
rbb PRAXIS Interview -
Immer mehr Menschen schlafen schlecht, fast jeder Dritte klagt über Einschlaf- oder Durchschlafprobleme. Den einen plagen die Schlafstörungen nur ab und zu, der andere quält sich jahrzehntelang durch die Nächte. rbb PRAXIS-Autorin Beate Wagner sprach mit der Projektkoordinatorin der Schlafakademie Berlin, Thea Herold.
rbb Praxis: Worauf führen Sie die weit verbreiteten Schlafstörungen zurück?
Wer bekommt durch Stress eine Schlafstörung, wer eher eine Migräne oder chronische Bauchschmerzen? Trifft es bestimmte Typen?
Sind Schlafstörungen die ersten Anzeichen für eine psychische Überlastung oder ist es da bereits "fünf vor zwölf"?
Jedes Schlafproblem ist individuell. "Fünf vor zwölf" klingt mir zu sehr nach Alarm. Denn wenn uns vor einer Abschlussprüfung oder einer Premiere, vor dem Abschluss eines Testlaufs oder vor einer wichtigen Präsentation die Nachtruhe nicht wirklich kommen will, dann ist das eine psychische Sondersituation, die sich auf den Schlaf auswirkt. Danach entspannt man sich im Normalfall wieder.
Sie haben zusammen Sandra Zimmermann 2011 die Schlafakademie Berlin gegründet. Wie kam es dazu?
Die Schlafakademie Berlin ist ein Projekt von Somnico, das Institut für Schlafmedizin. Prof. Dr. Ingo Fietze, der Leiter des Schlaflabors der Berliner Charité, kannte die Idee für eine Schlafschule von meiner Kollegin Frau Zimmermann ebenso wie mein Konzept "breakreminder" für ein Pausenseminar, das ich seit 2010 gab. Er ermutigte uns zusammenzuarbeiten. Heute gehören auch Julie Heimlich und Edeltraut Körber zum Team.
Was bietet das Programm der Schlafakademie?
Wir haben neben dem Basiskurs aktuell verschiedene Formate. Der Insomnie-Kreis steht beispielsweise für Betroffene offen und arbeitet in kleiner Runde. Präventiv klären wir über die Themen Pause und Schlaf in Workshops, Referaten und an dem Gesundheitstag auf. Wir waren bei der langen Nacht der Wissenschaften vertreten, haben beim Temporären Campus auf der Grünen Woche für Studenten und Azubis einen Workshop gegeben. Wir schulen in Betrieben, sind im Programm des IIGM – der Pflegeakademie und beraten Pflegekräfte. Letztes Jahr haben wir beim Jugendtag zum gesunden Schlaf mitgewirkt.

Für viele Betroffene kann es hilfreich sein, einen objektiven Blick auf den eigenen Schlaf zu bekommen. Wenn sie sich eine Woche lang mit dem Aktimeter und dem Schlaftagebuch genauer als sonst beobachten, wenn sie notieren, wann und wie sie schlafen, kann das den Blick auf das leidvolle Thema durchaus versachlichen.
(Anmerkung der Redaktion: Ein Aktimeter ist ein Gerät, das einer Armbanduhr ähnelt und einen Sensor enthält, der aufzeichnet, wann sich der Körper bewegt und wann er bewegungslos ist. Es zeichnet also den Schlaf-Wach-Rhythmus auf.)
Kann das bei Betroffenen nicht auch dazu führen, dass sie nachts anfangen, darüber zu grübeln, ob sie beim Schlafen alles richtig machen?
Ja, das kann unter Umständen vorkommen. Aber das passiert wahrscheinlich auch dann schon, wenn man ein Buch dazu liest, einen Zeitungsbeitrag, eine Sendung sieht oder hier dieses Interview.
Was ist bei Schichtarbeitern das Problem? Was können sie tun, Schlafprobleme loszuwerden?
Schichtarbeit ist generell eine Belastung für den Schlaf-Wach-Rhythmus, die Menschen tolerieren die Schichtarbeit aber sehr unterschiedlich. Der sensible Schläfer ist schneller von einer Schlafproblematik betroffen. Erfahrene Schichtarbeiter haben hingegen oft ihr persönliches Regime mit der Nachtarbeit gefunden und kommen gut damit zurecht. Generell ist der sogenannte Vorwärts-Wechsel (Früh-Mittel-Nachtschicht) für die Schlafgesundheit am besten.
Zu welchen schlafhygienischen Regeln können Sie für den praktischen Alltag raten?
Schlafrituale sind enorm wichtig. Eine Entspannungstechnik zu erlernen ist besser, als jede Versicherung abzuschließen. Ansonsten ist alles erlaubt, was dem guten Schlafen dient: vom Lavendelkissen über Einschlaflektüre und Musik bis zum regelmäßigen Einschlaftermin.
Wann sollten Betroffene Schlafmedikamente ausprobieren?
Nur wenn Sie vorher vom Arzt, am besten von einem Schlafmediziner, dazu beraten wurden und eine medizinische Indikation vorliegt.

Ist der schlechte Ruf verschreibungspflichtiger Schlaftabletten gerechtfertigt?
Nein. Die berechtigten Gründe für das entsetzliche Image der Schlaftablette liegen ein halbes Jahrhundert zurück.
Sie arbeiten auch präventiv in Unternehmen. Was lernen die Mitarbeiter in der Schlafakademie Berlin?
Wenn wir an einem Vormittag in einem Unternehmen bei der Mitarbeiterschulung über gesunden Schlaf sprechen, stehen wir einem hellwachen und höchst interessierten Publikum gegenüber. Schlaf nimmt ein Drittel unserer Lebenszeit ein. Das interessiert jeden. Auch den, der gut schläft. Das sind immer noch die meisten.
Inwieweit beeinflussen auch gute Arbeitsbedingungen den Schlaf?
Zufriedensein mit dem Tagwerk, eine harmonische Arbeitsatmosphäre und die kollegiale Anerkennung sind beste Voraussetzungen, um sich abends ruhig ins Bett zu legen und sich die Zeit fürs Ausruhen zu gönnen. Dass der Schlaf auch Zeit braucht, das ist so banal, das es oft vergessen wird.
Herzlichen Dank für das Gespräch.

