und Potentiale, die bei ihm im künstlerischen und musischen Bereich liegen, auf der anderen Seite große Schwierigkeiten, einfachste Dinge im Alltag zu organisieren und zu erledigen.

Und dann kommt natürlich bei jedem Elternteil die Frage auf: was soll denn mal aus ihm werden? Das hat uns zunächst ein bisschen verzweifelt gemacht. Daraufhin kam dann aber irgendwann die Idee, die Fertigkeiten und das spezielle Wissen von Asperger-Autisten als Stärke zu nutzen und als Dienstleistungsangebot auf dem freien Markt anzubieten. So ist die Idee entstanden, auticon zu gründen.

Welches sind die besonderen Fähigkeiten von Menschen mit Asperger-Syndrom und wie nutzen Sie diese in Ihrem Unternehmen?
Jeder Asperger-Autist hat ein bestimmtes Spezialinteresse. Das kann von Stärken im IT-Bereich bis hin zum geisteswissenschaftlichen und künstlerischen Bereich gehen. Diese Spezialinteressen sind die Besonderheit bei Asperger-Autisten – dieses sich hundertprozentig auf eine Sache konzentrieren können. Das ist letztendlich auch der Auslöser für viele ihrer Probleme, weil aufgrund ihrer Spezialinteressen gar keine Zeit mehr für andere Dinge bleibt. Wir haben uns auf ein Thema gestürzt, das bei allen Asperger-Autisten gleich ausgeprägt ist: das Thema Qualitätsmanagement und Qualitätssicherung. Asperger-Autisten können nicht anders als Fehler zu sehen, sie zu benennen und zu systematisieren. Wenn es gelingt, dieses Faible für Qualitätssicherung zu kombinieren mit einem Spezialinteresse, dann ist man auf dem richtigen Weg.

Und das ist genau das, was wir hier tun: wir bieten eine Dienstleistung im Bereich Qualitätssicherung und speziell Softwaretesting an. Denn es gibt viele Asperger-Autisten, die das Spezialinteresse IT haben. Zusammen mit der Fähigkeit zum Qualitätssichern ist das optimal für diesen Bereich.
Das auticon-Team Berlin (Quelle: Auticon)
Wie haben Sie Ihre Firma auf die speziellen Bedürfnisse Ihrer Arbeitnehmer ausgerichtet?
Was wir erst einmal nicht machen, ist zu versuchen, die Asperger-Autisten zu verändern, sondern wir akzeptieren jeden, so wie er ist. Die Schwächen, die sie haben - also im Bereich der sozialen Interaktion und Kommunikation - werden akzeptiert. Und wir haben zwei Jobcoaches, die helfen und beraten, wenn es in Richtung Austausch und Kommunikation mit Kunden geht. Wir bieten ein Berufsumfeld, in dem sie sich auf das konzentrieren können, was ihnen Spaß macht. Und das ist die Beschäftigung mit einer Aufgabe, an die sie lösungsorientiert herangehen. Man muss eben nur darauf achten, dass sie sich auf diese Sache konzentrieren können – hundertprozentig. Deswegen sieht es bei uns auch sehr klinisch aus, ganz schlicht und weiß ohne Bilder an den Wänden. Das machen wir ganz bewusst, weil unsere Leute diese Ablenkungsmöglichkeiten nicht mögen. D.h. Konzentration auf die Sache, auf die Aufgabe und nicht so sehr die Beschäftigung mit Menschen.

Wie ist die Situation für Menschen mit Autismus auf dem Arbeitsmarkt generell?
Autisten haben oft eine lange Frustrationskette hinter sich. Aufgrund der Probleme in der sozialen Interaktion und Kommunikation sind leider nur fünf bis zehn Prozent der Autisten beschäftigt. Viele sind arbeitslos, haben einen Schwerbehinderten-Ausweis oder beziehen Frührente. Wir haben bei auticon mittlerweile 180 Bewerbungen bekommen. 95 Prozent der Bewerber sind arbeitslos, obwohl sie ein erstaunliches Fachwissen aufweisen. Aber der normale nullachtfünfzehn-Betrieb kommt mit diesen Menschen nicht zurecht.

Was bedeutet Ihren Mitarbeitern die Arbeit bei auticon?
Viel. Wir haben Mitarbeiter bei uns, die haben außergewöhnliche Fähigkeiten und konnten die jahrelang überhaupt nicht anwenden. Aber jeder braucht Bestätigung und Erfolgserlebnisse. Das führt dazu, dass viele nicht nur Autismus haben, sondern bedingt durch die vielen Frustrationserlebnisse sehr oft zu kämpfen haben mit Depressionen. Die Leute, die bei uns arbeiten, verändern sich teilweise komplett. Sie haben hier eine sichere Heimat, sie müssen sich nicht verstellen, die Erfolgserlebnisse sind da und das Selbstvertrauen wächst.

War die Akquise von Kunden für Ihr Unternehmen schwierig oder wurde Ihnen mit Offenheit begegnet?
Am Anfang war das natürlich nicht ganz so einfach mit so einer innovativen Idee. Aber die Unternehmen haben relativ schnell verstanden, dass das eine Win-win-Situation ist und für sie ein großer Vorteil, mit Menschen mit einer solch großen Kompetenz im Qualitätsmanagement-Bereich zusammenzuarbeiten. Wir haben derzeit acht Kunden, darunter große und renommierte Unternehmen. Dafür, dass wir noch nicht so lange auf dem Markt sind, ist das ganz gut. Bei den Unternehmen bemerke ich schon so ein Umdenken in Richtung soziale Verantwortung und Nachhaltigkeit.

Wie läuft das Bewerbungs- und Auswahlverfahren bei auticon ab und suchen Sie noch Mitarbeiter?
Ja, wir suchen noch Mitarbeiter. Von der Bewerbung bis zur Festanstellung dauert es in etwa vier bis sechs Monate. Wir haben ein relativ aufwendiges Rekrutierungsverfahren: es fängt damit an, dass die Bewerber ihre Unterlagen schicken. Dann prüfen wir, ob eine bestimmte IT-Kompetenz vorhanden ist. Zudem sollte eine Autismus-Diagnose vorliegen. Das reicht, um zum Informationsgespräch eingeladen zu werden. Dann erfolgen ein Informationsgespräch mit den beiden Jobcoaches, ein fachlicher Eignungstest und eine so genannte Vorbereitungsphase von drei Wochen. Erst dann bekommen die Ausgewählten einen Festanstellungsvertrag bei auticon mit einem ganz normalen marktüblichen Gehalt als Junior-Softwaretester. Nach der Vorbereitungsphase findet eine einmonatige IT-Schulung statt und dann geht es richtig los.

Was haben Sie selbst im Umgang mit Ihren Mitarbeitern gelernt?
Der Respekt vor anderem Denken, der ist sehr gewachsen. Es gibt eben Menschen, die sehen die Welt ganz anders nach rein logischen Gesichtspunkten. Dadurch habe ich persönlich gelernt, mich viel präziser auszudrücken – klar, deutlich und zielorientiert.

Vielen Dank für das Gespräch.
Das Gespräch führte Nadine Bader

Service

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