
rbb Praxis Interview -
Ein Stuhl, ein Tisch und ein Spiegel und schon kann die Therapie beginnen. Was nach einer Zirkusnummer aussieht, kann Patienten langfristig helfen, Lähmungen und Schmerzen nach einem Schlaganfall oder schweren Unfällen zu überwinden. rbb Praxis sprach mit Dr. med. Christian Dohle, Ärztlicher Direktor und Chefarzt Neurologie, MEDIAN Klinik Berlin-Kladow
Es sieht so einfach aus, dass man gar nicht glauben mag, dass es funktioniert. Doch zahlreiche Studien belegen den Erfolg der Spiegeltherapie.
Ja, als vor ca. 20 Jahren Vilayanur Ramachandran erstmals die Idee zum Einsatz eines Spiegels präsentierte, war man noch skeptisch, ob dies wirklich einen Nutzen für Patienten bringen würde. Doch mittlerweile gehört beispielsweise die Spiegeltherapie nach einem Schlaganfall zu den am besten untersuchten, evidenzbasierten Therapien überhaupt.
Wie funktioniert die Theapie?
Bei der Therapie wird ein Spiegel mittig vor dem Körper aufgestellt. Das Spiegelbild des gesunden Armes sieht so aus, als wäre es der betroffene gelähmte Arm. In Untersuchungen der Hirnaktivität konnten wir zeigen, dass sich das Gehirn auf diese Weise täuschen lässt: Es "glaubt" tatsächlich, es handele sich um die betroffene Seite. Es kann nicht unterscheiden, ob es seine eigene rechte oder gespiegelte linke Hand vor sich hat.
Welche Veränderungen finden dabei im Gehirn statt ?
Nach Anwendung der Spiegeltherapie lassen sich Veränderungen im Gehirn feststellen. Die Bereiche, die für die Ansteuerung des Armes oder Beines im Spiegel wichtig sind, haben sich vergrößert. Das führt dann auch zu einer Verbesserung der Funktion.
Bei welchen Erkrankungen hilft die Spiegeltherape?
Die Spiegeltherapie kann vor allem in zwei großen Krankheitsbereichen empfohlen werden: Zum einen bei verschiedenen Symptomen nach Schlaganfall, wie Lähmungen, Wahrnehmungsstörungen oder der Halbseitenvernachlässigung (Neglekt). Zum anderen zeigt es aber auch gute Wirkung bei bestimmten Schmerzsyndromen, wie dem Phantomschmerz nach Amputation oder dem sogenannten Komplex-Regionalem Schmerzsyndrom, z.B. nach einer Handverletzung. Erste Berichte gibt es auch über positive Effekte bei anderen Erkrankungen, wie z.B. Bewegungseinschränkungen nach orthopädischen Erkrankungen oder Operationen, allerdings fehlen hier noch ausreichende wissenschaftliche Belege. Daher sollte der Einsatz der Spiegeltherapie immer mit qualifizierten Therapeuten oder Ärzten besprochen werden.
Wer profitiert davon, wer nicht?
Besonders profitieren die Patienten, bei denen eine Bewegung des eigenen Armes nicht möglich ist. Das ist beispielsweise der Fall bei einer schweren Lähmung oder einer Bewegungseinschränkung durch Schmerz. Bei diesen Patienten kann mit der Extremität geübt werden, ohne dass sie selber aktiv sein muss. Allerdings funktioniert das nur bei den Patienten, die auch konzentriert mit dem Spiegel arbeiten, und dem Gehirn so die Möglichkeit geben, sich täuschen zu lassen. Die Aufmerksamkeit in den Spiegel ist vermutlich eine der entscheidenden Faktoren für den Therapieerfolg.
Ist es eine Therapie auch für zuhause?
Prinzipiell spricht nichts dagegen. Patienten, die gut angeleitet wurden, können das auch zu Hause selber durchführen. Dort brauchen sie allerdings eine spezielle Anleitung. Das versuchen wir gerade zu entwickeln. Beispielsweise mit einem Handbuch oder einer CD oder einem Programm für einen MP3-Player. Hiermit kann dann zu Hause gezielt geübt werden. Eine regelmäßige Kontrolle durch einen Therapeuten bleibt allerdings unabdingbar.
Vielen Dank für das Gespräch!
Das Gespräch führte Pia Busch


